24.12. Weihnachten in Brasilien

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt….
Ich wollte seit sehr langer Zeit einmal Weihnachten alleine verbringen. Mit den Hundis ja, aber sonst alleine. Seit ich Source Temple verlassen habe, schien dieser Wunsch Gestalt anzunehmen. Doch dann habe ich aus irgendeiner Gutmenschenlaune heraus zugesagt, dass ich bei Flor das Aguas bei den Vorbereitungen für das Neujahrsretreat aushelfe. Und so war ich natürlich auch zur Weihnachtsfeier eingeladen…

Der Tagesablauf am 24.12. war einfach:

07:00 – 08:00 Morgenmeditation, wie jeden Tag
08:00 – 09:00 Frühstück
09:00 – 13:00 „Harmonizing“ ein hübscheres Wort für Aufräumen. Graugenommen lautete die Aufgabe: Alles schön machen und liebevoll gestalten, damit sich die Weihnachtsgäste wohl fühlen.
13:00 – 14:00 Mittagessen
15:00 – 16:00 Mandalas machen (Das Auge Gottes, wobei man zwei gekreuzte Schaschlikspieße kreisförmig mit Wolle umwickelt…
jetzt wird es spannend:
17:00 freiwillige Teilnahme an einer „Mini Santo Daime Session“. Originalton: „Wir trinken ein Bisschen Daime, hören Musik und dann gehen wir zur Meditation hoch“
19:00 Abendmeditation „Christmas Edition“
21:00 Abendessen mit Ausklang des Abends

Das einzige, was an diesem Tag irgendwie normal war, war die 07:00 Uhr Meditation.
Um 09:00 Uhr hieß es dann:
Wir räumen den Parkplatz ein wenig auf. Die Bambusstücke müssen weg, das Holz, das zum Bauen verwendet werden kann, kommt auf einen Stapel, und die Ziegelsteine, die überall rumliegen, werden ebenfalls ordentlich gestapelt.

Wie das so beim Aufräumen ist… man räumt etwas weg, und findet was neues… 5 Meter lange Fichtenstämme mit einem Durchmesser vom 20 cm zum Beispiel… die müssen dann auch weg.
Um 12:40 Uhr brannten die letzten Bambusstücke auf dem „Hier wird alles verbrannt“-Haufen. 2 Kubikmeter Konstruktionsholz war sauber gestapelt und die elenden Fichtenstämme waren ins Materiallager ausquartiert worden. Der Parkplatz war sauber, die Begrenzungen aus Holzstämmen neu angebracht.

Schnell duschen, dann Mittagessen.
13.00 Mittagessen…. war der Hammer! Das erste Mal, dass ich hier wirklich mit Freude gegessen habe. es gab natürlich wieder Reis, aber irgendeine gelbe, indisch inspirierte Suppe, gemischtes gebratenes Gemüse und verschiedene grüne Salate.
So wie beim Aufräum.. nee.. „Harmonisieren“ zuvor, bin ich auch beim Essen an meine Belastungsgrenze gegangen. Richtig weihnachtlich!

15:00 Mandalas machen.
war ok… entspannend, es war neu für mich, und alle freuten sich immer, wenn jemand eins fertig gestellt hat.

Mandala - Das Auge Gottes
Mandala – Das Auge Gottes

Dann gingen wir zur Daime Kirche

Der Weg nach unten...
Der Weg nach unten…

17:00 „Wir trinken ein Bisschen Daime“
Das tolle war, dass die strikten Regeln aufgehoben waren. Wir waren ca 12 Leute, und jeder konnte machen, was er wollte, aber schweigend und in Meditation.
Ich war mal wieder am überlegen, ob ich Marcos signalisieren soll, mir ein wenig mehr zu geben, wegen Weihnachten, habe den Gedanken jedoch wieder verworfen. Zum Glück!

Die Daime Kirche
Die Daime Kirche
Fast alles ist hier grün
Fast alles ist hier grün

Nach dem Trunk habe ich habe mich gesonnt, und ein wenig leichtes Yoga auf der Wiese gemacht.
Von vorne kam die glühende Abendsonne, von Rechts der Donner der nachmittäglichen Regenzeit. Es war wohlig warm und die Luft war trotzdem frisch. Die Schlingpflanze entwickelte eine entspannende, wohlige Wirkung, die zum Wetter und dem ganzen Ambiente passte. Gleißendes Sonnenlicht aus einem stahlblauen Himmel, der von bleigrauen Wolkentürmen umrandet war hinter den schwarzen Umrissen exotischer Bäume. Es war einfach wundervoll.

Bevor wir gemeinsam zur Abendmeditation gegangen sind, haben wir uns noch mal im Kreis zusammengefunden und Musik gehört. Brasilianische Weihnachtslieder. Ich kann es schwer beschreiben. Es war nicht dieses „Feliz navidad“ gerocke, kein Samba, kein Pop… es war sehr einfache Musik, die mich allerdings tief berührte.

