(nearly) Loosing Limbs – Ein Waldspaziergang

Wenn ich meinen konstruktivistischem Potential so richtig freien Lauf ließe, möchte ich sagen, dass das Leben einem immer Aufgaben stellt, an denen man wachsen kann, und hin und wieder kommt dann ein Test, ob es auch wirklich gefruchtet hat.

Dummerweise werden diese Test niemals angekündigt. Mit Nele hatte ich einige solcher Aufgaben und ich hoffe, dass ich den Test mit Jiva bestanden habe.

Denn wenn ein friedvoller, harmonischer Waldspaziergang in einem Blutbad endet, ist das meiner Ansicht nach schon Masterlevel…

Gestern, am Dienstag, dem 22.11. bin ich mit der 20 jährigen Brasilianerin Nina, mit der ich schon mal reiten war, in den Urwald gegangen. Wir haben die Natur genossen und nach einer sehr meditativen Zeit an einem Wasserfall hätte die Harmonie mit der Welt nicht besser sein können.

Der Rückweg war wie ein Spaziergang durch ein Märchenreich. Jiva war mit dabei und tobte wie gewohnt durch das Unterholz. Der Weg, den wir versunken entlangliefen, war ein 30 cm breiter Trampelpfad durch den Dschungel, zur Rechten flankiert von einer ansteigenden Böschung, und zur Linken fiel das Gelände in einem Winkel von ca. 70° steil ab.

Jiva hielt es für eine tolle Idee, durch das Hüfthohe Gebüsch den Abhang hinab zu springen.

Da ich das für ein wenig gewagt hielt, rief ich sie, und sie blieb prompt im Hang stehen, drehte sich um und fing an zu Jaulen.
Trotz Gebüsch und einer Entfernung von 5 Metern konnte ich sehen, wie sich das weiße Fell ihrer Brust rot färbte, während sich das Gejaule steigerte.

Mein erster Impuls war es, ebenfalls den Abhang hinab zu steigen, doch das dichte Gebüsch wäre ein zu großes Hindernis gewesen, um dort unten irgendwie agieren zu können. Also rief ich sie zu mir.
Nach dem dritten „Komm her!“ entschied das wundervolle Tier, dass die Loyalität zum Herrchen mehr Wert hat, als die eigenen Schmerzen. Mit wenigen Sprüngen preschte sie den Hang hinauf und legte sich vor mir auf den Trampelpfad.

Sie hatte eine 10 cm lange, klaffende Wunde am rechen Vorderbein, das Fell war verschoben und die Muskulatur gut sichtbar. Alles schwamm im Blut.

Vernäht sieht die Wunde harmlos aus
Vernäht sieht die Wunde harmlos aus

Ich hatte mir es zur Angewohnheit gemacht, beim Verlassen des Geländes immer meinen „Survivalgürtel“ zu tragen. Wasserfilter, Messer und ein Erste Hilfe Täschchen sind somit immer dabei.
Ich holte eine Kompresse und einen Verband raus und begann, die Wunde zu verbinden. Doch der Verband war schneller mit Blut durchtränkt, als ich wickeln konnte.
Es lief mir durch die Finger und bildete im nu eine Lache auf dem Boden. Im Rhythmus des Herzschlags pulsierte es durch den Verband. „Mist!“ schoß es mir durch den Kopf, „es hat die Arterie erwischt!“.

In der vierten Klasse der Grundschule hatte ich das Vergnügen, zum ersten Mal einen erste Hilfe Kurs zu machen. Dort habe ich den Druckverband kennen gelernt. Davon profitierte ich jetzt.

Ich bat Nina, alle Verbände und Verbandpäckchen zu öffnen, da das Öffnen der Wasserdichten Plastikverpackungen mit Blutverschmierten Händen nur schwer möglich ist. Dann presste ich ein Päckchen nach den anderen auf die Wunde und wickelte es mit dem Verband fest. Als ich kein Verbandsmaterial mehr übrig hatte, übte ich mehr Druck mit Hilfe des Klebebandes aus, dass noch übrig war.
Doch der komplette Verband war schon wieder vom Blut durchtränkt.

