Erster Ausflug – Abenteuer und Verluste

Nachdem ein Großteil der Küche eingebaut war, wurde es Zeit, die Haltbarkeit im Straßenverkehr zu testen. Ich kannte eine schöne Nebenstrecke, mit einem hochgelegnen Punkt, den ich zur Übernachtung nutzen wollte.

Doch das Abenteuerland ist das Land, in dem alle Wünsche in Erfüllung gehen… Somit wurde der Ausflug zu einem echten Test mit echten Verlusten…

Die Strecke kannte ich noch von Weihnachten. Es geht die typischen Feldwege entlang, rauf runter, vorbei an tollen Panoramen, wieder zurück in die Stadt. Auf einem der Hügel wollte ich übernachten, um die Tauglichkeit der Küche auszuprobieren.
Der Unterschied zur letzten Fahrt war, dass es heute den ganzen Tag geregnet hat. Der Bus war innen feucht, Scheiben beschlagen und die Sicht bescheiden.
Ich folgte dem Weg bis zu einer Gabelung, an der ich unsicher war, welchen der Wege wir damals genommen hatten. Zum Glück gab es einen neonroten Pfeil, der nach Rechts zeigte. Das war zwar die andere Richtung, aber wer dem weißen Kanninchen folgt, kann auch roten Pfeilen folgen.

Der Weg wurde schwieriger, doch solange mir noch VW Golfs entgegenkommen, musste es machbar sein. Ein Auto überholte mich sogar und ich war froh, dass mir jemand die Spur vorgab. Doch der war dann auch irgendwann in der Ferne verschwunden. Nach ein paar Kilometern stand er am Straßenrand. Vor uns ging es in einer Kurve bergab, dahinter war irgendwo eine Farm zu sehen.
Ich fuhr an ihm vorbei und konnte nach der Kurve en Grund für sein Anhalten erkennen. Der Weg, der an der Farm vorbei führte, war über 10 Meter eine einzige Wasserfläche. In der Mitte war eine dünne Sandspur zu erkennen, die Wegesränder waren 20 cm tiefer, von Traktoren aufgewühlter Schlamm…

… und ich hatte gerade Schwung von der Bergabfahrt!
„Mit viel Schwung durch!“ meldete sich meine innere Stimme.
„Gewässer erkundet und befahrbar“ hörte ich eine weitere Stimme, die ich aus einer Dokumentation über die Ausbildung von Panzerfahrern kannte.
Vollgas! Der Boxermotor stampfte noch ein paar Mal, dann tauchten die Vorderräder in die Wassermassen ab. Ein heftiger Stoß katapultierte den Bulli wieder nach oben und unter archaischem Gebrüll des Motors stürzte er sich wieder in die Tiefe, um sich kurze Zeit später fast schon mayestätisch aus den Fluten zu erheben. „Ein Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst!“ schoss es mir durch den Kopf…

Doch kurze Zeit später kam er doch an seine Grenzen. Nach der Farm ging es wieder bergauf. Irgendwann wurde es so steil, dass der Weg mit Steinen gepflastert war. Der Bulli wurde langsamer und langsamer und schließlich stand er. Anfahren im ersten Gang war unmöglich. Gute Nachricht war, dass die Kupplung in Ordnung ist!
Also rückwärts den Berg wieder runter, bis die Steigung flacher wurde. Dann erster Gang und Vollgas! Mit brachialer Gewalt preschte der Bus über den steinigen Feldweg und unter dem Geschepper des Küchengeschirrs erreichte er den gepflasterten Bereich. Der Motor röhrte immernoch im oberen Drehzahlbereich und er kletterte, kletterte und kletterte, bis er oben war!

Nun hatte ich mir eine Pause verdient. Ich parkte am Wegesrand und prüfte die Kücheneinrichtung. Alles war nch an seinem Platz, alles war ganz!

_1110214

Doch dann kamen die düsteren Gedanken. Es regnete immernoch, und es gibt Farmen, die über mehrere Tage von der Außenwelt abgeschnitten sind. Ich fühlte mich wie in einem Katastrophenfilm. Es beginnt mit einem Ausflu, dann ändert sich das Wetter und schließlich versinkt alles im Chaos. Ich begann mich zu fragen, ob diese Gedanken auch gekommen wären, wenn ich keine Katastrophenfilme geguckt hätte. Und wozu gibt es die überhaupt? Mir kam diese Stimmung gerade äußerst ungelegen und ich beschloss, sie gehen zu lassen. Dann holte ich meine Schlafsack raus und lauschte dem Regen.

Der nächste Morgen war wundervoll. Die Sonne erhob sich aus dem nächtlichen Nebel, der in den umliegenden Tälern kleine Seen bildete.

