Nele unter den Rädern, weitere vier Pfoten und viele Stimmen

Ein kleiner Hund hat große Vorteile. Er ist schnell eingepackt, sparsam im Verbrauch und wird von den meisten Menschen, die nichts für Hunde übrig haben, zumindest toleriert.

Der Nachteil ist, dass man ihn vom Fahrersitz eines Autos nur sehr schwer sehen kann….
So hatte Nele heute ihre erste Kollision mit einem Kraftfahrzeug.


Auf der Wiese eines Rinderfarmers hatten wir uns einen Platz gesucht, um die Rallye zu sehen. Alles war prima entspannt, irgendwann kam der Besitzer des Grundstücks. Mit Kind und Kegel legte er die 300 Meter vom Haus zur Straße in seinem VW Caddy zurück, parkte mit der Ladefläche zur Straße, stelle seine Klappstühle auf und genoss das Rennen.
 Als alles Vorbei war, packte er alles ein und fuhr wieder 300 Meter nach hause. Oder sagen wir, das war sein Plan.


Ich wollte auch wieder nach hause, packte ebenfalls ein und ging los. Nele folgte mir wie gewohnt in einem Abstand von 2-3 Metern, und irgendwie war sie zu der Zeit am Caddy, als der Rinderfarmer den Motor startete um seine Heimreise anzutreten. Dem Geräusch der Zündung folgte ein kurzes aber durchaus bekanntes „Quiek!“… Ich drehte mich um und sah nur das Auto, das sofort wieder zum Stehen gebracht wurde. Der Fahrer stieg aus, und in dem Moment kommt Nele hinter dem Auto hervor. Mit tief eingezogener Rute und humpelndem linken Hinterbein.

Der Rinderfarmer entschuldigte sich sofort bei mir und gab immer wieder an, dass er sie nicht gesehen habe. 
Ich prüfte dieweil das Bein, aber Nele verhielt sich beim Abtasten ruhig und ließ keinen Grund zur Sorge erkenne.
„Puh!“ dachte ich, „das hätte mir noch gefehlt, dass Nele schon wieder was passiert“. Das Humpeln der Zerrung und das von der Katze verletzte Auge waren gerade wieder gut geworden, und auch die Läuseplage war überstanden.

Wir gingen die Straße entlang nach Hause und das Humpeln legte sich nach einigen Metern wieder.
Wir trafen noch Nachbarn, einen wilden Hund, der uns nach hause begleitet hat, und jetzt im Moment, wo ich schreibe, an der Eingangstür kratz und gerne ins Haus will….
Im Gegensatz zu unserem herumtobenden Begleithund (ich schätze noch kein Jahr alt, weiblich und irgendwas mit Jagdhund, über Knie hoch) war Nele natürlich langsamer, lief aber brav hinter mir her.


Bis mir ihre Zunge auffiel!

Normalerweise ist sie beim Laufen Himbeer- bis Erdbeerrot, also sauerstoffreich und gut durchblutet, für die Kühlung des Organismus. Jetzt war sie Fliederfarben und erinnerte mich eher an die Lippen eines stark unterkühlten Menschen. Nichts mehr mit Sauerstoff im Blut. Das sonst gleichmäßige Hecheln war jetzt ein stoßweises „nach Luft schnappen“ mit rasselnden Nebengeräuschen. Mist! Ganz großer Mist!
Noch 350 Meter bis nach hause, dazwischen die Furt am Badesee, deren Wasser immer noch bis zum Oberschenkel geht.

Und ganz nebenbei noch eine junge Hündin, die es ganz toll fand, eine neue Familie gefunden zu haben und ständig meine Aufmerksamkeit suchte.
In Anbetracht der Lage nahm ich mir nicht die Zeit, den neuen Hund zu vertreiben,und irgendwie wollte ich das auch nicht. Ich nahm Nele auf den Arm und ging zügig nach Hause.

Die Atmung verschlechterte sich mehr und mehr.
 Mit Knochenbrüchen und offenen Wunden kann ich gut umgehen. Das ist offensichtliche Mechanik. Bei so Sachen, bei denen ich nur die Symptome sehe, aber keine Ursache erkennen kann, bin ich ein Weichei. Innere Verletzungen, Hirnblutung, dieser Dinger, wo man nicht rankommt, sind für mich extrem unangenehm, da hier meine sonst willkommene Fantasie Dinge eproduziert, die eher kontraproduktiv sind.


