Eine sonntägliche Landpartie

Martins, mein Honda Motorradmechaniker aus Cunha, hat Ronaldo, meinen Nachbarn, und mich zu einem Sonntagsausflug eingeladen. Er habe ein Haus in den Bergen gekauft, abgeschieden von der Welt, und er müsse dort ein Wenig aufräumen.
Dabei wünsche er sich Hilfe und Gesellschaft. Wir könnten auch was zu Essen machen, und den Sonntag in den Bergen verbringen.
Ronaldo war sofort begeistert und auch ich freute mich über etwas Abwechslung.
Am Samstag machte ich noch einen Hering- und einen Kartoffelsalat und Sonntag 08:30 Uhr stand Martins mit seinem Auto vor der Tür unseres Hauses.

Nele und Jiva kamen natürlich mit, auch für die beiden war Abwechslung etwas Gutes. Auf der Straße nach Paraty kotzte Jiva wieder ins Auto, was allerdings nicht wahrgenommen wurde, da Ronaldo und Martins tief in irgendwelche Gespräche vertieft waren.
Es ist erstaunlich, brasilianische Männer zu beobachten. Die sind in puncto Reden den Frauen relativ ebenbürtig.
Ununterbrochen werden Worte gewechselt, zwischendurch gibts ne Vollbremsung, dann zeigte Martins auf irgend etwas irgendwo in der Landschaft, dann wieder Vollgas und mit der Geschwindigkeit erhöhte sich auch das Redetempo.
Bis zur nächsten Vollbremsung.

Irgendwann bogen wir dann rechts auf einen der typischen Feldwege ab, die genuagenommen eine Verkettung von Schlaglöchern sind, die von Steinbrocken unterbrochen werden. Auch hier wieder die Vollgas – Vollbremsungsnummer, bis Jiva zum zweiten Mal eine orale Reinigung (so nennt man das Kotzen in spirituellen Kreisen) machte.

Das Haus im Grünen
Das Haus im Grünen

Ein paar Kilometer später hielten wir an einem Holztor und Martins stoppte den Motor. Hinter dem Holztor war nichts zu sehen außer einem steinigen Weg, der gen Himmel führte.
Er hatte vorher etwas gesagt wie „Nehmt nicht zu viel mit, das letzte Stück müssen wir laufen…“, er hat aber nichts von diesen endlosen Steintreppen erwähnt, die für gewöhnlich zu abgelegenen, chinesischen Tempeln hinaufführen…
So ungefähr war dieser Anstieg, nur ohne Treppe.

Ronaldo schnappte sich ein paar Besen, eine Hacke und eine Schaufel aus dem Auto, ich nahm die elektrische Motorsense und einen Eimer mit Kleinkram, Martins fuhr die Schubkarre mit den Kühlboxen, dem Essen und weiterem Werkzeug nach oben.


Jiva hüpfte aufgeregt von dannen, Nele trottete zufrieden hinter mir her.
 Hoch, um die Ecke, hoch, hoch, noch höher, dann wieder um die Ecke und so weiter. Nach einiger Zeit erreichten wir ein Haus. Es konnte nur schwer unser Ziel sein, denn ein im Garten angebundener Hund bellte und freudig an. Neben dem Haus war der Weg von einem Holztor versperrt, und nach einer kurzen Pause setzten wir den Weg durch das Tor fort.

Es blieb waagerecht und an einer riesigen Zedernhecke hielt Martins an, holte aus der Hecke ein paar alte Baumstämme raus und legte so ein kleines Holztor frei. Wir waren da!

Hinter dem Holztor gelangten wir direkt in einen Bereich, der wohl mal kultiviert, aber nun von der Natur zurückerobert war.

Alter Baum
Alter Baum

Links und rechtes ein paar kniehohe, blaue Hortensienbüsche, Gras bis zum Oberschenkel und verschiedene kleine Bäume, die sich in bunter Willkür angesiedelt hatten.
Dann, nach 30 Metern, das Haus.

Der "Milchkelch"
Der „Milchkelch“

Ich muss sagen, dass es mich fasziniert, mir vorzustellen, wie hier noch vor Kurzem Menschen dauerhaft gelebt und ihren Alltag bestritten haben.
Die Vorbesitzer haben ihr ganzes Leben in diesem Haus gewohnt und der Sohn, der hier aufgewachsen ist, musste es verkaufen, weil ein Elternteil so schwer erkrankt ist, dass sie in die Nähe der Stadt ziehen mussten.
Das „Haus“ würde in Deutschland als „einsturzgefährdeter, übergroßer Geräteschuppen mit Kochgelegenheit“ durchgehen.
Der erste Raum ist die Küche. Ungefähr 3,5 mal 4 Meter groß, eine Tür, ein Fenster, ein Waschbecken, ein Tisch und eine traditionelle Kochstelle.

Martins am Herd
Martins am Herd

Die weiteren Räume waren wesentlich kleiner und ließen keine Funktion erkennen. Wie in einem Irrgarten waren mehr oder weniger große Räume hinter- und nebeneinander angebracht, manche mit Fenstern, andere nicht.
Ein Bad sucht man vergeblich. Weder eine Waschgelegenheit, noch eine Toilette. Dafür hat man ringsum freie Natur…
Nachdem wir die Küche gereinigt hatten wurde das Gras im Eingangsbereich mit der elektrischen Motorsense geschnitten. Immerhin gab es Strom. aber kein fließend Wasser.
Das Wasser kam ursprünglich von einem Teich, der von einer Quelle gespeist wird. Da irgendwelche Nachbarn nur aber ihre Kühe an den Teich lassen, ist er nicht mehr trinkwassergeeignet.
Es muss künftig ein neues Rohr näher zur Quelle verlegt werden.

