Nele und die Medizinfrau

Als kleiner Hund in einem großen, fremden Land, ist es oft nicht leicht. Wärmere Temperaturen, Ungeziefer, keinen Asphalt, geschweige denn Marmorböden, nur Gras, Lehm, Erde, Sträucher und Staub. Dazu kommen noch all die fremdartigen Tiere. Die Warane, die Wasserschweine und die Gürteltiere, um nur die größten zu erwähnen.

Zecken, Flöhe, Milben gibt es ebenso und wahrscheinlich in viel größerer Anzahl. Mit einigen davon haben wir auch schon Bekanntschaft gemacht, allerdings standen Neles Gäste weder auf die Chemiebäder vom Tierarzt, noch auf die Essigeinreibung (ein Essig-Wasser Gemisch 1:1), die uns unsere liebe Ex-Nachbarin Carina vorgeschlagen hat.

Und dennoch gibt es immer wieder was Neues. Heute morgen sah ich nach Neles Augen. Sie hat oft etwas viel Tränenfluss, was bei kleinen Kundenhäufig der Fall ist, vor allem, wenn die Haare in die Augen hängen. Was ich heute morgen aber sah, war ungewöhnlich. Ihr linkes Auge war zugekniffen, und als ich es aufmachte, sah ich eine knallrote Bindehaut. Die Hornhaut über der Iris war weiß und trübe, wie bei einem blinden Auge, und in der oberen Hälfte der Iris hatte sie eine Pickel. Dazu war das Auge vereitert.

So ein Mist! Was ist da los?

Gestern Abend, haben wir Daniel, einen deutschen Zimmermann verabschiedet, der die Community verlassen hat. Bei der Party war auch eine Katze. Da Nele sich von Grund auf nicht mehr um andere Tiere kümmert, habe ich mir deswegen keine Sorgen gemacht. Irgendwann quiekte Nele und kam zu mir gelaufen. Sie legte sich hinter mich und schlief, bis wir nach Hause gegangen sind. Nichts ungewöhnliches. Heute morgen habe ich dann mitbekommen, dass das Auge vereitert war.

Wenn jemand einen Hund, eine Katze und viel Verstand für die Natur hat, ist es Anna-Lucia, die Frau mit dem Kräuter- und Pflanzengarten. Sie sah sich das Auge an, hielt mir auf spanisch einen Vortrag, den ich nicht verstanden habe, lief weg, kam wieder und hielt eine Blüte in der Hand. Unterhalb der blauen Blütenblätter gab es eine kleine Tasche mit Nektar. Sie öffnete vorsichtig Neles Auge und träufelte den Nektar hinein. „Speziell für Augen“ fügte sie auf englisch hinzu „Hierba Santa Lucia!“. Dann drückte sie mir noch 4 Blätter Spitzwegerich in die Hand! Spitzwegerich! Wie sehr hatte ich diese Pflanze hier vermisst! Das großartigste erste Hilfe Kraut überhaupt! Super! Ab nach Hause, den Spitzwegerich kleingedrückt und zermatscht und dann in ein kleines Glas Wasser geworfen. Mit einem sauberen Tuch… ja… das Microfasertuch für meine Brille!…. und dem Wegerichwasser Neles Auge ausgewaschen und kurz als Kompresse aufgelegt. Nele entspannte sich schnell und alles war gut.

Wieder rüber zu Anna-Lucia, fragen, ob jemand heute nach Rocha fährt. Volltreffer! Abfahrt in 20 Minuten! Manchmal läuft es sogar, wenn es nicht läuft. Ankunft beim Veterinario in Rocha um 13:20 Uhr. Geschlossen. Siesta bis 14:00 Uhr. Ich gucke mir Neles Auge an. Die Iris war Hundeaugenbraun, die Bindehaut noch etwas rot, aber kein Vergleich zu vorher. Auch Neles Verhalten hat sich geändert. Ich musste sie vom Haus zum Auto tragen(!), jetzt lief sie wieder keck über den Parklatz vor dem Tierarztladen. Meine Mitfahrgelegenheit wollte mich abholen kommen, nachdem sie ihre Erledigungen in Rocha gemacht hat, somit hatten wir Zeit.13:35 Uhr, ein Mann kam und schloss den Laden auf. Manchmal läuft es einfach! „Sind sie der Tierarzt?“ fragte ich den schlanken Mann Ende 50. „Nein, den gibts hier nicht!“ … „HÄ? Ein Riesen Schild über der Tür sagt ‚Veterinär‘, und dann gibts keine Tierarzt?“ dachte ich leise, um meine Verwunderung nicht unbewusst mitzuteilen. „Es gibt aber einen in Rocha….“ dann folgte eine Wegbeschreibung, 40 Sekunden im Prontospanisch, wie ich diese Sprechgeschwindigkeit mittlerweile genannt habe. Die Anzahl der Worte pro Minute liegt knapp unterhalb des Fast-RAP.

