Die Roboter der Wirtschaft

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Es ist mir in Deutschland gar nichts so aufgefallen, doch hier, in der Fremde, wo man als Neuer alle Eindrücke viel deutlicher wahrnimmt, entsteht ein Bild, dass ich mit Farben zu malen nicht in der Lage in.

Ich befinde mich im Hafenviertel von Montevideo, dem wahrscheinlich schäbigsten Viertel von Montevideo. 1,3 Millionen Menschen wohnen in der Stadt in urbaner Großzügigkeit. Angelegt ist die Stadt im klassischen Reißbrettmuster. Mit langen, bereiten Straßen, die Gebäude sind vornehmlich alt, groß, und wenn sie richtig groß und richtig alt sind, auch fast prunkvoll.

Der Hafen ist gar nicht so weit weg
Der Hafen ist gar nicht so weit weg


1726 wurde die Stadt gegründet und als Besucher hat man fast den Eindruck, als hätte sich danach nicht mehr viel getan. 
Das soll nicht bedeuten, dass es sich um eine malerische Mittelalterstadt handelt, sondern eher, dass viele der großen Gebäude entlang der Hauptstraßen leer stehen und heruntergekommen sind.

Die unteren Geschosse der Häuser in den Nebenstraßen sind vergittert, bemalt, und in den Eingängen, vor massiven Holz oder Metalltüren, wohnen Obdachlose. 
Die Bürgersteige sind durchweg entweder durch Wurzeln der zahlreichen Bäume aufgebrochen, oder einfach im Laufe der Zeit irgendwie zertrümmert worden. Die Geschäfte haben die auffällige Eigenschaft, dass man als Fremder von außen nur schwer erkennen kann, was im Innern angeboten wird. Dei Auswahl ist oft auf irgendein Thema eingeschränkt. Ein Wollladen hat beispielsweise Wolle und ein Stoffladen hat Stoffe. Es gibt keine Knöpfe, keine Stricknadeln, keine Scheren oder Fäden. Weder im Woll- noch im Stoffladen. Die Besitzer sind frei in der Schwerpunktgestaltung des Angebotes und sie setzen auf Spezialisierung.

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Tierärzte haben keine Praxis wie bei uns. Es sind Tierbedarfhandlungen, die von einem Veterinär geführt werden. Manche bieten Futter an, andere Körbchen, Kissen und Decken, Dritte wiederum Halsbänder, Geschirre und Wintermäntelchen.

Mit einem mit Pelzkragen versehenen Wintermäntelchen für Yorkies wendete ich mich an die junge Verkäuferin aus Venezuela. „Die sind doch für den Winter..“ Sie strahlte: „Si!“ „… und gibt es hier Winter?“ Strahlend nickte sie: „Si Senior!“ Ich machte ein anerkennendes Gesicht, hängte das Wintermäntelchen wieder an die Wand und stellte mir vor, wie ein armer Yorki bei 15° C im „Winter“ mit Pelzkragen am Strand entlang geführt wird.

Um etwa 07:00 Uhr beginnt in den Straßen das Leben. Volle Busse dröhnen durch die heruntergekommenen Straßen, umschwärmt von Autos und kleinen Zweirädern. Die Palette der Menschen reicht vom Ex Häftling, der für Geld am Straßenrand geparkte Autos wäscht, über heruntergekommene Typen, von denen ich mir nicht ansatzweise vorstellen kann, wohin sie gehen, bis zu den Verwaltungsangestellten in sauberer Bürokleidung und deren Vorgesetzten mit Hemd und Krawatte.


Mate statt Starbucks
Mate statt Starbucks

Viele von Ihnen tragen ihre morgendlichen Tee, den Mate, mit sich herum. Oft haben sie faustgroße Behältnisse mit eingebauten Strohhalmen und eine Thermoskanne mit heißem Wasser dabei. Die Becher sind bis zum Rand mit Grünzeug gefüllt, und hin und wieder wird aus der Thermoskanne Wasser nachgeschenkt.
 Diese Sitte ist so verbreitet, dass in den Bussen sogar Verbotsschilder hängen, dass man dort keinen Mate zubereiten darf. Ich vermute, dass kein Europäer, der die Busfahrweisen kennen gelernt hat, auch nur auf den leisesten Gedanken kommen würde, während der Fahrt mit kochend heißem Wasser zu hantieren.

Die Menschen befinden sich in Ihrem Programm und arbeiten es ab. Ruft man sie da raus, in dem man zum Beispiel nach dem Weg fragt, scheinen sie zu erwachen, reagieren aber sofort freundlich und hilfsbereit. Sie scheuen sich auch nicht, andere Passanten zu fragen, wenn sie selbst den Weg nicht wissen oder unsicher sind. Diese erwachen dann ebenfalls, antworten und fallen in ihr Programm zurück.

