Spirituelles III – Im Bann der grünen Schlingpflanze

Im Dschungel Brasiliens und Perus nennt man es Ajahuasca. Hier, in Südbrasilien ist der Name Santo Daime. Gemeint ist der Trank, der aus einer Liane hergestellt wird, die irgendwo im Urwals wächst. Manche Wissenschaftler sind sogar der Meinung, dass die Pflanze außerirdische Gene in sich trägt. Leider sind die Webseiten, die ich dazu gefunden habe derart gestaltet, dass ein glaubhafter Informationstransfer nicht gegeben ist.

Jedenfalls ist diese Pflanze mit ein Grund, weshalb ich nach Südamerika geflogen bin, und gestern bin ich ihr begegnet.

Meine Mentorin Ananda hielt es für eine gute Idee, mich mit dem Getränk auf die anstehende „transition week“ vorzubereiten. Ananda ist ende fünfzig, europäischer Abstammung, ca. 150 groß. Ihr schwarzes Haar ist von grauen Strähnen durchzogen, eine Sträne über ihrem rechten Auge hat sie zu einem Zopf geflochten, der mit einem Haargummi verknotet ist. Vorzugsweise trägt sie weite, abgetragene Röcke in verwaschenen Lilaschattierungen. Alles in allem hat sie eine Ausstrahlung von „Frau, die auch alleine im Wald leben kann“. Der von ihr angebotene Yogakurs von 06:00 Uhr bis 07:00 Uhr war mir ein wenig zu anspruchslos, was allerdings nur die Folge der Anpassung an eine ihr unbekannter Zielgruppe war. Sobald man sie fordert, leuchten ihre kleinen dunklen Augen und man bekommt eine Ahnung, wieviel Energie in dieser kleinen Frau steckt.

Gestern sagte sie mir, ich solle sie besuchen, sie hätte gute Nachrichten. Die erste Nachricht war, dass ich ein größeres Zimmer bekomme. Die zweite Nachricht war, dass ich bei den Kursen des „inneren Zirkels“ während der transition week teilnehmen darf. Die dritte Nachricht war, dass sie der Küchenfrau ein Glas Ajahuasca abgeschwatzt hat, da der lokale Händler in Cunha leider nicht da war.

Der magische Trunk wurde in einem verschraubtem Marmeladeglas präsentiert, von dem nicht einmal das Etikett entfernt worden ist. Ich hätte eher damit gerechnet, dass es sich um einen Pinselreiniger handelt. Aber wir sind ja längst über den Zustand hinaus, dass wir uns von Äußerlichkeiten blenden lassen….

Die kleine Hütte am Fluß, der source temple war gestern frei, und wir entschlossen uns, das Ritual dort zu vollziehen. Getrunken wurde der Saft in Anandas Haus, dann hatten wir 20 Minuten Zeit, um zum Tempel zu kommen, was das doppelte an Zeit ist, die man benötigt. Also alles entspannt.

