Verantwortung – Schuld, Ohnmacht, Freiheit

Es ist wieder an der Zeit, dass ich ein par Gedanken mit meiner Leserschaft teile, die ich seit längerer Zeit mit mir herumtrage. Es geht um Verantwortung.

Hier, in meiner spirituellen Gemeinde, ist Verantwortung ein sehr beliebter Begriff. Das Resultiert aus einem, meiner Ansicht nach falsch verstandenem Konstruktivismus, gemischt mit einem spirituellen Weltbild, das seine Wurzeln im Katholizismus hat.

Der Tropfen, der das Fass hat überlaufen lassen, war die Wahl von Donald Trump. „Du bist dafür verantwortlich, denn deine Gedanken erzeugen die Welt!“ wurde mir gesagt. „Es ist unsere Aufgabe, unsere Gedanken zu reinigen, um die Welt zu einer besseren Welt zu machen.“
 Ich möchte nun nicht das Weltbild oder die Auswirkungen kollektiven Bewusstseins diskutieren, sondern die Funktion und den Missbrauch des Wortes „Verantwortung“ darstellen. Ich möchte den Missbrauch beschreiben, die Bedeutung des Wortes klären und darstellen, was Verantwortung mit Freiheit zu tun hat.

Wenn in unserer Kultur jemand etwas machen will, das ein gewisses Risiko birgt, schreit sofort ein Anderer: „Aber du trägst dann die Verantwortung dafür!“.

Verantwortung wird also „getragen“, was eine Last und somit lästig ist. Genau genommen ist Verantwortung ein großer Sack, in dem sich eine schwere Arschtrittmaschine verbirgt, und wenn was schief geht, und Ärsche getreten werden müssen, ist der dran, der den Sack schleppt.

Kein Wunder also, dass keiner Verantwortung übernehmen will, sie zu gerne abgibt, oder froh ist, wenn ein anderer sie hat. Ähnlich wie bei dem Kinderspiel Plumssack. Nur ohne das Gerenne.

Klappt die Bildung nicht, ist das Schulsystem verantwortlich, ist die Straße beschädigt, trägt die Gemeinde die Verantwortung, und für die unterbezahlten Krankenpfleger-innen ist das Gesundheitssystem verantwortlich.
Man kann auch sagen, dass „Verantwortung“ mit „Schuld“ gleichgesetzt wird. Wenn du verantwortlich bist, bist du schuld, wenn es schief geht.

Doch wer Schuld annimmt, der liefert sich bedingungslos einem hierarchischen System aus. Er unterwirft sich einer Beurteilung, die unter Umständen nicht in seinem Sinne ist. Er gibt seine Selbstbestimmung und seine Macht, seine Stimme, in fremde Hände.

Um da rauszukommen, muss man sich das Wort „Verantwortung“ etwas genauer ansehen.
Ich bin darauf aufmerksam geworden, als ich mir das englische Wort „responsability“ angesehen habe.
Es setzt sich aus zwei Wörtern zusammen: „Response“ (Antwort) und „ability“ (Fähigkeit).
Respons-ability ist also die Fähigkeit, zu antworten.

Im Deutschen haben wir „Ver“ und „Antworten“.
Die Vorsilbe „ver“ hat ihren Ursprung in der „Wahrheit“,„VER-itas“ im Lateinischen. Alles was mit „ver“ anfängt, ist also wahr, wirklich, real, oder wie man es nennen möchte.

Bei einem Kauf wird das deutlich. Wenn jemand z.B. Aktien kaufen will, und es sind keine am Markt, findet kein Kauf statt. Erst der „VER-kauf“ ver-ifiziert das Geschäft und macht es wahr. Wenn jemand etwas verkaufen möchte und noch keinen Käufer hat, bietet er lediglich an, er verkauft aber nichts.
Eine VER-bindung ist eine wirkliche, wahre Bindung, einen VER-dienst bekommt man, wenn man wirklich jemandem gedient hat. Ein VER-urteilter ist jemand, über den wirklich geurteilt worden ist, u.s.w.
Ein VER-sprechen ist etwas, was der Wahrheit entspricht. (Was sich aber leider immer erst hinterher heraus stellt, wenn der Sprechende auch entsprechend gehandelt hat. Somit ist jedes sogenannte „Versprechen“ im Vorfeld bestenfalls eine Absichtserklärung).
Im VER-halten kommt die wahre Haltung zum Vorschein, und das VER-langen zeigt, wonach jemand wirklich langt.
Der VER-sand sendet wirklich etwas, und was VER-teilt wird wird wirklich geteilt.