Ich wartete geduldig, bis der Anfall vorüber war und teilte ihm mit, dass ich nur wenig Spanisch verstehe. Er nickte verständnisvoll und wiederholte den Vortag in gleicher Geschwindigkeit. „Könnten Sie…“ ich machte die Bewegung des Schreibens, er hielt inne und improvisierte seinen Text in einer anderen Tonlage. Griff unter den Tresen und holte ein Buch hervor. Dann schrieb er mit die Nummer und den Namen des Tierarztes auf und malte eine Stadtkarte daneben. Bis zum Zentralplatz und dann 4 Blöcke Richtung Ausfahrtsstraße, dann links.

Meiner Erfahrung nach steigt die Fehlerquote ab zwei Blöcken exponentiell an. 4 Blöcke ist ein Himmelfahrtskommando. Ich nickte freundlich und fragte ihn, ob er sowas schon mal gesehen hat, und zeigte ihm Neles Auge. „AH!…. “ …Fast-RAP auf Spanisch… „Infection?“ unterbrach ich ihn. Er schüttelte den Kopf „Pinctura!“ er nahm einen Bleistift und machte eine Bewegung, als wolle er sich ins Auge stechen. Das war alles, was ich wissen wollte. Solange es keine fiesen Tiere oder Viren sind, sondern eine physikalische Verletzung, ist alles gut. Nele kann das. Sie ist unglaublich regenerationsfreudig.

Ich kaufte noch ein Bad gegen Ungeziefer, man weiß ja nie, und gab 10 Pesos, knapp 30 Cent Trinkgeld, was wieder dieses wunderbare Leuchten in den den Augen des Beschenkten entfachte.

Auf der Rückfahrt war Nele fast die Alte. Sie saß auf meinem Schoß, die Vorderpfoten auf meinen Knien und schaute durch die Windschutzscheibe auf die Straße. Mit beiden Augen. Zu Hause angekommen wollte ich sie mit ein wenig Fleisch verwöhnen und ihre Gesundung ankurbeln. Ich hielt ihr ein Stück Rindfleisch hin. Sie kam mit ihrer Schnauze bis auf wenige Zentimeter an das Fleisch ran, drehte den Kopf dann so, dass sie mit ihrem linken, mittlerweile wieder zugekniffenen Auge das Fleisch anguckte, öffnete ihr Maul und näherte sich dann keinen Millimeter mehr. „..ich kann es doch nicht sehen! ahhh… ich sehe es doch nicht….“

Diese Schmierenkomödiantin! Nachdem ich nicht auf ihr Theater eingegangen bin, hat sie es dann doch gefunden…. Welch ein Wunder!

Allerdings hat sich der Zustand des Auges wieder ein wenig verschlechtert. Also wieder zu Anna-Lucia, Kräuternachschub holen. Diesmal gab es eine Hand voll Schachtelhalm, eine Hand voll Malveblätter und einen kleinen Spitzwegerich. Ich sollte den Schachtelhalm 5 Minuten in Wasser kochen. Dann den Topf vom Feuer nehmen und die Malve und den Wegerich zugeben. Das Ganze noch mal 3 Minuten ziehen lassen, dann die Flüssigkeit in eine Behälter zum Abkühlen geben. Mit der kalten Flüssigkeit regelmäßig das Auge auswaschen.

Schachtelhalm, Malve und Spitzwegerich
Schachtelhalm, Malve und Spitzwegerich

Natürlich kann man nun in die Diskussion gehen, ob der Besuch eines echten Tierarztes nicht verantwortungsvoller gewesen wäre, oder ob nicht die Anwendung von Schulmedizin hätte erfolgen müssen. Dazu kann ich nur ein paar Sachen sagen: Ich übernehme die Verantwortung für Nele, wie ich das für richtig halte und ich brauche mich niemanden gegenüber zu rechtfertigen. Denn die Erfahrung, wie Natur wirken kann, das, was ich hier erlebt habe, alleine, wie viel besser eine einfache Tomate schmeckt, kann kein anderer verstehen. Hier, auf diesem Fleck Erde, zählt die Natur. Die Anwendung von Schulmedizin wird sicher nicht verteufelt, kommt aber erst an zweiter Stelle. Und diese zweite Stelle wird nur selten benötigt.

Ich sehe mir den Genesungsprozess von Nele genau an und sollte ich keine Besserung erkennen können, werde ich den Tierarzt aufsuchen.Das ist für mich selbstverständlich. Aber noch ist es nicht soweit.

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