Der elektrische Reiter

Beim Frühstücksbrunch am Samstag habe ich erfahren, dass eine 6 Stunden Reittour angesagt ist. 6 Stunden klang recht lang, aber verglichen mit Saubermachen und Wäschewaschen war es wiederum recht verlockend. Und da dieser Entscheidungsprozess in Kürze von meinem Unterbewusstsein getroffen wurde hörte ich mich sagen: „Bin dabei!“

Da wir noch weitere Interessenten hatten, musste Geomar, mein Obernachbar, erst noch zwei Pferd fangen. Er ritt auf die überflutete Wiese vor seinem Haus und trieb die Pferde zur umzäunten Wiese des Wohngrundstücks.
Nina, eine halb Engländer- halb Brasilianerin wurde am Weg postiert, der vom Grundstück fort führt, ich versperrte den Zugang zum Wald, und kurze Zeit später standen zwei weitere Pferde zum Satteln bereit. Nina, die Erfahrung im Umgang mit Pferden hat, meinte zwischendurch, dass sie sich an das Einfangen von Wildpferden erinnert fühlt.
Aber so ist das eben im Ogerreich, es geht was wilder zu….

Aufsatteln auf der Wiese
Aufsatteln auf der Wiese

Dann ging es los. Vom Hauptweg auf einen Seitenweg, durch ein Gatter und ab in die Berge, in ständiger Begleitung von Geomars Hunden, diesmal mit Jiva als Gaststar.

Erst mal an der Hauptstraße entlang
Erst mal an der Hauptstraße entlang

Die Seitenstraßen waren etwas schwieriger...
Die Seitenstraßen waren etwas schwieriger…

Ich hatte vorher gefragt, ob es eine Flußdurchquerung gäbe und Geomar hat freudig aufgeregt genickt. Da Jiva bisher immer Angst vor Wasser hatte, war ich unsicher, ob ich sie mitnehmen soll, doch der Gedanke an die Macht des Rudels hat mich bewogen, sie doch mit zu nehmen. Als ich Nina meine Gedanken mitteilte machte sie eine kurze Hundemeditation mit Jiva und meinte dann: „Das klappt jetzt!“
Na gut… dann kann ja nichts mehr schief gehen.

Jiva lernt schwimmen
Jiva lernt schwimmen

Und tatsächlich, als wir ein kleines Wohnhaus mitten im Wald passierten und uns anschickten, einen ca 5 Meter breiten Fluss zu durchqueren, war Jiva ganz vorne mit dabei. Halb laufend halb schwimmend erreichte sie das andere Ufer.
Doch die Freude über den Erfolg dauerte nicht lang. Ich war gerade dabei Lobeshymnen auf sie zu singen, als mein Pferd wie ein Nasser Sack zu Boden ging. Schön gerade nach vorne runter.

PLUMS!

Sollte ich absteigen? Macht ein Pferd sowas öfter? Nach ein paar Sekunden schien es sich aufzurappeln, viel aber erneut nach vorne um. Während des Aufrappelns ertönte das schmerzhafte Gejaule von Gaudino, dem Rudelführer von Geomars Hunden und Jivas bestem Freund.
Gaudino ist ein Jagdhund mit einer fürchterlichen Stimme, und wenn er Jault hört sich das an, als stünde ihm die Entmannung bevor. Die zwei Bassets auf >a href=“https://www.youtube.com/watch?v=-WR-dcMFrGc“ target=_blank >YouTube sind die gesellschaftsfähige Stubenversion von Gaudino.

Ist er unter das Pferd gekommen? Panik kroch die Wirbelsäule empor wie schwarze Schatten während eines Sonnenuntergangs in Zeitraffer.
Ich bin mittlerweile abgestiegen und sah mich verwirrt um.

Das nächste Pferd ging zu Boden und legte seinen Reiterin zur rechten Seite ab. „WTF??!“ Mein Pferd zappelte erneut, diesmal begleitet vom panischen Jaulen Jivas von der anderen Seite. Aber sie war zu weit weg, um vom Pferd verletz worden zu sein. Was zur Hölle war hier los??!

Ich fühlte mich wie in einer Low Budget Verfilmung von Robin Hood, in der eine Gruppe von Reitern im Wald von irgendwelchen Heckenschützen angegriffen wird. Einer nach dem andern fällt um, und keiner weiß, wo der Feind steckt aber die gesamte Szene ist untermalt von den Schreien der Verletzten.

Aus dem Augenwinkel sah ich ein Stück Draht von einem Weidezaun. Haben sich die Pferde darin verfangen? Was war mit den Hunden? Und was ist das für ein scheiß Draht??!


Der Draht kam aus Richtung des Hauses, aus ca 4 Meter Höhe aus der Krone der Bäume, verlief dann ca 10 Meter am Boden entlang und verschwand dann wieder in den Baumkronen.

„Electro!“ rief Geomar, als er versuchte, das zweite Pferd vom Draht herunter zu ziehen.

Scheiße! Elektrozaun! Ich hasse diese Dinger. Aber wieso aus den Bäumen??!
Ich muss zugeben, ich habe mich verschätzt. So stark ist mein Oger dann doch nicht. Oder es war einfach die Angst um sein Pferd, die ihn schwächte. Er zog am Zaumzeug aber es bewegte sich keinen millimeter.