„VER-antwortung“ bedeutet also, auf einen Sachverhalt oder eine Situation wahrlich oder wirklich (mit Wirkung), zu antworten.
Wenn ich beispielsweise Zeuge eines Unfalls werde, mein Wissen in Erste Hilfe und ein entsprechender Kasten vorhanden ist, kann ich die Situation ver-antworten, in dem ich erste Hilfe leiste. Ist kein erste Hilfe Kasten vorhanden, kann ich nur bis zu einem bestimmten Punkt mit meiner Antwort gehen. Die Behandlung eines offenen Bruches ohne Verbandsmaterial kann ich z.B. nicht verantworten, denn ich habe keine Ahnung, wie man das macht.

Nachdem ich Jiva in meine kleine Familie aufgenommen hatte, wurde mir oft gesagt: „Jetzt hast du aber viel Verantwortung!“, was genau genommen richtig ist. Hunde können nicht viel ver-antworten. Wenn sie krank sind, antworten sie nicht, in dem sie zum Tierarzt gehen.
Das muss ich machen.
Wenn sie Hunger haben, gehen sie auch nicht zum Metzger und kaufen ein Pfund Gehacktes. Auch das muss ich machen. D.h. ich ver-antworte die Situation an Stelle meiner Hunde, ich bin verantwort-lich.

Abhängig ist, wer eine Situation nicht ver-antworten kann. Sei es, weil ihm die Fähigkeit fehlt, oder es ihm verboten ist. Wer z.B. das Schreiben vom Finanzamt nicht ver-antworten kann, braucht einen Steuerberater. Dann ist dieser verantwortlich.
Wenn die Straße vor dem Haus beschädigt ist, darf kein Anwohner einfach hingehen, und ein paar Eimer Asphalt drauf kippen. Auch nicht, wenn er Meister im Straßenbau ist. Laut Gesetz darf der Anwohner das nicht ver-antworten.

Der Anwohner ist also nicht besser dran als ein sprechender Hund, der zwar zum Metzger gehen könnte, aber nicht darf, weil es ihm verboten ist, das Geschäft zu betreten.

Wenn man seine Verantwortung sogar bereitwillig an andere abgibt, ordnet man sich freiwillig einer höheren Instanz unter.
Wenn ich der Gemeinde die Verantwortung für die beschädigte Straße gebe, stimme ich der Reparatur zu, egal wie sie ausgeführt wird. Die Gemeinde kann nun Kopfsteinpflaster oder Verbundsteine legen, oder eben Asphalt. Sie ver-antwortet das, wie sie es für richtig hält, und der Anwohner muss damit leben.

Wenn ich das Schulsystem für die mangelhafte Bildung meiner Kinder verantwortlich mache, muss ich mit dem leben, was ich geliefert bekomme.
Wenn ich die Vorbereitung auf mein Berufsleben in die Hände der Universitäten gebe, darf ich nicht rummeckern, wenn ich Dinge lerne, die ich später nicht brauche und den Job erst mal als unbezahlter Praktikant anfange.
Wer Verantwortung abgibt sagt prinzipiell: „Mach mit mir, was du willst!“

Doch es gibt eine Lösung.
Das englische Wort „ablility“ bedeutet „Fähigkeit“, und Fähigkeiten kann man lernen. Es gibt Seminare zum Thema „Schlagfertigkeit lernen“, was nichts anderes ist als ein Training, verbale Angriffe zu ver-antworten.

Verantwortung ist also erlernbar.
Je mehr Probleme ich löse, je mehr Situationen ich verantworte, umso größer wird mein Verantwortungsrepertoire. Ähnlich wie in dem Spiel Monkey Island, wo man im Kampf gegen die Schwertmeisterin die richtigen Antworten sammeln muss.