Und nicht nur mich. Das war der Punkt, an dem ich merkte, dass die Schlingpflanze ihre Wirkung bisher zurückgehalten hat…
Eine Frau fing an, glücklich zu lachen, ein Jugendlicher wollte auf der Wiese liegenbleiben und nicht zur Meditation gehen.
Den „Daimebeauftragten“, also den, der für das heilige Getränk verantwortlich ist, sah ich auf dem Rückweg durch den Urwald am Wegesrand hocken. Auf meine Frage, ob alles ok sei, drückte er mir die Flasche mit dem Santo Daime in die Hand und gestikulierte, dass ich sie mit nach oben nehmen solle.

Nein! ich habe nicht drüber nachgedacht, den Rest auszutrinken… na gut.. ganz kurz vielleicht, aber nicht ernsthaft.

Der Rückweg verlief normal. Von dem Platz, an dem das Daime konsumiert wird, bis zum Gebäudebereich sind es 20 Minuten zu Fuß durch den Wald. Steil bergauf natürlich, wie überall hier…

Jivas Rennbahn... das Ideale Trainingsterrain nach der Verletzungspause
Jivas Rennbahn… das Ideale Trainingsterrain nach der Verletzungspause

Im Meditativonsraum waren schon Menschen versammelt, einige kannte ich, andere waren definitiv Besucher.
Um 19:00 Uhr war der Raum brechend voll. Yogamatten mit Meditationsissen kreisförmig in der ersten Reihe, dahinter 2 Reihen der weißen Gartenstühlen aus Plastik.

Ein Bisschen Entspannungsmeditation zum Einstimmen, dann ging es los. Die drei OM, mit denen jede Session eröffnet wird, entfesselten die Schlingpflanze. Es fühlt sich fast so an, als würde man am ganze Körper auf ein Mal Gänsehaut bekommen. Nur entsteht das Gefühl nicht draußen aus der Haut, sondern innen, im Körper.
Die anschließenden Mantras verstärkten die Wirkung.
Mein ganzer Körper war von einer ungewohnt starken Energie überschwemmt, die alles, was irgendwie fehl am Platz ist, „nach oben“ weg zog. Es ist einfach unbeschreiblich. Mir fiel ein passendes Rumizitat ein:

„Brenne im Feuer der Liebe, es verbrennt alles, was du nicht bist“

Ich wunderte mich, wie die anderen musizieren konnten. Als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass Marcos und seine Frau eher die Kreuzigung als die Geburt Jesu mitmachten. Es ist unglaublich und ebenfalls unbeschreiblich, mit welcher Disziplin und Präzision die beiden die Veranstaltung geführt haben.

Aber auch die anderen, die bei der Daimesession dabei waren waren in intensive Kommunikation mit der Pflanze verfallen und zum Teil an der Belastungsgrenze angekommen.

Und dann lernte ich etwas über Liebe.
Neben mir saß eine junge Dame, die ich schon häufiger gesehen habe. Sie war heute normale Besucherin, hatte also kein Daime getrunken.
Sie ist Mitte bis Ende 20 und für eine Brasilianerin recht europäisch. Mittelblonde Haare, braune Augen, helle Haut. Im Grunde erfüllt sie das Klischee des Landkommunenhippiemädchens. Die Fingernägel waren alle unterschiedlich lang, und es war offensichtlich, dass sie zuvor Gartenarbeit gemacht und irgendetwas gestrichen hat.
Erde unter den Finger- und Fußnägeln, blaue Farbe im Nagelbett, blaue Farbe an den Füßen und Beinen, wobei die Farbe nicht frisch aussah, sondern eher ein paar Tage alt.

Da sie neben mir saß, teilten wir uns ein Liederbuch und hatten hin und wieder Blickkontakt. Dabei strahlte sie mit einer Lebensfreude, die ich selten gesehen habe. Wenn sie sang, hatte sie eine starke, tönende Stimme voller … ich glaube „Inbrunst“ ist ein angemessenes Wort. Und wenn im Text irgendetwas mit Jesus vor kam, was bei Weihnachtsliedern recht häufig ist, schien sich ihre Freude und Leidenschaft zu verdoppeln.

Und auch, wenn sie bei manchen Liedern offenbar eine andere Melodie kannte als die Mehrheit im Raum, nahm das ihrer Freude und ihrer Hingabe nicht das geringste weg. „Singing straight from the heart“ könnte man es nennen…

Die Pflanze, die immer noch meine Wahrnehmung beeinflusste, zeigte mir diese junge Frau als pure Lebensfreude und völlige Hingabe an Gott. Und sie war genau so, wie sie war, perfekt. Mit all der Farbe, der Erde, der alternativen Melodien oder Versmaßen, ihrem Lächeln, dem freudigen rumgerutschte auf dem Meditationskissen, der unterdrückte Drang, einfach aufzuspringen und loszutanzen, mit all dem brachte sie eines zum Ausdruck: ihre grenzenlose Liebe zu dem, was sie tut und zu dem Leben selbst..

