Hotel California – Montevideo Feb. 2016

Es war für mich immer schwer zu verstehen, dass die von den Eagles im Lied „Hotel California“ geschilderte Situation real sein könnte. Das Hotel, in dem eigentlich alles gut ist, das man aber nicht mehr verlassen kann.
Ich habe mittlerweile in vielen Hotels meine Nächte verbracht, und in einigen recht merkwürdige Menschen kennen gelernt. Menschen, die den Winter über auf Mallorca verbringen, weil die Lebenshaltungskosten in einem all inclusive Hotel geringer sind, als in Deutschland, oder den australischen Farmer in Jogjakarta, Indonesien, der dort seine Rente mit Bier und Prostituierten durchgebracht hat.

Auch in Montevideo Uruguay war wieder ein Fall, der mich immer wieder das Lied „Hotel California“ in meinem Kopf hat abspielen lassen.

Den ersten, den ich kennen gelernt habe, war Pedro, mitte fünfzig, blond, blaue Augen, aus Argentinien. Ab Mittag saß er in der Gemeinschaftsküche bei Neonlicht vor seinem Laptop und verdiente Geld. Zum einen, so erzählte er mir, schreibt er Mathematiklehrbücher und -klausuren. Scherzhaft fügte er hinzu, dass das auch der Grund für sein ortsunabhängiges Arbeiten war, denn so könnten ihn die erbosten Schüler schwerer finden.
Weiterhin hatte er einen Bekannten, der mit einem Katamaran von Europa nach Argentinien unterwegs war, und er versuchte nun zu recherchieren, wie man ein Motorrad, eine BMW 1200 GS, nach Argentinien einführen könnte.

Das Motorrad, das im Internet in Deutschland mit 6.000 Euro gehandelt wird, bringt in Argentinien schlappe 30.000 US Dollar. Das Problem ist lediglich die Einfuhr des Fahrzeugs. Man müsse nur jemanden kennen, der jemanden kennt, der einen Stempel machen darf, und dann ist man reich.
Moderne Goldgräberstimmung im Zeitalter des Internets.
Der zweite, der mir im Hotel auffiel, war vom Alter her schwer einzuschätzen. Von Mitte vierzig bis Mitte fünfzig war alles drin, obwohl er die Körperhaltung eines fünfjährigen hatte. Die Schultern leicht hochgezogen und nach vorn gebeugt, den Kopf leicht gesenkt und die Hände vor dem Bauch zusammengehalten.
Im Gegensatz zu Pedro aus der Küche, der schon recht hellhäutig war, war dieser Mensch weitestgehend bleich. Stünde er vor einer weißen Wand, so würden nur die feuchten, blaßblauen Augen, ein paar unrasierte Barthaare sowie die Öffnungen der Nase auffallen.

Er saß aber vornehmlich auf einem Hocker vor dem uralten XP-Rechner in der Lobby, und hörte mit einem Kopfhörer Musik. „Alles vom Anfang der 80er bis Ende 90er“ erzählte er mir irgendwann mal, als er mit einem Tetrapack Rotwein in der Küche stand und mir beim Essenmachen zuguckte. Darauf grenzte ich sein angenommenes Alter auf ende vierzig ein.

Er war Belgier, was mich in Verbindung mit seiner kindlich schuldbewussten Körperhaltung etwas betroffen machte, da mir sofort die Dutroux-Geschichte in den Sinn kam. Viel habe ich nicht aus ihm rausbekommen, und das wollte ich auch nicht, weil es einen Grund hat, dass ein Mann in diesem Alter in einer schäbigen Absteige an einem Lobbyrechner sitzt und Musik hört. Und diesen Grund wollte ich nicht erfahren. Auch sein Finanzierungsmodell war mir völlig gleich.

Das einzige, an das ich mich noch erinnere war, dass er sagte, er würde „sofort seinen Kram packen und hier abhauen, wenn er nur könnte…“
Willkommen im Hotel California. Dem Ort am Ende der Welt, an dem sich deine mitgenommenen Probleme wohler fühlen, als du.

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