Je weniger Verantwortung ich an andere abgebe, umso selbstständiger werde ich. Aber auch die bewusste Übertragung von Problemen an Spezialisten ist eine Form der Verantwortung. Wer weder Ahnung von KFZ Technik, noch Zeit hat, sich in die Materie einzuarbeiten, sollte sein Auto besser in eine Werkstatt geben. Oder das Schreiben vom Finanzamt an den Steuerbrater.
Je mehr ich Verantwortung übe, um so mehr entwickle ich ein Bewusstsein für mein Können, was sich dann „Verantwortungs-bewusstsein“ nennt.
Ich bin mir bewusst, was ich verantworten kann, und was nicht. „Verantwortungsbewusstsein“ ist ein Baustein des „Selbstbewusstseins“, durch das ich mir selbst und meiner Fähigkeiten bewusst bin.

„Verantwortungsbewusstsein“ bedeutet nicht, seine Schuld anzuerkennen, wenn etwas schief gelaufen ist. Es bedeutet nicht, den Arsch hinzuhalten, um sich für seine Schuld bestrafen zu lassen.
Schuld hat nur den Zweck, Menschen zu schwächen, denn sie funktioniert hierarchisch von oben nach unten.
Studenten können gerne die Schuld der Uni geben, das wird die Uni nicht jucken. Gibt aber die Uni dem Studenten die Schuld, ist sein Studium unter Umständen beendet.
Gibt der Mitarbeiter seinem Chef die Verantwortung und somit die Schuld für etwas, findet dieser einen anderen Mitarbeiter, der dann schuldig ist. Dieser Andere hat dann ein Problem.

Echtes Verantwortungsbewusstsein bedeutet vorher zu wissen, auf welche Situationen man antworten kann. Und je mehr Situationen ich selbst verantworten kann, um so unabhängiger werde ich. Umso mehr gestalte ich mein Leben nach meinen Vorstellungen und umso weniger muss ich mit dem leben, was andere mir auftischen. Wenn mir etwas nicht passt, kann ich es ver-antworten und passend machen.

Nach Heinz von Förster ist ethisches Verhalten das Verhalten, das die zur Verfügung stehenden Handlungsoptionen erhöht. Und genau das mache ich , wenn ich Verantwortung übe. Mit jedem Mal erhöhte ich meine Handlungsoptionen.
Wenn ich Verantwortung an jemanden übertrage (nicht abgebe), dann lernt er, an meiner Stelle zu antworten. Dadurch sorge ich dafür, dass sich seine Handlungsoptionen erhöhen. Meine eigenen erhöhen sich im selben Moment, da ich nun Zeit habe, andere Dinge zu verantworten.
Deshalb sollten Kinder auch angemessene Verantwortung übertragen bekommen. So lernen sie mit Situationen umzugehen, erlernen Verantwortungs- und damit Selbstbewusstsein.
Wer jegliche Verantwortung für sein Kind übernimmt hat kein Kind sondern einen sprechenden Hund und sehr wenig Zeit für seine eigenen Probleme.
Das gleiche gilt für Arbeitnehmer, die nur einen stark eingeschränkten Handlungsspielraum und entsprechend wenig Verantwortungsmöglichkeiten haben. Alles sprechende Hunde…

Schuld reduziert ebenfalls die Handlungsoptionen, spätestens, wenn jemand im Gefängnis sitzt. Schuld erzeugt Trennung, Angst und Leid. Schuld brauchen nur die, die Macht über andere ausüben wollen. Der Mensch, der in Frieden leben will, benötigt keine Schuld, er braucht Lösungen und Antworten.

Wenn also irgendwer der Meinung ist, dass alle verrückt geworden sind, dass nur noch Spinner die Welt regieren, dann sollte er anfangen, aktiv zu werden und diese Situation zu verantworten. Wem es nicht passt, dass die AfD oder Trump antworten, der sollte sich seiner Selbstbestimmung bewusst werden und seine eigene Stimme zum Antworten nutzen. Es heißt bei der Wahl nicht umsonst „seine Stimme abgeben“.

Es ist höchste Zeit, den Missbrauch der Gleichsetzung von „Verantwortung“ und „Schuld“ aufzulösen und das Potenzial zu erkennen, das in der Verantwortung liegt!

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