Spirituelles VI – Der Guru

Auf Facebook wurde ich nun gefragt, ob ich einer „Sekte beigetreten sei“ und die Frage hat mich belustigt, da sie aus einem Schubladendenken heraus gestellt worden ist, dass ich nicht mehr bedienen kann. Deshalb möchte ich ein etwas umfassenderes Bild des Source Temples zeigen und dabei möglichst wertfrei bleiben.

Die höchste Instanz hier im Source Temple trägt den Namen „Beloved“. Er ist Mitte 50, hat schwarz-graue, schulterlange Haare, blaue Augen und seine körperliche Gestalt ist hager. Er ist der „Guru“. Guru in Anführungszeichen, weil ich nicht weiß, ob er sich selbst als ein solcher bezeichnet. Er akzeptiert mich hier trotz meines eher schamanischen Weltbildes, da er der Meinung ist, alle Lichtarbeiter sollten zusammenhalten, und das Ziel ist eh für alle das Selbe. Aufsteigen in höhere Frequenzen bis hin zur Erleuchtung. Und gemeinsam sind wir stärker.

Ich hingegen nehme die Übungen, die angeboten werden, sehr ernst, da sie mir eine Erfahrung ermöglichen, die ich sonst nicht machen würde. Dafür gebe ich mich und meine Fähigkeiten großzügig hin. Somit gibt jeder alles und eine der Grundaussagen des Source Temple „Geben ist das gleiche wie Nehmen“ erfüllt sich.

Soweit alles gut, also wird es Zeit, einen Blick unter die Motorhaube zu werfen.

Das Buch, an dem sich alles orientiert, ist „A course in miracles“, das hier als .pdf verlinkt ist. Es hat 365 Lessons, was ziemlich genau eine pro Tag hergibt. Diese Lessons werden jeden Tag als „Motto“ verinnerlicht. Heute ist Lesson 208 dran:

I am not a body. I am free.
For I am still as God created me.

The peace of God is shining in me now.
I will be still, and let the earth be still along with me. And in that stillness we will find the peace of God. It is within my heart, which witnesses to God Himself.

I am not a body. I am free.
For I am still as God created me.

Ich persönlich habe mich in Stille zurückgezogen, da das ständige Gerede über die Wichtigkeit von Stille meinen inneren, göttlichen Frieden stark beeinträchtigt hat. Aber gut, da kann ich noch dran arbeiten obwohl ich das Gefühl habe, dass der persische Sufi-Mystiker Rumi ein ähnliches Problem hatte:

“Silence is the language of god,
all else is poor translation.”

Es geht also Grundsätzlich um das Erkennen und das Loslösen bzw Auflösen des Egos und das Erfülltwerden mit göttlicher Liebe. Die Terminologie entspringt dabei der christlichen Welt. Deshalb ist oft die Rede von Gott, Jesus, der heiligen Jungfrau. Man kann das aber auch gerne mit Universum, Liebe, Energie und anderen Begriffen übersetzen, die besser in das eigene Weltbild passen. Denn Grundsätzlich wird hier kein Weltbild sondern ein Weg angeboten.

Und irgendwer muss so ein Angebot machen bzw die Verantwortung für die Umsetzung übernehmen. Das ist die Aufgabe von Beloved. Er ist der Verantwortliche hier, der quasi die Orga übernommen hat… mal ganz weltlich gesagt. In der Insiderterminologie ausgedrückt bestimmt er die Frequenz des Ortes, heilt durch seine Anwesenheit und ist der, der einen auf dem Weg begleitet, wenn es mal nicht weitergeht.

Das Verhältnis zwischen sich und seinen Schülern/Mitbewohnern lässt er dabei von einem anderen Erleuchteten definieren, der den Standart setzt. Das, was ich mitbekommen habe waren Aussagen wie: „Der Schüler übergibt sein ganzes Leben dem Guru und der Guru akzeptiert nichts weniger als das, nicht mal am Anfang. Der Schüler legt seine Probleme dem Guru zu Füßen. Der Guru vergibt kein Mitgefühl und kein Mitleid sondern bringt den Schüler auf den Weg, die Probleme selbst zu lösen. Und am besten kommt der Schüler, wenn es ihm wieder gut geht.“

Aus irgendeinem Grund, den ich nicht genau benennen kann, stellen sich mir bei solchen Aussagen die Nackenhaare auf. Ich hab es lieber einfacher:

Everything is teacher

Doch möchte ich keine Urteile aussprechen, denn das Gurumodell hat auch Vorteile. Vom Gefühl her möchte ich sagen, das ich 90% der Bewohner hier als „hoch hochsensibel“ einstufe. Ein Psychologe, der hier als Volunteer eine Familienaufstellung machte, bestätigte mich in meiner Einschätzung. Diese Menschen sind nicht in der Lage, in dem, was wir als „normale „Gesellschaft“ beschreiben, ein Leben zu führen. Sie passen nicht ins „System“. Sie sind hochintuitiv, sensibel, liebevoll, einfühlsam und empfinden große Freude, anderen Menschen zu helfen, zu heilen, oder einfach nur gemeinsam aus Büchern zu lesen oder Musik zu machen. Sie würden in irgendwelchen schlecht bezahlten Sozialberufen ruck zuck leergesaugt zu Grunde gehen.

Manchmal fühle ich mich hier wie in einem Tempel aus einem vergangenen Zeitalter, der in der Abgelegenheit wie in einer Zeitkapsel überlebt hat und über Heilungstechniken und -wissen verfügt, die unsere Zivilisation dringend nötig hat.
Und da ich erkennen kann, dass alle hier glücklich sind, mit dem, was sie tun, muss ich sagen „Ja! Ohne Guru wäre das nicht passiert!“

Somit möchte ich abschließend sagen, dass es mir egal ist, ob ich hier in einer Sekte gelandet bin, oder nicht. Ich bin an einem Ort, an dem ich sehr wertvolle Erfahrungen für mich mache. Ich bin an einem Ort, der anderen Menschen ein sicheres Leben ermöglicht. Ich bin an einem Ort, der mehr für die Menschen leistet, als irgendein Pokemon Go, als Terrorismus- und Flüchtlingsdebatten.

„Wenn man genau hinschaut, ist alles ein Lehrer“. Und so habe ich auch hier einen Lehrer gefunden, ohne einen Guru zu haben.

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