Ich begann, ein Stück Stoff, dass ich als Decke verwendet hatte, mit dem Messer einzuschneiden, in 15 cm breite Streifen zu reißen, und damit weiter das Bein zu verbinden. Nach dem 5. Streifen war die Blutung gestillt. Jiva lag am Boden und sah mich entgeistert an.

„Zurück zum Source Temple und dann zum Tierarzt“ kündigte ich mein weiteres Vorhaben an. Nina nickte.
Ich hob Jiva auf, mittlerweile hat mein kleines Kraftpaket gut 25 – 30 Kg, und trug sie den Trampelpfad entlang. Rechts ging es steil bergauf, links steil bergab, und die Büsche, die rechts wuchsen, überwucherten den Weg genau auf Brusthöhe. Hier haben sogar Leute Probleme, die keine Hund tragen…

Nach ca. einem halben Kilometer erreichten wir die Straße.

Eine Junge Frau kam uns auf einem Pferd entgegen, grüßte höflich, guckte dann etwas verdutzt, und ritt weiter.
Motorradfahrer aus der Nachbarschaft passierten freundlich grüßend.
Ich hatte das Gefühl, dass der Anblick eines blutverschmierten Gringos, der schweißüberströmt einen ebenso blutverschmierten Hund mit blau eingewickeltem Bein trägt, von ihren Gehirnen einfach nicht verarbeitet werden konnte.

Ich bat Nina, eine Abkürzung durch die Nachbargrundstücke zu nehmen, um mich dann mit einem Auto an der Straße aufzusammeln.
Sie machte sich auf und ich ging weiter die Straße entlang. Nach gut einem weiteren Kilometer sah ich auf der anderen Seite des Tales den Weg, der zum Source Temple führt. Auf ihm verließ der weiße VW Bus gerade das Gelände. „OK, die Kavallerie ist unterwegs!“ schoß es mir durch den Kopf.

5 Minuten später kam Trinity, eine Bewohnerin des Source Temples mit Nina und dem VW Bus auf mich zu. Die Tierärztin in Cunha sei informiert, sie ist auf dem Weg in die Praxis und erwartet uns dort. (Die Arbeitskosten für den Noteinsatz belaufen sich auf 120 Relais, ca. 40 Euro)

Ich setzte mich ans Steuer, Nina kümmerte sich um Jiva auf dem Rücksitz und Trinity ging zum Temple zurück.
Schnell noch Papiere, Führerschein und Geld holen, dann rumpelten wir die vom Regen total ausgewaschene Straße nach Cunha entlang.
Wir kamen zeitgleich mit der Tierärztin an ihrer Praxis an.
Renata ist ende 30, blond, hat klare, wache Augen und macht einen mitfühlenden Eindruck. Sie kannte mich vom letzten Besuch, als ich mit Nele bei ihr war.

Jiva kam auf den Behandlungstisch, und Renata begann, die blauen Stoffstreifen zu entfernen. „Sie können ruhig eine Schere nehmen“ ließ ich Nina übersetzen. Renata verneinte. Sie wolle das langsam machen, um den Hund nicht unnötig zu stressen.
Nach dem letzten blauen Stück Stoff sah sie dann den komplett durchtränkten Druckverband. „Ok,“ sagte sie „nun brauche ich doch ne Schere!“

Krankenbesuch im Keller der Praxis
Krankenbesuch im Keller der Praxis

Jiva verhielt sich bis dahin ruhig, doch als der Verband mehr und mehr gelockert wurde, fing sie wieder an, zu quieken. Renata gab ihr ein Betäubungsmittel und kurze Zeit später ließ Jiva die Prozedur mit halb offenen Augen und heraushängender Zunge über sich ergehen.
Als der letzte Rest des Verbandes entfern war, fing die Wunde wieder an, zu bluten. Renata klemmte die Arterie ab und sah sich die Verletzung genauer an. Der Muskel, der unserem Bizeps entspricht, war wie mit einem Messer zerschnitten, ebenso die Arterie. Da Jiva auf einen Berührungstest am Fuß nicht reagiert hat, bestand der Verdacht, dass auch der Nerv durchtrennt ist.
„Das Bein muss wahrscheinlich ab!“ lautete das Ergebnis ihrer Untersuchung. Wenn Muskel, Nerv und Arterie durchtrennt sind, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Bein nicht mehr bewegt und mit Blut versorgt wird und somit abstirbt.
Sie vernähte die Arterie, dann die Wunde und verband Jiva noch ein Mal.

