Frankfurt – drunter, drüber und davon

„Err Wurtz…“ sagte der freundliche Mitarbeiter der Luftfahrtgesellschaft, nachdem er meine Daten in den Rechner eingegeben hatte. „Ihr Flug war gestern…“
Wäre ich Schriftsteller, würde ich jetzt schreiben, dass sich die Zeit wie eingefroren angefühlt hat. Im Frankfurter Terminal 2 stand alles still….
„Sehen sie ier… no show am 29. Januar…. das war gestern.“

Es war ja nicht so, dass ich nicht im Auto bei der Anfahrt zum Flughafen gefeixt hätte und wörtlich sagte „Ihr Flug war gestern“. In Anbetracht der katastrophalen Organisation meiner Abreise, die nur mit intensiver Unterstützungsarbeit meines Freundeskreises funktioniert hat, wäre das verpasste Abflussdatum nur eine logische Konsequenz gewesen. Wir lachten im Auto.

„Err Wurtz… Ihr Flug war gestern!“ löste der Mann am Checkin die eingefrorene Zeit auf.
„Und … jetzt?“ fragte ich in guter alter Beratermanier. Die Leute am Schalter sind Profis und haben Lösungen. Man darf nur nicht zu viele Vorgaben machen, die sie in ihrer Kreativität einschränken.
„Ihr Ticket ist verfallen! Und es ist nicht bezahlt.“ Wieder frohe der Flughafen ein, diesmal 5 Grad kälter.
„Wenn die Vorgänge bezahlt sind, steht am Anfang der Vorgangsnummer eine Null. Hier steht keine Null!“
„Und … jetzt?“
Er tippte auf dem Rechner rum. „Sie mussen bezahlen…“
„Ich hab ne Kreditkarte…. das geht in Ordnung. Und … jetzt?“
„Eigentlich kann man da nichts machen…“
Eigentlich – Das Wort, dass jede argumentative Mauer zum Einsturz bringt.
„…und sie aben einen Und?… den mussen Sie auch bezahlen..“
„Ja“ sagte ich ruhig „und das Übergepäck auch.“
„Warten Sie bis alle eingecheckt sind, dann kummere ich mich um Sie.“
Der Checkin verlief zügig, dann stellte sich heraus, dass ich mit durfte. Von Frankfurt nach Madrid, von Madrid nach Montevideo.
„Sie bezahlen dann am Gate, ier geht das gerade nicht.“
Auf zum Gate, durch die Sicherheitskontrolle, die ich als ehemaliger Luftsicherheitsasssistent mit Bravour bewältigte, zum Gate.
„Verehrte Passagiere, unser Flug at Verspätung,  ungefähr…“ eine kurze Pause folgte, „…ich weiß es nicht!“
Die entwaffnende Ehrlichkeit des Mitarbeiters brachte einige Passagiere spontan zum Lachen, das aber sofort wieder im Halse steckenblieb, als das Bewusstsein bemerkte, dass das keine gute Nachricht war.
Da halfen auch keine Essengutscheine.
Als ich meinen Essengutschein erhielt und nach der Bezahlung für den Hund fragte, wurde ich gebeten, außerhalb des Sicherheitsbereichs am Checkinschalter zu bezahlen.
Also wieder raus, Gutschein in Essen Tauschen, warten. Diesmal saß dort eine Dame. „Ich muss noch den Hund bezahlen…“ „Eine Moment.. in 15 Minuten.“
Warten….
Nach 20 Minuten: „Allo! Gehen Sie bitte zum Gate! Mein Kollege wartet dort!“
Sicherheitskontrolle die 2., wieder mit Bravour, auf zum Gate.
„Ihre Kollegin sagte, ich solle hier bezahlen….“ „Ehhmmm… Hier ist ihr Boardingpass, das ist in Ordnung, ich habe mit der Kollegin gesprochen.“
Ich habe mir abgewöhnt, in solchen Situationen Fragen zu stellen, um niemanden bloßzustellen, wenn er keine Antwort weiß.
Nach kurzer Wartezeit stiegen wir in das Flugzeug, Nele bezog ihre Tragetasche und fand zum ersten Mal seit Tagen ein Wenig ruhe.
Verspätung des Fluges: 2,5 Stunden.
Ein ruhiger Flug und eine angeregte Unterhaltung mit einer frankfurter Schmuckhändlerin sorgte dafür, dass die empfundene Flugzeit gegen null ging.
Kurz vor Madrid wurde uns mitgeteilt, dass alle Anschlüsse weg sind und wir mit Shuttlebussen in ein Hotel gebracht werden.
Da ich eine Sonderbehandlung wegen meines improvisierten Fluges bekommen habe, musste ich mit ein paar anderen Passagieren zu einem Schalter im Madrider Flughafen.
Mittlerweile war es 01:30 Uhr an Tag 2 meiner Reise, und di ersten Passagiere wiesen auffällige Ermüdungserscheinungen auf, ebenso wie das Schalterpersonal.
„Wieso sind sie nicht geflogen?“ war die erste Frage der Dame hinter dem Tresen. Ihr englisch war schlecht, und ihr Kollege machte sie darauf aufmerksam, dass ich am 30. hätte fliegen sollen, der Flug Verspätung hatte, und ich deshalb am 31. um 01:50 Uhr am Schalter stehe. Mit einem Ticket vom 30.
„You av doh?“ Ich nickte. Meine emphatischen Fähigkeiten sagten mit, dass sie nach Nele fragte. „You av ticket for doh?“ Ich schüttelte den Kopf. „You must av ticket for doh!“ Ich nickte. „You av…“ sie sagte etwas, das ich nicht ansatzweise verstand und auch hier nicht annähernd phonetisch wiedergeben kann, und ich hielt Neues Reisetasche hoch. Diesmal nickte sie.
„Doh is 150 Euro.“ Ich nickte, holte das Geld aus dem Portemonnaie und legte es auf den Tresen.
Sie tippte in Ihren Rechner.
„You pe tomorro. You come with plenty time… you have standby.“
Ich erkundigte mich genauer und wurde angewiesen, um 20:00 Uhr am Schalter zu sein, um zu warten, bis alle um 23:00 eingecheckt sind.
… ich habe nicht gefragt, weshalb ich dann nicht um 23:00 Uhr kommen kann.
Dann ging es zu einem Shuttlebus, der uns alle in ein Hotel 30 km vom Flughafen entfern brachte. Ankunft 02:30 Uhr, Checkin 03:10 Uhr, auf dem Zimmer um 03:15.
Um 04:30 klingelte das Telefon…
„Senor?“ “ Ja, bitte?“ Unverständliche Brocken Spanisch quollen aus dem Hörer, doch konnte ich trotz unterbrochenem Tiefschlaf die Worte „Sao Paulo“ filtern.
„No..“ murmelte ich. „Montevideo.. manjana 11 en la noche“ – Montevideo morgen nacht um 11 Uhr – Spanisch sprechen im Schlaf… ich freute mich kurz über diese Leistung, bevor ich wieder einschlief.

Ein Gedanke zu „Frankfurt – drunter, drüber und davon“

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