Wieso mache ich das?

Ich bin bitte vierzig. Ich hatte eine Job, der mir Spaß gemacht hat, einen Chef, mit dem ich zusammen groß geworden bin, und dem ich völlig vertrauen konnte. Ein Team, dass mich anerkannt, respektiert und wertgeschätzt hat, in einem Maße, das ich mir nicht vorstellen konnte.
Ich habe Menschen ausgebildet, die mir aus Sicht des wirtschaftlichen Rasters weit „überlegen“ waren.


Ich hatte ein schöne, bezahlbare Wohnung, tolle, liebenswerte Nachbarn, und viele Menschen, die mich gerne in ihrer Nähe hatten. Ich hatte Hobbys, oder besser Interessen, die mich mit interessanten und liebenswerten Menschen zusammen gebracht haben. Menschen, bei denen ich mich gut aufgehoben und verstanden gefühlt habe. Alles das habe ich aufgegeben.

Neben allen Bekundungen über meine Mut, diesen Schritt zu wagen, blieb eine Frage fast unausgesprochen: „Wieso tust du das?“

Aufgrund meines Engagements für diejenigen, die mir lieb und teuer waren, sagte ich oft mit einem Augenzwinkern: „Mutti braucht mal Urlaub…“, doch einige wenige erkannten, dass das nicht alles war. Eine spirituelle Reise nach dem Motto „Ich bin dann mal Weg“, eine Pilgerschaft, ja…. irgendwo ist da was dran. Aber es steckte mehr dahinter…
In der Vorbereitungszeit habe ich eine Tarotkarte für das kommende Jahr gezogen:

Der Narr
Der Narr

Es gibt verschiedene Deutungen zu der Karte, dem Ersten der Trümpfe im Tarot, doch der Wanderer, offen auf dem hohen Grat, mit kleinem Bündel und einem lustigen Hund an seiner Seite sowie der Blume in der Hand, hat mich tief angesprochen.

Der Narr hat das Wesen der Welt durchschaut. Er ist sorglos und geht seinen Weg. Das tiefe Wissen, das er in sich trägt, ist für viele unverständlich, weshalb sie in ihm einen Narren vermuten.

Das klang schon eher nach meiner Motivation. Ich bin tief davon überzeug, dass es das Leben gut mit uns meint, ja dass wir uns um nichts sorgen brauchen. „Im Leib deiner Mutter ist schon für alles gesorgt. Wieso sollte das nur durch die Geburt aufhören?“. Ich weiß nicht, wer das gesagt hat, aber ich erlebe auf meiner Reise, dass es keine Probleme gibt, wenn wir sie nicht als Probleme anerkennen. Solange wir nicht sagen: „Da ham wer jetzt aber n Problem!“ gibt es keine Probleme.
„Alles ist Eins“ sagen die Asiaten seit langer Zeit und drücken es durch das Ying-Yang Symbol aus. Wo Schwarz ist, ist genauso viel Weiß. Wo ein Problem ist, ist eine Lösung, sonst wäre die Welt nicht im Gleichgewicht. Die Kunst besteht nicht darin, sich die schöne Seite der Medaille anzusehen, sondern darin, sie um 90° zu drehen und auf die Seite, den Rand zu gucken. Nur so sieht man, dass „Gut“ und „Böse“ zusammen gehören und voneinander abhängig sind.Das Hilft mir bei der Akzeptanz vieler Dinge, die zunächst unschön erscheinen.

Der Narr war gut, aber nicht alles, denn er beantwortet nicht die Frage auf die Motivation.

Über Katharina Daniels bin ich an den Begriff der Serendipität gekommen. Man sucht etwas, und findet etwas anders. „In die Wege geleiteten Zufälle“ lautete der Artikel von Geist und Gegenwart. Ja! Das kam hin. Im Rahmen meiner früheren Reisen habe ich erlebt, dass, je ungebundener ich war, die Anzahl von gewinnbringenden oder vorteilhaften Situationen zugenommen hat. Gewinnbringend nun nicht für mich allein. Durch meine Freiheit hatte ich das Gefühl, der Joker im System werden zu können. Die Karte, die überall passt und hilfreich ist.

Wäre das nicht ein Lebensentwurf? Sich dem Leben hingeben, und einfach nur der Joker zu sein?

Nein, da fehlte auch noch was… Dem Mitmenschen dienen ist ist Grundvoraussetzung, denn es ist eines der Dinge, die uns erfüllen, aber Altruismus, Selbstlosigkeit lehne ich ab. (seit dem ich Bioshock gespielt habe). Egoismus ist nicht das zu tun, was man will. Das ist gutes Recht. Egoismus ist andere tun zu lassen, was man will.

„Immer wenn jemand einen anderen seine Drecksarbeit erledigen lassen will, appelliert er an dessen Selbstlosigkeit. ‚Denk nicht an deine eigenen Bedürfnisse‘ sagt er. ‚Denk an deinen Nächsten‘ — Egal wer’s gerade ist; der Staat, die Armen, das Militär der König oder Gott, die Liste hat kein Ende. Welche Katastrophe hat je mit den Worten ‚Denk nur an dich selbst‘ begonnen? Diejenigen, die für den König und das Vaterland schreien, sind die schlimmsten Zerstörer. Diese Verkehrung der Dinge, diese Lüge ist es, die die Menschheit an den endlosen Teufelskreis von Schuld und Versagen gekettet hat.“

1:50 – 3:00

Tun, was ich will, anderen dienen, ..doch da war noch mehr, irgendetwas ungreifbares.