Mit Nele auf dem Arm und der Kamera in der Hand durch den Bach und ab nach hause. Das Rasseln wurde schlimmer. Auf der Couch verwandelten sich die Sorgen in massive Ängste. Nele schnappte immer mehr nach Luft, die Augen waren weit aufgerissen und der Blick apathisch.
„Neles letze Reise…“ schoß es mir durch den Kopf! Nur hatte ich das Kapitel auf unbestimmte Zeit in die Zukunft geschoben. Trauer und Verlustangst legten sich wie ein bleiernes Tuch über mich.

Kreditkarte! Ich hatte meine Kreditkarte und konnte einen Tierarzt bezahlen! Nur wie komme ich die 20 Kilometer nach Rocha? Alle Nachbarn waren wegen des Rennens an diesem Wochenende ausgewandert, oder beruflich unterwegs….


Anna-Lucia! Die Kräuterfrau ist da, und außerdem ist sie gewohnt, dass sie mein Ansprechpartner für Neles gesundheitliche Probleme ist.
Um Nele das Gefühl von Sicherheit und „Höhle“ zu geben, habe ich sie in Ihre Transporttasche gelegt und bin los. Mein strategisches Denken bleibt in solchen Situationen zwar bestimmend, aber diesmal wurde ich von meinen Emotionen schwer gebeutelt.
Ich muss gestehen, dass ich mir erst ein paar Tränen aus dem Gesicht wischen musste, bevor ich den Garten von Anna-Lucia betreten konnte.

„Die Strecke ist gesperrt… wir können nicht nach Rocha!“ war ihre Antwort auf meinen Hilferuf.
Mist… ja! Die zweite Runde der Rally hatte gerade angefangen, und das Safetycar fuhr in diesem Moment mit „Lalüüüü-Lalüüüüü!!“ an unserem Grundstück vorbei. Taubheit stellte sich ein.


Mein Gehirn war nicht mal in der Lage, obszöne Verwünschungen zu formulieren. 
Anna-Lucia kam mit zu mir nach hause. Dort stellte wir fest, dass die Transporttasche leer war.
Immer noch kein Fluchen aus meinem Kopf, dafür ein Anflug von Panik.

Wo ist Nele? 
„Elefanten gehen, wenn sie wissen, dass sie..“ „HALT DIE SCHNAUZE!“ gebot ich meinem Kopf Einhalt.

Nele lag hinter dem Tisch im Kamin, einer von ihr selbst gewählten Höhle.
„Ok, sie sucht Schutz, d.h. die Lebenserhaltungsinstinkte funktionieren noch“. Ich zog Nele unter dem Tisch raus und Anna-Lucia sah sie sich an.
Danach erzählte sie ein wenig auf spanisch, von dem ich nur „Malve“ (ihre Lieblingsheilpflanze) verstand. Und „warten“. „Wenn irgendwo Blut rauskommt, dann Sorgen machen. Wenn sie nach 2 Tagen nichts frisst, Sorgen machen. Ansonsten abwarten.“ war das Destillat ihrer Stellungnahme.

Sie fragte mich noch, ob Nele irgendwo empfindlich reagiere, was ich verneinen konnte. Wieder sagte sie etwas auf spanisch. Als ich mit fragendem Blick antwortete, riß sie beide Arme in die Höhe und schnitt dabei eine fürchterliche Grimasse, um sich danach sofort die Hände vors Herz zu halten und erschrocken zu gucken. „Schock?!“ fragte ich vorsichtig auf englisch. Sie nickte.

Neles Augen waren mittlerweile nicht mehr so weit aufgerissen und der Atem hatte sich ein wenig beruhigt, mein kleiner Löwe war scheinbar wieder im Rennen, zumindest auf der Ersatzbank angekommen.
Ich redete noch kurz mit Anna-Lucia über dies und das, dann erklärte sie mir, dass der fremde Hund weg müsse.

