Selbstmanagement und Freiheit als Eremit

„Wenn Du Gott zum Lachen bringen willst, mache Pläne.“
 (Verfasser gerade unbekannt)


Ich werde jeden Morgen ungefähr eine viertel Stunde vor Sonnenaufgang (hier momentan ca. 07:00 Uhr) wach.
Der einstige Bauherr des Hauses hat sehr viel Wert darauf gelegt, dass der Eingang nach Osten ausgerichtet ist. Und so klettere ich aus meiner Hängematte, begrüße Nele, trinke 2 Gläser Wasser, öffne die Haustür und werde von der frisch aufgegangenen Morgensonne empfangen.

Das schräge Licht wirft lange schatten, sodass jeder Krümel auf dem Boden sichtbar wird. Ein guter Zeitpunkt, um zu kehren, während das Kaffeewasser auf dem Herd langsam heiß wird.
Ein weiterer Höhepunkt ist dann die Produktion von körpereigenem Biokompost in idyllischer Umgebung.

"Gute Aussichten beim Geschäft" (aus einem Glückskeks)
„Gute Aussichten beim Geschäft“ (aus einem Glückskeks)

Nele bürsten, um dem Ungeziefer vorzubeugen, dann Frühstück machen. Irgendwie stehe ich gerade voll auf Salat. Ein bisschen Ruccola aus dem Garten, oder Kopfsalat aus dem Kühlschrank, eine Tomate, etwas Paprika, Zwiebel, Zitronensaft und Olivenöl, Pfeffer und Salz.

Kurz wieder alles abwaschen, erster Tagesabschnitt fertig!
Diese Tätigkeiten haben sich innerhalb von 2 Wochen als sinnvolles und gewinnbringendes Ritual etabliert.

„Erst die völlige Stille birgt das Potenzial, dass jedes beliebige Geräusch entstehen kann.“ (auch wieder keine Ahnung, wer das gesagt hat…)

Dann stehe ich vor dem gigantischen Tor eines riesigen neuen Tages.
Der Tag erscheint mir fast wie ein Abenteuerspielplatz, wo ich am Eingang schon überlege, worauf ich heute Lust habe, und was ich machen will.
Wer nun einwirft „…und was gemacht werden muss!“, dem kann ich nur sagen, dass sich das „muss“ hier in „will“ gewandelt hat.

Klar „muss“ ich Wäsche waschen, nur genau genommen „will“ ich Wäsche waschen, weil ich mich in meiner Kleidung wohlfühlen möchte. Ich will Handtücher waschen, weil ich Wert auf Sauberkeit in der Küche lege. Ich will einkaufen fahren, weil ich gerne etwas zu Essen und zu Trinken im Haus habe.

Expeditionen ins Tierreich
Expeditionen ins Tierreich

Durch die fast völlige Abschottung von Menschen, die mir erzählen wollen, was gut für mich ist, ist es mir gelungen, intensiv an meinem Wertesystem zu arbeiten, und ich konnte herausfinden, was wirklich für mich wichtig ist.

Besucher - der Tatu, das Gürteltier
Besucher – der Tatu, das Gürteltier

Dabei habe ich festgestellt, dass ich Arbeitszeitpäckchen in der Größe von 2-3 Stunden als ideal empfinde. Das Schreiben und Reflektieren meiner Gedanken in Form eines Blogartikels ist mir wichtig, aber nicht länger als 2 Sunden.
Bloggen, um anderen Menschen tolle Geschichte zu erzählen, nicht länger als 2 Stunden. Die Arbeit an meinen Kinderbüchern, nicht länger als 2-3 Stunden.
Das Gleiche gilt für handwerkliche Arbeiten, Aufräumen und Tätigkeiten für die Community.
Diese Päckchen lassen sich flexibel zusammenstellen, wobei manche, in Abhängigkeit von anderen Menschen oder dem Wetter, feste Zeitfenster haben.

Erste Gehversuche mit TigerCreate (R)
Erste Gehversuche mit TigerCreate (R)

Das Verhältnis von „flexiblen“ zu „festen“ Zeitpaketen beträgt ungefähr 80:20.
Die festen 20 % geben einen gewissen Halt und etwas Orientierung. Montagabend ist nun mal Volleyball angesagt, Donnerstag gehts in die „Kneipe“, Freitags ist Gartenarbeit dran.

„Nimm dir die Zeit für deine Gesundheit, sonst bekommst du sie von der Krankheit.“ (google weiß auch nicht, wer gesagt hat)

Den Sonntag habe ich für „Körper und Seele“ reserviert. Immerhin dient mir mein Körper die ganze Woche, dass ich meine Arbeiten machen kann, also hat er auch mindestens einen Tag verdient, an dem ich mich bewusst liebevoll und dankbar um ihn kümmere. Sozusagen der „Wellness Sonntag“.
Wenn Abraham Lincoln gesagt hat: „Wenn ich 8 Stunden Zeit hätte, um einen Baum zu fällen, würde ich 6 Stunden damit verbringen, die Axt zu schärfen“, sollten wir uns noch viel mehr um unsere Körper kümmern…

Après Yoga
Après Yoga

Welchen Vorteil haben diese Zeitpäckchen? 
Zum Einen bin ich damit sehr flexibel, da ich weiß, dass ich maximal 3 Stunden an etwas gebunden bin.
Somit kann ich in kurzer Zeit Prioritäten ändern und mich den Umgebungseinflüssen anpassen.