Eben habe ich einen weiteren Stein gefunden, der in das Mosaik passt. Einen Beitrag, der mich auf ein YouTube Video gebracht hat: Der träumende Delfin.

Das Finden des eigenen Selbst? Ich habe so viel gemacht, weil die Motivation eine Unterkunft und etwas zu Essen war. Was würde ich machen, wenn ich einfach nur Spaß, Freude und Erfüllung haben wollte? Ein Joker im System sein, und gleichzeitig mit Freude und innerer Erfüllung einen Mehrwert für andere schaffen; ein Mehrwert, der ausgeglichen wird, und ein gesundes Weitermachen ermöglicht.

Ich bin ein Narr…. ich halte die Welt für komplex genug, dass jeder machen kann, was er will und ein Auskommen hat. Ich sehe Landstreicher, die von Almosen leben wollen, und die Almosen bekommen. Ich sehe Politiker, die gewählt werden wollen, und die gewählt werden. Ich sehe Menschen, die irgendwas Arbeiten wollen, um sich zu ernähren und etwas Spaß zu haben, und sie arbeiten und haben Spaß.

Und ich sehe Künstler, die davon überzeugt sind, als Künstler in Armut leben zu müssen, und sie tun es.

Manche begründen das mit dem Gesetz der Anziehung.

Heute habe ich eine interessanten Mann kennen gelernt. Seine Freunde nannten ihn „Kork“, weil er immer, egal wo er landet, oben schwimmt.

Ich fuhr mit einem Nachbarn nach Rocha, Lebensmittel kaufen. Ein Vollbluthippie mit einem Toyota Hilux, dem ersten vernünftigen Gefährt, dass ich in dieser Gegend gesehen habe. Ca. 2 Minuten, nachdem wir auf die Sandpiste nach Rocha abgebogen sind, sahen wir eine Anhalter. Ein erwachsener Mann, schlank, 1.80 m, Anfang fünfzig. Gepflegtes, rasiertes Gesicht, ein leichter Sommerhut, wie man ihn bei H&M kaufen kann, ein heruntergekommenes weißes T-Shirt mit dem Motiv von Elvis Presley, wie er bei seiner Festnahme in der Polizeidienststelle fotografiert worden ist, blaue Shorts mit weißen Punkten und ein paar Stoffschuhen. Er trug eine kleine Umhängetasche und in der Hand hielt er eine Flasche Bier. „Kork“… der, der immer oben schwimmt.

Straße in die Berge
Straße in die Berge

Wir nahmen ihn mit, und es stellte sich raus, dass er der Freund eines Freundes war, und vieles mehr. „Kork“ hatte eine Feier verlassen, weil er sich nicht wertgeschätzt gefühlt hat. Er wollte Sonntags, bei 28° im Schatten in der Siesta-Zeit, wo KEIN Mensch unterwegs ist, 18 Kilometer in sengender Hitze zu Fuß zurücklegen. Er hatte ein Bier in der Hand, eine Flasche Scotch und zwei Flaschen Wein in der Umhängetasche, selbstverständlich ein Döschen mit Marihuana und einer Pfeife… aber kein Wasser. Das sind keine Umstände, unter denen ein normaler Mensch diese Strecke unter diesen Bedingungen angeht. Aber er war „Kork“, der, der immer oben schwimmt. Und deshalb kam auch direkt ein Auto, ein Toyota Hilux mit einem Vollbluthippie, und hat ihn mitgenommen.

Und wären wir nicht gewesen, wäre ein anderer gekommen.

Ich bin ein Narr, wenn ich sage, dass ich dahinter Prinzipien erkenne, Muster, die so alt sind, wie das Universum selbst. Früher dachte ich, dass den „Dummen“ vieles gelingt, weil sie die Schwierigkeiten im Vorfeld nicht erkennen, und deshalb unbeschwert an die Sache heran gehen. Heute bin ich sicher, dass dem so ist, denn wo ist der Darwinismus, wenn man ihn mal braucht?

Ich bin ein Narr, wenn ich sage, dass alles gut gehen wird, so, wie Frau Merkel es in den Zeiten der Flüchtlingskrise tut. Es wird gut gehen, denn wir haben keine andere Chance als das zu akzeptieren, was kommt – egal, was es ist. Und wenn wir uns dafür entscheiden, dass es gut ist, wird es so sein.

Wieso also nicht ins Leben springen, wie so nicht tun, worauf man Lust hat, gleichzeitig dem nächsten Dienen um Erfüllung zu erfahren, und sich an anderen Kulturen, Menschen und der Natur erfreuen?

Wieso nicht der Joker sein, der die Leben anderer verändert, bereichert, und daraus seine eigene Existenzberechtigung erschöpfen? (Er-schöpfen, nicht im Sinne von langsam schwächer werden, sondern im Sinne von aus sich heraus etwas schöpfen – so, wie er-finden)

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