„Ein Tier war das nicht“ sagte sie. Es gibt wohl Pumas und Leoparden hier in der Region, aber die sind eher scheu. „Wenn das ein Tier war, war es ein Tiger mit nur einer Zehe.“ antwortete ich. Renata grinste. „Das sieht eher nach einer Verletzung mit einer Motorsense oder einer Machete aus. Der Schnitt ist zu glatt. Was es auch war, es muss sehr scharf gewesen sein.“

Ich unterzeichnete die Operationserlaubnis. Renata bat mich noch, sie am nächsten Tag um 10:00 Uhr anzurufen. Sie wolle vorher noch ein paar Tests machen, um zu sehen, wie es mit den Nerven steht.
Ich ging mit Nina noch kurz in eine Pizzeria, dann fuhren wir nach Hause.

Der nächste Tag

Trinity tätigte den Anruf am Morgen. Schon nach wenigen Sekunden veränderte sich ihr besorgter Gesichtsausdruck in Freude. Während sie eifrig nickte, boxte sie mit der Faust Löcher in die Luft, begleitet von einem „JA! … JA!… JA!“

Sie fasste anschließend das Telefonat zusammen:
Jiva hat gut geschlafen, kann stehen und läuft herum. Sie hat Gefühl im Bein. Das Bein ist zwar geschwollen, aber warm und durchblutet.
Sie begrüßt alle Mitarbeiterinnen der Praxis freudig, hat gute Laune, beklagt sich aber jaulend über ihre Isolation (kenne ich nur zu gut).
Die Anwesenheit des Herrchens sei erwünscht (kann ich sehr gut verstehen) und heilungsfördernd (ja, nee. is klar)…

Nach der Arbeit bin ich heute zu ihr gefahren.
Ihre überschwängliche Begrüßungsextase fiel etwas verhaltener aus als gewöhnlich, aber sie war gut drauf. Ich konnte sogar etwas mit ihr spazieren gehen. Der Fuß ist etwas geschwollen, manchmal stolperte sie, aber fressen konnte sie, wie sonst auch.
Wir schliefen eine viertel Stunde nebeneinander auf dem gekachelten Boden im Keller der Praxis, dann bekam sie noch etwas Hackfleisch und einen Knochen.

Unterwegs in Cunha
Unterwegs in Cunha

Jetzt bleibt sie noch zwei Tage unter tierärztlicher Aufsicht, am Freitag kann ich sie abholen, wenn alles gut geht.

Es ist Samstag, Jiva ist seit gestern zu Hause.

In der Zwischenzeit war ich mit ihr in Cunha spazieren, und sogar Nele konnte ich zum Krankenbesuch mitbringen. Der Unfall im Wald hat Jiva in keinster Weise beeindruckt. Kaum war ich mit ihr auf der Straße, reckte sie die Nase in die Luft und ging auf Erkundungstour.

Der Eisladen - Hunde müssen draußen Bleiben
Der Eisladen – Hunde müssen draußen Bleiben

Zu Hause gekommen, ist alles beim Alten. Sie rennt mit ihren Hundefreunden herum, als sei nichts geschehen.

Jiva bei ihren Freunden
Jiva bei ihren Freunden

Das einzig auffällige ist ihr Geleckt an der Wunde. Dafür hat sie so einen Trichter bekommen, den ich sie nur tragen lasse, wenn sie unbeaufsichtigt ist. Das Ablecken des unteren Teils des Beines lasse ich gerne zu, da ich der Meinung bin, dass das der Regeneration der Nerven und des Beines hilft. Nur, wenn sie an die Wunde selbst geht, lenke ich sie ab. Es gibt noch eine offene Stelle, die noch heilen muss, dann ist äußerlich alles in Ordnung.

Jiva unterwegs - Seit dem ich an Wunder glaube, geschehen sie auch!
Jiva unterwegs – Seit dem ich an Wunder glaube, geschehen sie auch!

Der Peis des Abenteuers beläuft sich auf 485 Relais, ca 160 Euro. Darin enthalten sind Notfallbwehandlung, stationärer Aufenthalt incl. Futter und Medikamente für 3 Tage, sowie Medikamente für die Zeit zu Hause.

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