Später, als die Wirkung der Pflanze nachließ, überlagerten die Schatten meiner Konditionierung das Bild. „Die ist ja schon ein Bisschen überdreht“ … „Mit einer Nagelbürste hätte sie zu mindest die Erde abbekommen“ und so weiter.

„Nur ein Idiot geht durch den Wald und sagt: Es wäre ja schon schöner, wenn der ein oder andere Baum etwas gerader gewachsen wäre…“

(Verfasser ist mir gerade unbekannt)

Die Pflanze hat mich mit dem Blick der Liebe sehen lassen und ich glaube das ist das, was diese Pflanze ausmacht. Ich habe bewusst erlebt, wie es ist, einen anderen Menschen in seiner ihm eigenen, perfekten Schönheit zu sehen, ohne die kritischen Urteile und Verurteilungen von Aussehen, Verhalten, Kleidung und was nicht noch alles, die wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben.

Einfach einen Menschen lieben, weil er genau so ist, wie er ist. Und nein.. nicht „selbst mit seinen Fehlern“… es gibt keine Fehler! 
Menschen mögen leiden, und aus diesem Leid heraus Dinge tun, die andere als falsch erachten. Ja, das passiert. Aber das Leid ist kein Fehler. Es ist ein Teil von ihnen, der vielleicht geheilt werden kann, ein Potential, aber kein Fehler.

Und so habe ich gleichzeitig gelernt, wie viel Urteile in mir doch vorhanden sind, obwohl ich mich schon für einen Menschen halte, der sich lange in Akzeptanz geübt hat.

Das Buffet war der reine Wahnsinn. Von Salaten über kleine Zucchinispieße mit irgendeiner Füllung, eine Art Gaspacho, eine kalte Tomatensuppe, in Zucker gebratene Bananen bis hin zu Kuchen, bei dem die Kalorien auf der Glasur tanzten. Und alles vegan, da an Weihnachten kein Tier zu Schaden kommen soll.

Ich hatte meinen Platz eingenommen und die Pflanze begleitete mich immer noch. Kurz hatte ich Gesellschaft am Tisch, dann war ich wieder alleine und konnte mir das Treiben um mich herum ansehen.
Alles war in harmonischer Ruhe, aber trotzdem voller Freude, auch wenn der ein oder andere ebenfalls noch mit der Pflanze zu tun hatte.

Da saß ich nun. In einem spirituellen „Hotel“, im aus Bambus konstruierten Essbereich, umgeben von den wohl friedlichsten Menschen der Welt. In inniger Kommunikation mit einer Pflanze, deren Begegnung ich mir seit langem erträumt hatte. Am Weihnachtsabend, bei etwas über 20 °C, mit hin und wieder einem leichten, frischen Windhauch, klarer Luft und wundervollem Essen.
„Create the life you want“… mein Facebooklogo fiel mir in diesem Moment wieder ein.

Mich durchströmte ein Glücksgefühl, das mir ein sanftes Lächeln auf das Gesicht zauberte. Das hier ist das Ergebnis von fast einem Jahr aus Deutschland raus zu sein. Das Ergebnis von Höhen und tiefen, Angst und Glück, Sicherheit und Chaos. Dieses Wissen, dass ich das alle Probleme überwunden, und diese Situation erschaffen habe, das ist das tollste Geschenk, das ich mir vorstellen kann.
Und wenn Leute sagen, dass die Schlingpflanze eine heilige Medizin Gottes sei, dann möchte ich sagen, diese Geburtstagsparty hat Jesus persönlich mit reichlich Segen gesponsert.

Gegen 23:00 Uhr verließ ich Flor das Aguas immer noch in Begleitung der Pflanze und fuhr nach hause.
Nele und Jiva freuten sich, mich zu sehen und bekamen ihr Weihnachtsessen, natürlich nicht vegan. Meine Vermieter feierten bis 02:30 Uhr, wobei sie das Auto auf der Straße nutzten, um die Terrasse mit Musik zu beschallen. Sie redeten laut, hatten offenbar schon ein paar Bier getrunken und es war ständige Bewegung im Haus, auf der Terrasse und der Straße.

Ein schöner Moment, mich für eine Perspektive zu entscheiden. Und ja, ich wählte die Liebe. Ich freute mich für diese Menschen, die so gänzlich anders feierten, als ich es an diesem Tag getan habe. Aber sie schienen Freude zu habe, und es war schön, das mitzuerleben. Da ich eh nicht schlafen konnte, begann ich die Erlebnisse des Tages aufzuschreiben, und irgendwann machte ich das Licht aus und schlief ein.

Ein Gedanke zu „24.12. Weihnachten in Brasilien“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.