Ich geh mal Geld holen

„Aus Sicherheitsgründen haben wir ihre Kreditkarte gesperrt!“
Den informellen Brief bekommt man natürlich erst nach der Sperrung, wenn man eh gemerkt hat, das irgendetwas nicht stimmt. Eine Überweisung mit Western Union hat nicht geklappt, weil meine Push Tan App mein Passwort für falsch gehalten hat. Das scheint alle 6 Monate zu passieren. Ich habe das Passwort abgetippt, und die App sagte: „ich bin jetzt mal gesperrt!“.

Wie gesagt, ich hatte es schon mal. Email an die Bank, die schicken ein neues Registrierungsschreiben für die App an die hinterlegte Adresse, dann muss die App neu installiert und freigeschaltet werden.
Die Situation: Tank voll, Essen gekauft, Portemonnaie leer, Ziel in Sicht.
Das Ziel: 220 km nach São Thomé das letras.
Das war letzte Woche…

Nach 6 Stunden fahrt bin ich in der gebirgigen Region auf ca 1100 Höhenmetern angekommen und beschloss, mich erst mal zu akklimatisieren. Die Luft ist trocken und die UV Strahlung hoch.
Ich fand einen hübschen Platz am Wegesrand und blieb dort 3 Tage.

Sonnenaufgang
Sonnenaufgang
Wasserfall Antaris
Wasserfall Antaris
Abendessen
Abendessen

Dann fühlte ich mich gestärkt genug, um in die Zivilisation zurückzukehren.
Es war Freitag, und je mehr ich mich dem Ort näherte, desto höher wurde die Touristendichte, bis ich dem Wahnsinn selbst Auge in Auge gegenüber stand.
Erika, eine Yogalehrerin aus São Paulo, die ich bei Flor das Aguas kennengelernt hatte, hat mir die Pension Namasté empfohlen. Dort sollte ich mich melden.
Nach einiger Zeit habe ich sie gefunden und lernte Mara, die Besitzerin kennen.
Ich erklärte ihr meine Situation und wurde herzlich empfangen. Ich könne den Bulli vor der Tür parken und ihre Toilette und Dusche nutzen, wenn ich mag.
Meine Anwesenheit machte sich schnell in der Nachbarschaft bemerkbar, als ich über das Wochenende hinaus auf meinem Parkplatz stehen blieb. Nachbarn kamen, redeten mit mir und brachten mir Essen.

Zwischendurch konnte ich den Bulli, der auf der Fahrt sehr gelitten hatte, bei einem Mechaniker auf die Bühne lassen. Motoraufhängung gebrochen, ein paar Gummis im Eimer und der linke Bremssattel hing nur noch an einer Schraube.
Die Schraube habe ich umsonst bekommen, für den Rest muss ich nochmal hin, wenn ich Geld habe. Kostenvoranschlag 150 realis, ca. 50 Euro für einen halben Tag Arbeit.

In der Pension lernte ich Emilia kennen, eine Brasilianerin aus São Paulo, ca. Mitte 50.
Sie ging mittags immer in ein kleines Restaurant essen, allerdings waren die Portionen für sie zu groß. So lud sie mich zum Essen ein, indem sie einfach ihr Essen und einen weiteren Teller für mich bestellte.

Bevor sie dann am Mittwoch wieder abreiste, ging sie mit mir in den Supermarkt: „Kauf, was du brauchst. Wenn du willst, kannst du mich in São Paulo besuchen und mir das Geld wiedergeben.“
50 Realis, 17 Euro, für frisches Gemüse, Eier und andere Dinge des täglichen Bedarfs.
Mittags fuhren wir zum nahegelegenen Wasserfall.

Donnerstag kam endlich der Brief von der Bank. Ich konnte die App installieren und wieder überweisen. Per Western Union Geld an mich.
Western Union bietet den Service, dass man Geld an eine Person überweisen kann. Das Geld kann innerhalb von Minuten bei einer Geldausgabestelle, die mit Western Union arbeitet, abgeholt werden. Gegen Vorlage des Reisepasses. In Uruguay konnte ich in einer Wechselstube abholen, in Brasilien bei einer Bank.