Zwei Pferde waren auf und davon, Jiva ebenfalls, übrig war ein Pferd, dass apathisch auf dem Draht lag und eine Hand voll Menschen sowie ein Oger, die versuchten, das Tier da runter zu bekommen.

Ich hingegen suchte die Ursache des Übels. Einen Stromversorgungskasten für Weidezäune konnte ich nicht finden, da der Draht aus den Bäumen kam und dort wieder verschwand. Aber ich sah einen Stein und hatte mein GERBER Survivalmesser dabei. Zeit, die legendäre Klinge auszuprobieren!

Diese Idee bezahle ich in den nächsten Tagen mit einer ausgiebigen Runde am Schleifstein. Zwar konnte ich den 2 mm Draht zur Hälfte einkerben, aber an Durchtrennen war nicht zu denken.

Dafür ist die Klinge jetzt schwer lädiert und künftig die Machete dabei!

Also Lösung zwei, Pferd vom Draht. Ganz doofe Idee. 700 kg regungsloses Pferdefleisch bewegt man nicht einfach so…

Lösung drei, Draht unter dem Pferd rausziehen! Das ging dann tatsächlich, und das arme Tier konnte sich wieder aufrappeln.

Eine kurze Übersicht nach ein paar Atemübungen ergab: Alle Hunde weg! 4 verwirrte Menschen, die Atemübungen gemacht haben, ein verwirrter Oger. 2 Pferde auf und davon, zwei Pferde in sicherer Entfernung.
Und mittendrin ein Pferd, was ungefähr so verwirrt war, wie Menschen und Oger zusammen, nur ohne Atemübung.

Nina kümmerte sich um das verwirrte Pferd, das am längsten unter der unfreiwilligen Stromtherapie gelitten hatte.
Natalie, eine Österreicherin hatte den Fluchtweg der verschwundenen Pferde gesehen: Berg auf. Doch jede Annäherung an die Tiere veranlasste diese zur Flucht. Geomar trieb sie dann wieder per Pferd zusammen.

Als wir die Tiere beisammen hatte, kamen auch die Hunde wieder. Bis auf Jiva. Pfeifen, rufen, keine Reaktion. Aber ich kenne meine Lady mittlerweile. Wenn es eng wird sagt sie: „Mach du das mal schön selbst, ich geh nach hause.“

Auch Nina entschied, mit dem elektrifizierten Pferd nach Hause zu gehen.
Mein Pferd hingegen sah mich an, als wollte es mir sagen: „Das machst du aber nicht noch mal! Klar?“

Ich versicherte ihm, dass der Vorfall nicht in meiner Absicht lag, und das es mir sehr leid tut.
„Na gut.. steig auf.“ war die Antwort.

Mittlerweile finde ich Pferde echt faszinierend. Während es früher für mich „Reitmaschinen“ waren, sind es jetzt… ja.. Menschen mit vier Beinen. Und wer den Begriff Mensch negativ konotiert hat, ja, vielleicht auch was besseres als Menschen… So, wie Hunde oder Katzen, nur größer. Beziehungsfähige und kommunikative Lebensformen, „BUKLs“.

Danach ging es Bergauf und Bergab. Wenn es zu steil wurde, war es wie beim Segeln, wenn man gegen den Wind kreuzt. 5 Meter nach links, 3 nach rechts, wieder 4 nach links, 2 nach rechts. Und irgendwann waren wir dann oben oder eben unten.

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Interessant war, dass ich zwischendurch ein Gatter geöffnet habe, und danach nur noch schwer auf das Pferd rauf kam! Es war unglaublich. Ich klebte am Sattel, mit einem Fuß im Steigbügel, und kam nur unter größter Anstrengung auf das Pferd. Ich muss das üben. Darüber hinaus hat sich mittlerweile herausgestellt, dass es zum „Charakter des Pferdes“ gehört, zu früh loszulaufen. Nämlich nicht, wenn man im Sattel sitzt. Es wartet brav, bis der erste Fuß im Steigbügel ist, uns sobald man sich aufzuschwingen will, und das Standbein den Boden verlassen hat, gehts los.

Selfie mit Reiter
Selfie mit Reiter

Mit einem wundervollen Panorama der umliegenden Berge wurden wir belohnt. Sogar zwei neugierige Fohlen begutachteten uns aus sicherer Entfernung, und begleiteten uns nach erfolgreichem „Harmlos-Check“ bis runter ins Tal.

Selfie
Selfie

Nina und das Elektropferd warteten schon auf Geomars Grundstück, Jiva hatte die Gesellschaft der Source Temple Bewohner gesucht und freute sich, dass ich wohlbehalten zurückgekehrt bin.

Wir wurden als friedlich befunden
Wir wurden als friedlich befunden

Letztlich waren es nur 4 Stunden, die wir unterwegs waren, aber irgendwie vergisst man die Zeit, wenn man zu Pferd unterwegs ist…

2 Gedanken zu „Der elektrische Reiter“

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