Der Saft schmeckte irgendwie vertraut bitter, wie ein Hustensaft auf meiner Kindheit, nur mit einem etwas stärkeren Nachgeschmack. In vielen Fällen führt die Einnahme zu Erbrechen, was ich mir in diesem Moment nicht vorstellen konnte. Doch schon nach 5 Minuten meldete mein Magen zaghaft, dass da etwas drin ist, was er sonst nicht bekommt und was ihm suspekt vorkommt… Gut, danke für den Hinweis, noch lange kein Grund zum Übergeben.
Im Source Temple angekommen machten wir uns es mit Kerzen gemütlich, lasen ein Bisschen aus dem Course of Miracles und ließen die Pflanze die Führung übernehmen. Ich trommelte ein wenig und bemerkte, dass Ananda einige Energieschübe bekam. Sie saß auf dem Boden und wiegte den Oberkörper hin- und her. „In der Nachbargemeinde darf man das nicht“ verriet sie mir. „Die sitzen alle still da und konzentrieren sich auf ihr Kronenchakra. Wenn ich anfange, mich zu bewegen, fliege ich immer raus und komme dann später wieder rein…“
Ich wusste etwas schmunzeln, denn abgesehen von einer leichten Übelkeit und einem inneren „Bewegen“ tat sich bei mir nichts.
Nachdem ich ihr meinen nicht vorhandenen Rauschzustand berichtetet, bekam ich Nachschlag und trat unerwartet in Kommunikation mit der Pflanze. Der Saft schmeckte plötzlich widerlich.
Die kleine Stimme in meinem Kopf meldete:“Du musst alles geben, wenn du alles willst! Trink das Zeug aus!“ doch meine innere Führung erinnerte mich an eine Dokumentation über traditionelle chinesische Medizin. Dort sagte ein Arzt, dass der Patient selbst die Dosis bestimmt. Geht es ihm sehr schlecht, trinkt er sehr viel. Geht es ihm wenig schlecht, trinkt er weniger. Das sei der Vorteil von sehr bitterer Medizin.
Dazu kam ein sehr starkes Gefühl in mir auf. Es war, als wenn man eine Katze streichelt und merkt, dass sie plötzlich genug hat, die Augen zusammen kneift und bereit ist, das Unbehagen mittels Krallen zu kommunizieren. Ich spürte eine Art Drohung, die nicht von dem Saft ausging, sondern von einer Stimme, die schon in mir war. „Noch einen Schluck, und du fängst dir eine!“

Also machten wir weiter.
Ich trommelte und stimmte dazu einen Didgeridooartigen Kehlkopfgesang an, was Ananda wohl den Rest gegeben hat. Das ganze dauerte ungefähr eine Stunde, dann wurde sie wieder klar und schlug vor, nach Hause zu gehen, weil es kühl und dunkel wurde.

Als wir uns vor ihrem Haus verabschiedeten, bedankte sie sich bei mir, dass ich die Session geleitet habe. In dem Moment wurde mir erst bewusst, was ich in der Hütte wirklich gemacht hatte. „Toll“, dachte ich. „Seit Jahren habe ich diese Pflanze im Kopf und nun, wo ich sie habe, mache ich wieder einen auf selbstlosen Menschenführer.“ Aber gut, die Pflanze weiß, was sie tut, ich hatte es mir nur etwas spektakulärer vorgestellt.

Ich hatte Hunger und ging in die Küche des Gästehauses. Rindwurst, Bratkartoffeln und Salat waren nun genau das Richtige. Beim Kochen überlegte ich mir, wie ich aus dem ereignislosen Ereignis eine Geschichte für den Blog machen sollte.
Irgendwie törnte die Zubereitung meine Magensäfte an, denn während die Kartoffeln kochten, meldete mein Körper „Alarm im Darm!“

Während ich 30 Sekunden später auf dem Trockenklo saß wurde die Pflanze aktiver. Dinge, die sich dadurch auszeichnen, unbeweglich zu sein, bewegten sich sachte. Die schlecht gestrichenen Bretter der Wände ließen Gesichter und Landschaften entstehen. „Wow! Nun gehts los!“ dachte ich mir. Wenn ich nur von dem Klo runterkäme…

„Die anderen konzentrieren sich auf ihr Kronenchakra…“ erinnerte ich mich an die Worte Anandas. Und: „Ahajuasca wird immer im Dunkeln eingenommen!“ das hatte ich aus einer Doku.
Nun, wenn wir schon mal hier waren, Licht aus und Konzentration auf das Kronenchakra, während die Pflanze unglaubliche 3D Muster aus weißen Punkten vor mein inneres Auge zauberte. Gerade, als ich dachte „nun gehts richtig los!“, verschwanden die Punkte wieder und ein allgemeines Unwohlsein stellte sich ein.

Ich wurde aber aus meiner Gefangenschaft auf dem Klo befreit.
Also beschloss ich, Sterne zu gucken. Vielleicht gehts ja wieder los. Decke und Schlafsack nach draußen, aber nichts war. Ein wenig enttäuscht ging ich zu meinem Essen zurück. Sobald ich in der Küche war, nahm die Übelkeit zu und das gummiartige Gefühl in den Knien wurde stärker. Dafür schmeckte der Salat einfach nur Umwerfend!