Freitag morgen fuhr ich mit geliehenem Geld von Mara nach Tres Coracões, der nächstgelegenen Stelle von Western Union. 30 km Busfahrt über eine Stunde für 4 Euro.
Und die angegebene Bank war gleich neben dem Bushof.

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Leider konnte die Bradesco Bank keine Auszahlung machen, da ihr die Transaktionsnummer nicht vorlag. Ich wurde zur Banco do Brasil weitergeschickt.

Die Banken in Brasilien erscheinen unglaublich paranoid. Im Vorraum stehen Geldautomaten und 2 – 3 bewaffnete Wachleute. In Cunha haben sie sogar hinter Panzerschilden mit Sehschlitzen gestanden. Geld ist nun mal Vertrauenssache….

Wer zu den Schaltern will, muss durch eine Drehtür. Zuvor muss man jedoch all seine Metallgegenstände in eine Acrylglaskiste packen, die in die Acryltrennwand zwischen Vorraum und Schalterbereich eingebaut ist.

Dann geht es durch die Drehtür, die beim Wahrnehmen von Metall blockiert. Man muss dann raus und nochmal die Taschen in die Acrylbox leer machen.
Alles unter den Augen des grimmigen Wachpersonals, das sich aber bei Problemen als äußerst kooperativ und zuvorkommend herausstellt.

Ich habe mich bei den Bankschaltern immer mit Namen vorgestellt und wurde immer mit Namen angesprochen. Auch hier hatte ich das Gefühl, dass ich echte Dienstleister vor mir habe.
Für die Auszahlung muss bei der Banco do Brasil zunächst ein Kunde angelegt werden. Das beinhaltet die Daten des Reisepasses, wobei es Probleme gab, da das Programm den Aussteller bzw. Herausgeber des Reisepasses wissen möchte.

Im Reisepass steht aber nur Behörde. In meinem Fall Landeshauptstadt Wiesbaden
Also kommt in die Zeile Herausgeber: Landeshaupt , denn mehr passt nicht rein, bei Wohnort dann Wiesbaden.
Da mein Visum seit einiger Zeit abgelaufen ist, musste Visa Typ mit „Ausländer mit externem Wohnsitz“ angegeben werden. Das herauszufinden hat 30 Minuten gedauert.
Wenn man eine halbe Stunde versucht, Daten passend zu machen, kommt auch gerne mal ein anderer Mitarbeiter vorbei, guckt neugierig, sieht das Herkunftsland und grüßt grinsend mit: „Gutten Tag wie geht’s?“

Auf meine Frage, ob das abgelaufene Visum keine Probleme macht, wurde pflichtbewusst mit „klar macht das Probleme bei einer Polizeikontrole“ geantwortet.
Aber immerhin gab es soviel Verständnis, dass meine Daten so angepasst wurden, dass ich meine Registrierung bekommen habe.

Dann wurde ich mit einem handschriftlichen Wartezettel weiter zur Kasse geschickt.
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Mittlerweile waren 1 Stunde 45 Minuten seit Betreten der Bank vergangen.
Die Wartezeit an der Kasse hielt sich in Grenzen, dank des völlig zittrigen Kassieres, der irgendwie alles in Rekordzeit machen wollte.
Von den von der App ausgerechneten 995 Realis für 300 Euro habe ich schließlich 978 rausbekommen. Das bleibt in etwa gleich mit der Gebühr von Bankautomaten, die sich auf pauschal 20 Realis beläuft.
Jedenfalls habe ich erst mal Geld, und das beruhigt ein wenig.
Um 15:30 war ich auf dem Weg zum Bushof, als mir der Bus nach São Thomé entgegenkam, und ich durfte mitten auf der Straße einsteigen.

Ein Gedanke zu „Ich geh mal Geld holen“

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