Spirituelles IV – Die Schlingpflanze im christlichen Kleid

Die Nachbargemeinde Flor del agua ist eher ein spirituelles Hotel als eine Gemeinschaft. Ganz genau habe ich da noch nicht durchgeblickt. Was sie aber am Wochenende regelmäßig machen, sind Ajahuasca Zeremonien. Über die Pflanze habe ich schon ein wenig geschrieben geschrieben, allerdings war der Rahmen der Veranstaltung ein völlig anderer…

Die Tradition, der die Veranstalter folgen, hat ihren Ursprung im Urwald Amazoniens. Dort hat ein Europäer in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts an einer Zeremonie teilgenommen und hat von der Pflanze die Aufgabe bekommen, einen christlichen Rahmen für den Konsum der psychoaktiven Substanz zu schaffen.
Für das streng katholische Südamerika war das natürlich eine gigantische Erweiterung der Zielgruppe. Ebenfalls wurde der Name in Santo Daime umgeändert, was soviel heißt wie „Heiliger, sag mir“ oder „Heiliger, gib mir“. Sehr clevere Pflanze…
Der Sinn der Zeremonie ist, die Energie der Pflanze wird dazu zu nutzen, eine Verbindung zur Gott oder der Mutter Gottes herzustellen, um dort Antworten zu finden.

Ich bin sehr dankbar, dass die Pflanze mein Kommen gehört und im letzten Jahr einige Änderungen der Zeremonie angesagt hat. Mit der Originalnummer hätte ich wahrscheinlich aufgrund von zu viel Heiligkeit massiven Schaden genommen…

Bis letztes Jahr trugen die Herren bei der Veranstaltung Hosen, Hemden und Krawatten, die Damen lange Röcke und Blusen. Jetzt lautet der Dresscode lange Kleidung, keine schwarzen oder roten Farben.
Die Kirche ist ein quadratisches Bambushaus mit leichtem asiatischen Flair und einem einzigen Raum. (Das Titelbild stammt aus der bescheidenen Kirche in Cunha.)
Der Raum ist in eine männliche und eine weibliche Seite aufgeteilt, wo sich jeweils zwei Reihen weiße Plastikstühle befinden. In der Mitte steht ein Tisch mit Bildern von Jesus, verschiedenen Leuten, die ich nicht kenne, Blumen, Kerzen, Kreuze und was man noch so alles im christlichen Esoterikladen bekommt. Die Wände sind mit Marinegemälden versehen, kleine Marinestatuen stehen überall und in einer Ecke auf der männlichen Seite steht die „Theke“, der Tisch, an dem das Getränk serviert wird.
An der Musikanlage wurde nicht gespart und zusätzlich standen Musikinstrumente zur Verfügung.

Angeboten werden drei verschiedene Zeremonien, ich habe die Meditation erwischt. Der Vorteil dieser Zeremonie ist, dass die Regeln ganz einfach sind. Still auf den Plastikstühlen sitzen. Augen zu, Rücken gerade, weder Arme noch Beine kreuzen. Wenn man raus muss, dann so schnell wie möglich wieder zurückkommen. – Fertig.

Die Zeremonie startet mit einem Gebet, dem eine Meditation folgt. Das dient dazu, die Aufmerksamkeit auf die Frage zu lenken, mit der man gekommen ist. Dann gibts was zu Trinken. Männlein und Weiblein gehen zur Theke, hübsch der Reihe nach und bekommen vom Zeremonienmeister ein halbes Glas der braunen Flüssigkeit. Dann geht es zurück zum Platz.Augen zu, Rücken gerade, weder Arme noch Beine kreuzen.

Musik aus der Anlage. Subjektiv hatte ich den Eindruck, dass von etwas Übelkeit abgesehen gar nichts passiert. Wenn ich nun aber versuche, mich an die Musik zu erinnern, kann ich nicht sagen, was es war. Ich kann aber definitiv sagen, dass die Plastikstühle äußerst unangenehm waren, dass mein Rücken weh getan hat und dass mein Hirn mit Fluchen und Fluchtgedanken beschäftigt war. Aber keine Spur von der Pflanze.

Dann 20 Minuten Pause. In Stille versteht sich. Man soll auf die innere Stimme Hören und sich fragen, was man tun wollte, wenn man nur noch einen Tag oder diese Woche zu leben hätte. „Abhauen! Sofort!“ röhrte die Stimme in meinem Kopf.
Ananda, meine Begleiterin hielt sich natürlich nicht an das Schweigegebot. „Hast Du was gemerkt?“ fragte sie mich. Ich verneinte kopfschüttelnd. „Ich auch nicht. Sag ihm in der zweiten Runde, er soll dir mehr geben.“ Ein kurzes Gefühl der Lähmung durchzuckte mich. Zweite Runde??! Noch mal sowas??! Ein Anflug von Panik kam auf, legte sich aber schnell wieder, da ich hoffte, dass sich vielleicht doch nicht Wirkung zeigt.

Nach 20 Minuten ging es wieder rein, Musik an, dann gab es was zu Trinken. Als ich an der Theke stand, kommunizierte die Pflanze mit mit. „Nimm, was Du bekommst, es wird genug sein.“ Ich sah den Zeremonienmeister an, der mir das halbvolle Glas reichte. Er stand vor mir, den Kopf leicht schräg gehalten, mit diesem mitleidigen, esoterischen Schlafzimmerblick „Es wird genug sein.“ tönte ER nun in meinem Kopf. „Der hat die Pflanze gehört!“ meldete sich eine meiner eigenen Stimmen.