Aber scheinbar wollte mich die Pflanze lieber drinnen als draußen haben.
Gut, einverstanden. Ich machte ein Feuer im Kamin und wurde mit unglaublichen Flammenmustern belohnt. Das Feuer wurde kurzfristig zu einer Flüssigkeit, die sich über die Holzscheite ergoß.
Da der Boden vor dem Feuer jedoch eiskalt war, legte ich mich auf die Couch, was ebenfalls kalt, aber weicher war. Ich versuchte mich mit den Decken zuzudecken, was aber daran scheiterte, dass sie zu kurz und zu dünn waren und sich immer irgendwie als Knuddle anhäuften, statt mich großzügig abzudecken.

In den Momenten, in denen ich Ruhe fand, schenkte mir die Pflanze wunderbare organische 3D Bilder, die ich zu malen nicht im Stande bin. Wenn ich die Augen öffnete hatte ich den Eindruck, wie durch ein Fliegengitter zu sehen. Alles war plötzlich gerastert, aber die Bewegungen fanden nicht mehr statt. Lediglich die Rückwand des Kamins schien sich in ein Portal zu einer anderen Welt zu verwandelt zu haben.

Ich beschloss, die Kälte zu ignorieren, die Augen zu schließen und mich der inneren Welt zuzuwenden. Doch in dem Moment, wo ich wieder Bilder sah, bellten Nele und Jiva, die noch draußen rumliefen.
Also wieder aufstehen, Essen wegräumen, Licht ausmachen und ins Bett gehen. Dort viel ich in einen traumlosen Schlaf, aus dem ich nur kurz erwachte, als Jiva mit einem dumpfen Plumps aus dem Bett gefallen ist.

Die Einnahme ist nun 12 Stunden her, ich habe zwischenzeitlich gegessen und getrunken, doch ein Bisschen spüre ich die Wirkung der Pflanze noch in mir. Mal sehen, wie es weiter geht…

4 Gedanken zu „Spirituelles III – Im Bann der grünen Schlingpflanze“

  1. „Man is the most insane species. He worships an invisible God and destroys a visible Nature. Unaware that this Nature he’s destroying is this God he’s worshiping“.
    Hubert Reeves

  2. Ich muss mich jetzt wirklich mal für deine Posts bedanken. Ich lese sie mittlerweile echt gerne, besonders deine Beschreibung der ganzen Techniken fand ich sehr interessant. Habe auch viele Leute in Cusco getroffen welche an Ajahuasca Zeremonien teilgenommen hatten. Die Geschichten was sie auch an körperlichen Entbehrungen durchmachen mussten hat mich bisher noch abgeschreckt es selbst zu versuchen. Allerdings haben sie auch von sehr interessanten geistigen Erfahrungen erzählt.
    Ein alter amerikanischer Hippi der auch etwas im schamanischen Bereich interessiert ist hat diesen Ort empfohlen http://templeofthewayoflight.org/ wo er wohl schon des öfteren war.

    Aber was du über die Gemeinschaft im Source Temple schreibst hört sich auch wirklich schön an.
    Wünsche dir weiterhin alles gute und spannende Abenteuer!

    1. Hi Ferdi!!
      Danke für den Link, das sieht richtig gut aus!
      Ich schreibe gerade einen weiteren Artikel zum Thema, denn ich war am Sonntag in der Nachbargemeinde…. Auch interessant 😀 Morgen (Freitag 05.08.2016) ist wieder eine Veranstaltung, diesmal bei uns „zu Hause“ mit Lagerfeuer und viel Freiheiten. Bin mal gespannt, wie das wird…

  3. Hi Diana Pumar,,

    Well said, „he worships at invisible God and destroys a visible Nature“!!

    But don’t judge all communities are do the same thing. I suggest you participate the Ayahuasca event in Frazier Park, CA. They strictly follow our tradition and safeguard our culture. Visit their website for more information: http://caminoalsol.org/

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