"Da hoch? Ja? JA?!!"
„Da hoch? Ja? JA?!!“

Ich kümmerte mich in der Zeit um die traditionelle Kochstelle.

Im Grunde eine tolle Sache, die wie ein Rocketstove funktioniert. Man hat ein offenes Feuer, der Qualm wird aber durch eine seitlich liegende Öffnung abgeführt. Somit hat man keinen Qualm in der Küche, es sei denn, der Kamin ist verstopft.
Natürlich war der Kamin verstopft, weil keine Abdeckung auf dem Schornstein war. Das hat Martins rausgefunden, bevor er mit tränenden Augen aus der vernebelten Küche kam.
Nachdem ich alles saubergemacht und ausgeräumt hatte, bekam ich sogar ein Feuer zustande. Hierbei profitierte ich von den Erfahrungen mit dem Rocketstove, der in einem Haus im Source Temple installiert worden ist.

Eine traditionelle Kochstelle
Eine traditionelle Kochstelle
Feuer brennt, Essen brutzelt
Feuer brennt, Essen brutzelt

Zu Mittag gab es Bratwürstchen, Kartoffelsalat, Heringssalat, Reis und Kaffee.
„Wenn ich wollte, könne ich gerne ein paar Tage in seinem Haus verbringen“ meinte Martins beim Mittagessen zu mir.
Bevor mein in Uruguay so gekränktes Ego in Fahrt kommen konnte antwortete ich „Oh! Das ist ja wunderbar!“

Da ich die Zeit vor Silvester in Flor das Aguas verbringen werde, habe ich mir danach eine Auszeit verdient. Viele Menschen – keine Menschen.
Das ist das Ying und Yang in meinem Leben.
 Martins guckte mich zweifelnd an. „Kannst du hier überleben?“ Ich grinste. „Sehen wir, wenn die Woche vorbei ist…“

Nach dem Essen sahen wir uns noch ein Bisschen die Umgebung an. Natur, Berge , Wasser, Berge. Wiesen, auf denen jeder Kräuterkundige in eine spontane Reizüberflutungsstarre verfallen würde, lustige Pilze und seltsame Lebensformen.
Als ich den zirka 30 cm langen, birnenförmigen Gegenstand am Ende eines herabhängenden Astes sah, erklärte mir mein allwissendes Gehirn, dass es sich um eine komische, halbvergammelte Frucht handele. Da Ronaldo und Martins wie immer im Gespräch vertieft waren, wollte ich auch nicht stören und fragen, was das sei.

Rote Himbeeren
Rote Himbeeren
Grüne Himbeeren
Grüne Himbeeren
Lustige Pilze
Lustige Pilze
ernste Pilze
…ernste Pilze
Männer im Urwald
Männer im Urwald
Blühende Schmarotzer
Blühende Schmarotzer
Eine magische Erscheinung
Eine magische Erscheinung
Blumen im Garten
Blumen im Garten
Löwe am Bach
Löwe am Bach
Ein Bisschen Motivation von hinten...
Ein Bisschen Motivation von hinten…
Schmetterlingshochhaus 1
Schmetterlingshochhaus 1

Später entdeckte Ronaldo das Ding. „AH! Da!! Guck mal! Schmetterlinge!!“
Tatsächlich.
Die 30 cm lange Birne setzte sich aus sehr vielen ca 7 cm langen Schmetterlingslaven zusammen. Einige waren noch nicht ganz geschlossen, es guckte noch ein kugelrunder, roter Raupenkopf heraus, der hin und wieder wackelte.
Darüber hinaus entdeckten wir Palmen mit Bananen, Palmen, aus denen die Palmenherzen gewonnen werden, haufenweise wilde Himbeeren und sicherlich eine Menge Dinge die irgendetwas sind, was keiner von uns kannte.

Schmetterlingshochhaus 2
Schmetterlingshochhaus 2
Schmetterlingshochhaus 3
Schmetterlingshochhaus 3

Während unseres Rundgangs wurde das Bergwetter wechselhaft. Dichter Nebel zog über die umliegenden Bergkämme zu uns hinab ins Tal. „Wir gehen besser, bevor es anfängt, zu regnen“ schlug Ronaldo vor und Martins und ich nickten.

Von 30 Grad auf 20 in 15 Minuten. Unter einem graubedeckten Himmel trugen wir die Gerätschaften wieder zum Auto, begleitet von ständigem Donnergrollen.
Auf der Rückfahrt setzte der Regen ein. Nicht dramatisch aber ausreichend, um den lehmigen Weg recht rutschig zu machen.

Martins wollte uns aber uns aber noch ein paar Dinge zeigen. Eine Lavendelfarm sowie ein Italienisches Café im Nirgendwo.

Beim Italiener...
Beim Italiener…

Wenn ich Lust habe, schreibe ich noch mal einen Artikel über die beiden Orte. Aber für unsere Landpartie muss es jetzt erst mal reichen, denn die Rückfahrt verlief ereignislos. Jiva hat nicht mal gekotzt…

4 Gedanken zu „Eine sonntägliche Landpartie“

  1. Hallo Tobias,
    auch von mir, heute zur Wintersonnenwende, alles Gute! Lese deine Geschichten nach wie vor sehr gerne. Wirklich viele Herausforderungen aber echt super wie du sie alle meisterst!

    Wünsche dir weiterhin alles Gute auf deine Heldenreise und viele Grüße aus dem winterlichen Berlin,
    Ferdinand

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