...noch ein Tierischer Nachbar
…noch ein Tierischer Nachbar

Der Like-Button von Facebook ist wahrscheinlich in Uruguay erfunden worden. Hier ist der Daumen nach oben das Zeichen für jedweden Respekt oder Anerkennung. Lässt ein Autofahrer einen Fußgänger vor sich über die Straße, bekommt er ein Like. Wirst du von einem armen Menschen nach einer Zigarette gefragt, und du erklärst, dass du nicht rauchst, bekommst du ein Like. Selbst das freundliche Grüßen eines sozialen Außenseiters wird mit einem Lächeln und einem Like beantwortet, genauso wie das Beantworten der Frage nach der Uhrzeit.


Uruguayer habe ich als durchweg hilfsbereite Menschen kennen gelernt. Selbst, wenn sie ein wenig grummelig gucken, wie beispielsweise ein Taxifahrer, oder überheblich wirken, wie die junge Frau, die im Buss die Fahrscheine verkauft während sie mit ihrem Handy Texte verschickt, so sind sie doch immer hilfsbereit.

Wer allerdings erwartet, sein Gesprächspartner würde langsamer oder deutlicher reden, wenn man zum Ausdruck bringt, dass man der Landessprache nicht mächtig ist, wird überrascht sein. Sie plappern genauso weiter wie zuvor, allerdings bleibt die Lautstärke gleich, nicht wie bei manchen Deutschen, die meinen, der andere könne eine Sprache besser verstehen, wenn lauter geredet wird.

Marihuana ist in Uruguay legal
Marihuana ist in Uruguay legal

Sicherlich ist es schwer, in einer solchen Umgebung den Konsumgedanken voranzutreiben. Dafür gibt es Einkaufszentren. Sie entsprechen dem, was in den USA die Mall ist, gehen über mehrere Stockwerke und sind eine Ansammlung von ein oder zwei Supermärkten und vielen verschiedenen Einzelhändlern. Es sind jedoch nicht die Produkte aus Uruguay, die hier verkauft werden. Das who-is-who internationaler hochpreisiger Konsummarken ist hier vertreten, wobei die hohen Preise durch Angebote wieder Nutzerfreundlich gemacht werden.

Interessant ist, dass die Einkaufszentren in verschiedenen Stadtvierteln zum Großteil die gleichen Läden haben. Lediglich der Kleinkram variiert und ist wahrscheinlich auf das gesellschaftliche Level des Viertels zugeschnitten.

Die Menschen gehen wie programmier zur Arbeit um Geld zu verdienen und anschließend in die Einkaufszentren, um es wieder loszuwerden. Dressierte Durchlauferhitzer, die lieber krank werden, als neue Muster zu finden. Vielen sieht man es an, dass sie verbraucht sind oder unter ihrer Lebensweise leiden.


Dabei besteht Leben in der Stadt. Zahllose Platanen, die die engen Straßen mit ihren Kronen überschatten, die vielen Plätze, die wie Oasen in der Steinwüste in der Mittagshitze zum verweilen und Ausruhen einladen. Überall wachsen Bäume, Blumen und Sträucher zum Teil mit wundervoll exotischem Duft.
Kleine Papageien erfüllen die Luft mit schrille Tönen, zwischen dem Dröhnen der Busse und Lastwagen.
Doch die wenigsten hören zu.
Vertieft in ihre Handys, mit Kopfhörern abgeschottet gehen sie ihren programmierten Weg. Ihren Weg durch eine Stadt, die sicher einmal gelebt hat, doch deren Bewohner sich nun abschotten, den Halt verloren haben und dafür den Programmen folgen, mit denen sie Programmiert wurden.

Es sind die Außenseiter, die leben könnten, wenn sie ihre tollen Fähigkeiten selbstbewusst präsentieren würden. Die Geschichtenerzähler und Musiker, die in den Bussen einfach nur zu Bettlern werden.

Die, die die Fahrzeuge waschen, während sie geparkt sind oder die ihre Motorroller zu Messerschleifanlagen umgebaut haben. Der Roller wird am Straßenrand aufgebockt und der Hinterreifen treibt im Standgas zwei Schleifsteine an, an denen Küchenmesser geschärft werden können.
Die Gesellschaftliche Akzeptanz scheint da zu sein. Die Messerschleifer werden genutzt, die Musiker und Geschichtenerzähler bekommen im Bus Applaus und Geld, und selbst die Verkäufer in den Bussen bringen ihre Ware an den Mann und die Frau.

Und doch scheinen sie nicht glücklich zu sein. Auch sie sind programmiert, ihre Waren anzupreisen, ihr Lied zu singen oder ihre Geschichte zu erzählen.
Die großen, prunkvollen Gebäude machen alle klein.

Plaza Independencia
Plaza Independencia

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