Landkommunenhipie II – Auf dem Lande

10 Millionen Fliegen sind gerade äußerst erbost, weil ich die Küche sauber gemacht habe. Mit wildem Gebrumm suchen sie in panischer Verzweiflung die letzten Winkel nach Essbarem ab, statt einfach 5 Meter weiter zum Komposthaufen zu fliegen.
Nu ja… so ein kleiner Kopf hat eben auch Nachteile…

Die Küche
Die Küche


Nele und ich haben uns langsam eingewöhnt. Wir wohnen in einem Zelt, das mittlerweile fachgerecht montiert und Wetterfest ist, sind bei den Nachbarn gerne gesehen und haben, alles in allem, eine gute Zeit.

In Ermangelung eines Bades muss die morgendliche Körperpflege im nahegelegenen Naturteich stattfinden. Da dieser Teich den Bach speist, der das Brauchwasser der Kommune liefert, ist die Verwendung von Seife und Waschmitteln aller Art strengstens untersagt.

Ein schmaler Trampelpfad führt in einen kleinen Wald, oder besser gesagt, eine Ansammlung von Büschen und Bäumen, und dort befindet sich der Teich.

Der Badeteich
Der Badeteich

Vor Sonnenaufgang ist es hier noch recht frisch, in den heißen Mittagsstunden ist dieser Ort jedoch eine kühle Oase der Erholung. Manchmal trifft man dann Nachbarn, die auch ein kurzes Bad im kühlen Nass nehmen.
Da zu einem gewohnten Bad auch die Toilette gehört, wird auch hier auf eine Outdoorlösung gesetzt.
Das kleine Geschäft wird hinter einem beliebigen Busch abgewickelt, für die große Sitzung gibt es Trockentoiletten.
 Ich habe mich immer schon gefragt, weshalb unsere Toiletten Wasserklosetts heißen. Die Abgrenzung zum Donnerbalken fand ich schon durch das Wort Toilette, Klo oder was auch immer gegeben. Wieso diese Betonung auf Wasser?
Nun habe ich gelernt, dass es auch Trockentoiletten gibt. Im Prinzip handelt es sich um einen schwarzen Baueimer, der unter einer beliebig gestalteten Sitzgelegenheit steht. 
Meine Sitzgelegenheit ist eine Kiste, in deren obere Fläche ein Loch gesägt wurde, über dem dann eine Klobrille angebracht ist. Es gibt aber auch das Modell „Alpenhäusle“ und verschiedene Indoorlösungen, die dann tatsächlich im geschlossenen Bad eines Hauses stehen.
Für die angemessene Bedienung stehen Klopapier und ein Sack voll Sägemehl zur Verfügung. Während das Papier wie gewohnt verwendet wird, dient das Sägemehl dazu, der Hinterlassenschaft die Feuchtigkeit zu entziehen und den Trocknungsprozess zu beschleunigen.
Ist der Eimer voll, oder besser 3/4 voll, wird er auf einen speziellen Komposthaufen entleert. Aufgrund der Inhaltsstoffe wird dieser Kompost vom normalen Grünkompost getrennt. Später sollen die zwei Sorten wohl im angemessenen Verhältnis gemischt werden.

Sonnenaufgang

Die Sonne geht um ca. 07:00 Uhr auf, aber ab 05:45 Uhr ist es schon hell genug, um etwas zu machen. Bis um 10:00 Uhr sollte alles, was anstrengend und draußen zu tun ist erledigt sein, denn dann wird es heiß. Bis 12:00 Uhr ist die Arbeit im Innern des Hauses möglich, zwischen 12:00 Uhr und 16:00 Uhr ist Pause angesagt.
Ab 16:00 Uhr gibt es in der Community verschiedene Veranstaltungen, wie Montags Volleyballspielen. Donnerstag treffen sich alle in der „Bar“, einem Wohnhaus, in dessen verwinkelten Garten ca 30 Menschen sitzen, Bier trinken, Marihuana rauchen und mit Essen versorgt werden können. 
Freitags wird allgemeine Pflanzenpflege angeboten. Anna-Lucia ist sowas wie die spirituelle Chefin der Community. Sie verfügt über einen recht großen Garten, in dem sie Hunderte von Stecklingen, Setzlingen und ausgewachsenen Pflanzen hat. Die müssen alle gegossen und gepflegt werden. Für die Mitarbeit wird man mit Pflanzen entlohnt, oder man spendet seine Arbeit der Gemeinschaft, da Anna-Lucia einige Pflanzen der Community zur Verfügung stellt. Diese sollen dann auf gemeinschaftlich benutzen Plätzen und Wegen gepflanzt werden.

Für die größeren Arbeiten an einem Haus, wie beispielsweise dem Verputzen mit Strohlehm, oder dem Bauen eines Turmes für einen Wassertank, gibt es gemeinschaftliche Termine, sogenannte „Mincas“. Auf einem der monatlichen Treffen der Community meldet man eine Minca an, beschreibt, was zu tun ist, und nennt einen Samstag im Monat, an dem es passt.
Dann kommen an diesem Samstag alle freiwilligen Helfer, 20 bis 30 Leute und packen an. Jeder macht das, worauf er Lust hat, oder was seiner Erfahrung entspricht.
Zwischendurch wird natürlich geredet, Marihuana geraucht und Mate getrunken. Das Wetter macht die Arbeit schon hart genug, sodass europäischer Eifer sehr schnell an die körperlichen Grenzen führt.

Auf diese Weise ist das Landleben wohl organisiert, es läuft in ruhigen Bahnen, aber es läuft. Im Rhythmus des Tages bewegt sich der Mensch, mal schneller, mal langsamer. Ich persönlich finde es ansprechend, die Mittagshitze zur Ruhe zu nutzen. Es fühlt sich gut an. Genauso, wie die Untätigkeit in Europa im Winter, wenn es kalt und dunkel ist, und man genug Urlaub hat, um sich die Ruhe zu gönnen.
Nur sind mir täglich 3-4 Stunden Ruhe in der Hitze wesentlich lieber, als 2-3 Monate in Dunkelheit und Kälte.

Es ist ein anderer Rhythmus und es gibt eine kulturelle Akzeptanz, sich den meteorologischen Umständen anzupassen. Wer bei uns im Winter nicht zur Arbeit fährt. weil es in der Nacht geschneit hat, kann sich von den beflissenen Kollegen Spott und Häme anhören.
Hier gilt: Ist es zu heiß, wird nichts gemacht, regnet es zu sehr, wird auch nichts gemacht.
Aber dafür wird etwas gemacht, wenn es möglich ist, und keiner guckt auf die Uhr….

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