Der Saft roch auf einmal widerlich. Genuagenommen wollte ich gar nicht mehr trinken, aber die Vorstellung, nüchtern für unbestimmte Zeit auf den Plastikstühlen zu sitzen war noch unerträglicher. Zwei Schlucke und das Glas war leer.
Zurück an meinem Platz meldete sich mein Magen. Übelkeit kam auf. Auf der Musikanlage tönten nun Daime Lieder.

(Anmerkung für den Leser: Um die Situation nachfühlen zu können, einfach das Video laufen lassen und weiterlesen)

Die samtweichen Gesänge erfüllten den Raum, während sich langsam Unruhe unter den Teilnehmern breit machte. Der Franzose links vor mit war der erste, der seinen Platz verließ. Er verließ Fluchtartig die Kirche und kurze Zeit nach dem Schließen der Tür mischten sich die Musik mit den Lauten, wenn ein rebellierender Magen mit aller Macht seinen Inhalt dem Dschungel übergibt.
Aber abgesehen von Übelkeit passierte bei mir nichts. Die ersten Damen verließen den Raum. Mein Darm grummelte. „BINGO!“ Dachte ich „wenn ich nun wieder meine Darmreinigung bekomme, kann ich bequem auf dem Klo sitzen!“
Die Pflanze erfüllte meinen Wunsch. Die 100 Meter zu dem Toilettenhäuschen waren schnell zurückgelegt. Endlich Ruhe. Nach kurzer Zeit Schritte. „NÖÖ! Ich will noch nicht runter!“ dachte ich. „Alles gut bei dir?“ fragte einer der Aufpasser, der für das Wohlergehen der Teilnehmenden sorgte. „Ja.. alles gut! komme gleich“ antwortete ich.
Mein Darm beruhigte ich, die Pflanze zeigte keine andere Wirkung und der Gedanke an eine Rückkehr war erträglich. Somit ging ich zurück.

Vor der Tür lag eine Teilnehmerin im Schatte, und wurde von einer Aufpasserin versorgt. Ich setzte mich auf meinen Platz. Die Übelkeit nahm zu, das Getöse im Darm ebenfalls. Mein Nachbar rechts von mir kam aus dem Urwald zurück. Er roch nach Ajahuasca, was mich mit Ekel erfüllte. Kurze Zeit später saß ich wieder im Toilettenhäusschen. Ich habe keine Ahnung, wie oft ich gependelt bin, aber ich schätze, dass ich 60 % der Zeit dort verbracht habe.

Irgendwann in der Meditation meldete sich die Pflanze!

Interessante Bilder entstanden vor meinem geistigen Auge. Sie versetzten mich in einen Zustand euphorischen Begeisterung. Eine kurze Prüfung, ob die physische Welt ebenfalls verändert ist, fiel negativ aus. Draußen war alles wie gewohnt.
„Nutze die Energie der Pflanze, um dich mit dem Göttlichen zu verbinden.“ wurde mir am Tag zuvor gesagt. Auf Schamanisch übersetzt heißt das „Bitte den Geist der Pflanze, dich mit dem Universum zu verbinden.“… eine leichte Übung, ich bitte ständig irgendwelche Geister, etwas für mich zu tun.

Wenn ich die Wirkung von Krafttieren und der Pflanze vergleichen wollte, fiele mir der Vergleich von Fahrrad und Motorrad als erstes ein. Und mit Motorrad meine ich eins, dass dafür gebaut wurde, um so schnell wie möglich von A nach B zu kommen.
Kaum hatte ich meinen Auftrag erteilt, hatte ich das Gefühl, jemand würde mit einem Halogenstrahler meine geschlossenen Augenlider beleuchten. Die bunten Muster waren weg, alles strahlte weiß. Im selben Moment hatte ich das Gefühl, als ob jemand seine Hand auf meinen Kopf und eine andere auf meine Brust legt.
Ein unbeschreibliches Gefühl durchflutete meinen Körper und ich habe keine Ahnung, wie lange ich regungslos da saß. Dann flaute das Gefühl ab, und mein Darm meldete sich wieder.
Ich verließ die Kirche und wurde von einem Elfenreich empfangen. Ich kenne keinen Film, der eine Elfen- oder Feenwelt hätte kitschiger darstellen können als das, was mich auf dem Weg zur Toilette erwartete. Jede Pflanze, jeder Stein, jede Wolke kommuniziert auf einer emotionalen Ebene. So, wie das Auge alle optischen Informationen der Umwelt aufnimmt, so nahm etwas in mir eine andere Informationswelt wahr.
Nach einem kurzen Toilettenaufenthalt war die Feenwelt wieder verschwunden und ich ging in die Kirche zurück. Schnell stellte sich Nüchternheit ein, und ich ertrug die Gesänge und die Musik mit Gelassenheit.

Irgendwann gegen 18:00 Uhr war ich dann wieder zu hause. Das Zeit/Leistungsverhältnis hatte ich mir etwas anders vorgestellt. Im nachträglichen Gespräch mit Ananda erklärte sie mir, dass die Verantwortlichen wohl gerne homöopathische Dosen verabreichen, um die Klienten nicht zu verschrecken.
Aber Ananda hatte noch eine Überraschung: Sie hat eine Flasche des Gebräus gekauft, um im Source Temple eine eigene Session zu machen. Und da würde es mehr geben…

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