Es sei ein Jagdhund. Die werden von ihren Besitzern das Jahr über in Zwingern eingesperrt, und erst wenn die Jagdsaison beginnt werden die Türen aufgemacht. Die Hunde marodieren dann durch die Gegend und scheuchen alles auf, was lieber flieht als kämpft. Das so verunsicherte und terrorisierte Wild ist dann leichtere Beute für die Jäger.

Ich bedankte mich für den Hinweis und verabschiedete die Kräuterfrau.
Dann war ich mit meinen Gedanken und Nele alleine, abgesehen von der Hündin, die scheu ums Haus schlich.

„Nutze die Chance, deine Gefühle zu erleben!“ schoß es mir durch den Kopf. Ich war beeindruckt, denn das war der erste hilfreiche Gedanke, den mein Kopf bis eben produziert hat.
Mir blieb auch nichts anderes übrig. Mein Guthaben für das Internet war wieder weg, Nachbarn waren nicht da, und eben begann es zu regnen. …und nicht mal Alkohol im Haus, geschweige denn das lustige Pfeifenkraut aus der Nachbarschaft.


Das Ablenkungspotenzial lag bei glatt NULL!


„Na bitte“ meldete sich meine innere Stimme, die offensichtlich stark von den letzten Robert Beiz Meditationen geprägt war.

„Passt doch alles zusammen. Nimm dir die Zeit und nimm deine Gefühle an, alles wird gut, das ist nur eine Übung!“
„Und der Jagdhund da draußen? Ist das das Trostpflaster, falls es doch keine Übung ist? Der Ersatz für Nele?“ „Für Nele gibt es keine Ersatz!“ 
Ich guckte durch das Wohnzimmerfenster und sah sie friedlich schlafend an der Hauswand liegen.

„Vielleicht sowas wie ein Krafttier für Nele? Ein wohlwollender, spiritueller Helfer?“ Neles Zustand hat sich tatsächlich etwas gebessert. Sie tapst alle 20 Minuten durch das Haus wie ein Huhn, das nicht wie, wo es sein Ei hinlegen soll, aber sie tapst. Und sie atmet. Es rasselt noch, aber sie atmet. Tapsen und Atmen.

Das ist gut.

Der jungen Hundedame legte ich eine handvoll Knochen- und Fettabfälle hinters Haus, die scheu aber dankbar angenommen wurden. Das magere Tier hat es echt nötig.
 „Alter! Zwei Hunde gehen gar nicht!“ meldete sich mein Gehirn.

„Wie stellst du dir das denn vor? 
Wenn du den Jagdhund nicht weg bekommst, fliegst du aus der Community! Nele ist nur geduldet, weil sie hier kurz vor der „No dog policiy“ angekommen ist. Sie ist klein und süß und das ist ein JAGDHUND, ein seelisch verkrüppelter KILLER!“ … „aber Charme hat sie schon…. und Sie ist nicht seelisch verkrüppelt… schau die nur mal die Augen an!“ – toll so ein Gehirn, was ungefragt Dialoge führt….
„Und noch eine Übung!“ meldete sich die andere Stimme. „Angst klopfte an, Vertrauen öffnete, und niemand war da!“

Manchmal gehen mir diese Lebensweisheiten von Facebook und das ganze gequatschte zwischen den Ohren echt auf den Senkel. Aber „Annehmen statt verdrängen“ ist die Devise. 
Ich beschloss, mir einen Mate zu machen und den inneren Dialog weiter zu beobachten. 
Echt spannend, was alles so im Kopf los ist, wenn man mal Zeit hat, da zuzuhören… man braucht nur ein Wenig emotionalen Abstand, eine Thermoskanne, Mate und vielleicht etwas Tabak.
 Nun ist der Mate leer und es ist 22:00 Uhr. Der Artikel über die Rally ist fertig und Nele schläft wie gewohnt auf der Couch. Vor der Tür fiepst es ab und zu mal, was von Nele mit verhaltenem, kraftlos grollendem Geknotter beantwortet wird.

Zickenterror im Lazarett…. hatte ich auch noch nicht. Ich mache hier jetzt Schluss, lege mich mit meinem Schlafsack neben Neles Couch und dann gucken wir mal, wie es morgen aussieht.

„Sehr gut! Sei wie das Wasser…“ „SCHLUSS JETZT!“






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