_1110236

_1110230

_1110217

Nebellandschaft
Nebellandschaft

_1110234

_1110233

_1110231

_1110230

_1110228

_1110221

Irgendwann kam der erste Straßenverkehr auf und ich beschloss, weiter zu fahren. Doch irgendwie war ich noch nicht klar genug…
Während ich noch Facebook checkte, warf Nele ein Stück Kordel auf den Boden. Als ich es aufheben wollte, kippte der Sitz etwas vor, und mein MacBook rutschte herunter. Es viel direkt auf Jiva, die auf dem Boden lag, doch nun erschreckt aufsprang. Damit erhielt der Rechner noch etwas Energie, um es bis auf die Straße zu schaffen. Er landete mit einer Ecke des Displays, das sofort senen Dienst einstellte.

Hilflosigkeit kam auf! Wie angewurzelt stand ich da. Wie passen so zwei Situationen zusammen? Eben noch ein tolles Frühstück und von jetzt auf gleich sind nicht nur 2500 Euro im Eimer… Meine ganze Dateiverwaltung von Texten, Bildern und Videos muss neu erarbeitet werden… Wie bekomme ich die Bilder der Kamera nun ins Internet? Das iPad hat keinen Kartenleser…. Hilflosigkeit….

Doch wenn sich eine Situation in Sekunden von gut nach schlecht ändern kann, geht das auch andersrum. Vielleicht wollte mir das Leben zeigen, dass ich etwas verpasse, wenn ich mit dem Rechner im Buss sitze… Ich stieg aus und sah mich um. Eine Herde von Kühen hatte sich am Bulli versammelt…

_1110274
_1110277

Wow… dieses Erlebnis ist den Verlust des Rechners wert….
Ich packte zusammen und fuhr los. 50 Meter weiter wurde ich von meinem Powerpack überholt. Ich hatte es an das Solarpanel angeschlossen und auf das Dach gelegt. Nun, beim Bergabfahren, rutschte es munter an meinem Seitenfenster vorbei.

Anhalten, aussteigen, suchen… es war nicht da… Das Solarpanel lag noch brav auf dem Dach, aber das Powerpack war weg. Ich beschloss, nicht aufzugeben und lief den gesamten Weg ab, bis ich es schließlich seitlich im Gras liegen sah…
Was soll mir das alles sagen? Ich beschloss, auf weitere Abenteuer zu verzichten, und Schutz in der Zivilisation zu suchen. Ich kam mit diesem Plan 400 Meter weit.

Dann steckte ich mit dem Bulli in einer schlammigen Steigung fest. Es ging nur noch rückwärts. Doch wenn beim Rückwärtsfahren die Vorderräder blockieren, bricht das Fahrzeug aus. So hing ich hinten Links im Graben und stand diagonal auf dem Weg.

Wenn beim Rückwärtsfahren die Vorderräder blockieren, fehlen die Seitenführungskräfte und das Fahrzeug bricht aus
Wenn beim Rückwärtsfahren die Vorderräder blockieren, fehlen die Seitenführungskräfte und das Fahrzeug bricht aus

Wohin sollte sich die Stimmung nun noch steigern? Hilflos, hilfloser als hilflos?? Ihr könnt mich alle mal, ich geh jetzt nach hause??!

Das interesante an meiner derzeitigen Lebensweise ist, dass es kein Davonlaufen mehr gibt. Die Situation muss gelöst werden. Also atmen und entspannen. Jedes Problem bringt gleichzeitig seine Lösung mit, man muss nur die Augen offen halten.
In dem Moment hielt ein Auto, dass vom Berg herunter kam. Der Fahrer sah sofort, was los war und bot seine Hilfe an. Seine Frau holte aus einer nahegelegenen Farm eine Hacke, mit der wir den Bulli freigruben. Kurze Zeit später gesellte sich ein weiterer Fahrer zu uns und half mit.

Vanderlei, der erste Helfer am Ort
Vanderlei, der erste Helfer am Ort
Saulus, Vilma und Vanderlei
Saulus, Vilma und Vanderlei

Schließlich schafften wir es, den Bus freizuschaufeln und Vanderlei empfahl mir eine andere Strecke, die etwas flacher war und nach Cunha führte.

Geschafft! Nach einer Stunde buddeln war der VW Bus wieder frei
Geschafft! Nach einer Stunde buddeln war der VW Bus wieder frei

Ich weiß bis heute nicht genau, was ich an diesen Tagen alles gelernt habe.
Dass Sorgenmachen völliger Unsinn ist, weil es nicht weiterhilft?
Dass Situationen sehr instabil sein können und in Sekunden hin- und herspringen?
Dass Lösungen kommen, sobald man sich entspannt?
Dass es immer irgenwie weiter geht?
Dass es gar nicht so schlimm ist, im Internetcafe zu bloggen, mit einer Zeichentabelle nebendran, um die Umlaute einzufügen?
Ich habe keine Ahnung….

2 Gedanken zu „Erster Ausflug – Abenteuer und Verluste“

  1. Ich denke, dass du die Situation ziemlich gut interpretiert hast. Deckt sich mit meinen reiseerfahrungen und der begleitenden chronischen Unfähigkeit jeglichen Plan auch umzusetzen. So ziemlich alles was ich hier geplant habe, wurde zu staub. Wir sind halt nur flüchtige partikel im universum, das versteht man zu lernen wenn man sich auf die große reise begibt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.