Zum Anderen tue ich das, was ich in diesem Moment machen will, was für mich persönlich bedeutet, dass ich es mit Hingabe und Leidenschaft mache. Das garantiert einen Erfolg, denn alles, was mit Liebe gemacht ist, ist gut gemacht.

Und wo sind die Nachteile?

Der Nachteil ist die Außenwirkung, da überall angefangene Baustellen zu sehen sind, was von manchen vielleicht als chaotisch angesehen wird. Es kann auch sein, dass manche Dinge aufgrund von Priorisierungen sehr lange liegen bleiben. Das sieht dann aus wie: „aha… da hat er wieder was angefangen und keine Lust mehr gehabt….“

Ein weiterer Nachteil sind „Rüstzeiten“, also die Vorbereitungen für eine Arbeit, sowie das anschließende Aufräumen bzw. Nachbereiten. Aus klassischer Sicht macht es keinen Sinn, eine Stunde vor- und nachzubereiten, wenn man dann nur 2 Stunden an etwas arbeitet, was eine Gesamtzeit von 4 Stunden hat. Sinnvoll wäre es, die Arbeit innerhalb von 4 Stunden zu Ende zu bringen.

Der dritte Punkt ist die unglaubliche Komplexität verschiedenster Baustellen, die es im Auge zu behalten gilt.

Wie gehe ich mit den Nachteilen um?

Die Außenwirkung
… ist mir so egal, wie der Sack Reis, der irgendwo umfällt. Die Menschen denken eh von dir was sie wollen, also sei einfach du selbst. Die einzige Person, die es zu beeindrucken gilt, bist du selbst. Jeden Tag aufs Neue.

Die Rüstzeiten
Ein Schriftsteller hat mal gesagt: „Wenn ich eine Idee habe, dann beginne ich zu schreiben. Ich schreibe aber niemals Alles auf. Ich höre mittendrin auf, weil ich dann am nächsten Tag scharf drauf bin, weiter zu machen.“

Ich nehme verhältnismäßig lange Rüstzeiten gerne in Kauf, wenn ich dafür etwas tun kann, was mir Freude macht und mich erfüllt. Die Rüstzeiten zählen für mich schon als Teil der Arbeit, denn erst, wenn ich gut vor- und nachbereitet habe, kann auch das in der Mitte gelingen. (Andreas Mertens nennt das „Angeschnallt starten und landen“) Die Arbeit ist nicht fertig, wenn der letzte Ziegelstein gesetzt ist, sondern wenn die Werkzeuge wieder gereinigt an ihrem Platz stehen.

Nur so ist die Umgebung im gleichen Zustand wie zuvor, zuzüglich der Bereicherung durch die getane Arbeit.
Unter dem Strich bleibt ein Plus.

Die Komplexität

Die wachsende Komplexität bringt wachsende Verantwortung mit sich. Ich bin für Nele verantwortlich, dass sie was zu Essen hat, meine Pflanzenschule muss ich täglich gießen, damit die kleinen Pflänzchen wachsen, das Haus muss ständig geputzt werden, damit keine Fliegen kommen u.s.w.

Hier hat mir Heinz v. Förster weitergeholfen.
Sinngemäß hat er gesagt, der Mensch hat die Freiheit, Entscheidungen zu treffen. Wenn er eine Entscheidung getroffen hat, so übernimmt er für sie die Verantwortung.

Wenn ich es doof finde, Tiere zu essen, dann esse ich im Steakhouse eben einen Salat oder gehe erst gar nicht hin. Wenn ich mich für den Glauben an einen rachsüchtigen Gott entscheide, lebe ich in Angst, wenn ich mich für einen liebenden Gott entscheide, lebe ich in Liebe. Ich trage die Verantwortung für meine Entscheidung, die ich frei treffen kann.

Die Freiheit nimmt also in dem Maß zu, wie wir bereit sind, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.
Das hört sich erst mal komisch an, da bei uns Verantwortung und Verpflichtung gerne in einen Topf geworfen werden, und ehh… wer will schon Verpflichtungen?


Ich kann mittlerweile sagen, dass die Verantwortung für meine Blog, für Nele, für meine Baustellen und meine Experimente mir ein riesiges Maß an Freiheit geben.

Ich mache das nicht alles, weil ich hier die Freiheit dazu habe, sondern Freiheit entsteht erst durch das machen, durch das Erschöpfen von Dingen.
Die Vorsilbe „er-“ als Anzeichen für „von Innen heraus“. Erschöpfung ist also eigentlich die Herstellung, die Schöpfung aus einem Inneren Antrieb, nicht die Ermüdung.

Ich könnte ja auch hier im Haus sitzen und nichts machen. … und dann? Dann wäre ich ein Gefangener im Paradies, aber immer noch ein Gefangener.

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