Sharing is caring – teile und beherrsche dein Leben

In São Thomé sind die finanziellen Mittel recht knapp. Die Touristen sind die einzige Einnahmequelle für die Einwohner, ansonsten wird noch ein Steinbruch betrieben, aber ich habe nicht das Gefühl, dass die Einwohner davon nicht viel abbekommen.
Das Leben geht aber trotzdem. Nur ein bisschen anders, als in Deutschland.

São Thomé ist ein kleiner Ort, in dem jeder jeden kennt. Dabei gibt es eine Vielfalt von verschiedenen Menschen und Lebensweisen.
Es gibt die Künstler, deren Kunst hauptsächlich darin besteht, am Leben zu bleiben. Danielson ist Mitte 50 und Künstler. Er hat ein kleinea Atelier und verkauft nebenbei gebatikte Abtrockentücher und Postkarten für ca einen Euro. Außerdem verkauft er noch Honig, da er irgendwo ein paar Bienen hat.

Carla ist um die 40. sie hat ein paar Jahre auf einem Reiseschiff gearbeitet. Seit dem sie 18 ist, stellt sie Kleider her, die sie verkauft. Nun hat sie in São Thomé eine Schneidergruppe gegründet, um für die Frauen eine Einkommensmöglichkeit zu schaffen.

Die AG Nähen bei der Arbeit
<\a> Die AG Nähen bei der Arbeit

Mara, auch Mitte 50 besitzt die Pension Namaste. Das Doppelzimmer kostet 50 Euro pro Nacht. Sie lebt mit ihrem pflegebedürftigen Vater und zwei Söhnen zusammen. Nebenbei gibt sie Massagen für knapp 25 Euro. Trotzdem war die jährliche Stromrechnung über 100 Euro Grund zur Sorge.
Sie war es aber auch, die mich vor ihrer Tür hat campen lassen, und mir ihr Bad und Toilette kostenfrei zur Verfügung gestellt hat. Und als mein VW Bus in Reparatur war, ließ sie mich kostenfrei bei sich wohnen.

Lucilla betreibt ein kleines aber sehr schönes Restaurant mit dem Besten Essen, dass ich in Südamerika bekommen habe.
Mittags und Abends gibt es „Autoservice“, ein Buffet, bei dem ein Kilopreis für das Essen bezahlt wird.
Wer sie als Freund hat brauch sich um Essen wenig zu sorgen, da sie immer einen Teller für andere übrig hat.

Ein ortsansässiger Japaner gibt kostenfrei Yoga und Tai Chi Kurse. In seinem Garten steht ein Limonen- und ein Mangobaum. Die Früchte, die zuviel sind, werden den Kursteilnehmern geschenkt.

Von Emilia aus Rio bin ich zum Essen eingeladen worden, als ich Probleme mit meiner Kreditkarte hatte. Die Portion im Restaurant war ihr zu groß, deshalb hat sie mich mitgenommen und einen zweiten Teller für mich bestellt.

Sie sagte, dass die Vorstellung, dass jemand kein Essen hat, unerträglich ist, da sie selbst ihre Kindheit in ärmlichen Verhältnissen gelebt hat.
„Immer, wenn ich irgendwo zu Besuch war, habe ich erst mal in den Kühlschrank geguckt, ob etwas zu essen da ist…“ erzählte sie mir.

Wer etwas kann oder hat, teilt es mit jenen, die es brauchen. Dabei ist es egal, ob man sich schon lange kennt, oder ob es ein Fremder ist.
Das, was stimmen muss, ist das Herz. Und dafür haben die Brasilianer ein sehr gutes Gespühr. Wer etwas im Schilde führt, wird sofort durchschaut und ist draußen.

Die Erfahrung, in ständigem Mangel zu leben hat dazu geführt, dass sich die Solidarität verstärkt hat. „Wir kennen keinen Krieg in Südamerika. Hier ist die Angst vor dem Hunger größer als die Angst vor Fremden.“ erklärte Emilia mir.

Vor einer Woche habe ich eine alleinerziehenden Mutter zweier kleiner Töchter kennen gelernt. Schnell stellte sich heraus, dass am Vortag ihre Mutter 200 km von hier entfernt, verstorben ist. Emotional stand es nicht gut um sie, da sie auch zu den zahlreichen sehr sensiblen Menschen gehört, die mit „dem System“ einfach überfordert sind.
Ich habe für sie gekocht, mich um die Kinder gekümmert, wenn sie Ruhe brauchte und bin mit alles dreien zum nahegelegenen Wasserfall gefahren.

Das ist der Typ, der mich fotografiert!
Das ist der Typ, der mich fotografiert!
Mondkind
Mondkind

Damit bin ich zum gerngesehene Gast in der Pension Paraiso geworden und bekomme Dusche, Toilette und Frühstück, und auch mal einen Raum mit Bett, wenn gerade was frei ist.

Pousada Paradiso in São Thomé
Pousada Paradiso in São Thomé

Und es gibt einen weiteren Gedanken, der hier sehr ausgeprägt ist. Das Anlegen von Vorräten, wie wir es kennen, gibt es nicht. Etwas für schlechte Zeiten aufbewahren? Nicht hier.
Man lebt im Hier und Jetzt und im Vertrauen, dass etwas kommt, sobald man es braucht. Dieses Vertrauen scheint zu funktionieren. Doch auch, wenn es mal nicht funktioniert, es geht immer irgendwie weiter.

Ich habe mir angewöhnt, diejenigen, bei denen ich unterkommen kann, zu bekochen.
Natürlich so deutsch wie möglich, wegen des kulturellen Austauschs. Im Gegenzug werde ich natürlich auch zum Essen eingeladen.
„Somos todos um!“ Wir sind alle eins!

Ich bin der Meinung, dass ein vereintes Europa nicht wirklich das Leben der Menschen verbessert. Wenn wir es aber schaffen, andere Menschen anzunehmen und ihnen die Hilfe zu geben, die wir uns wünschen, und wenn wir es schaffen, zu vertrauen, dass wir bekommen, was nötig ist, wenn wir es brauchen, dann wird sich das Leben aller verbessern!

Ein Gedanke zu „Sharing is caring – teile und beherrsche dein Leben“

  1. Gestern war wieder so ein Tag… Die Besitzerin der Pension klagte über die Vorkarnevalszeit, da zu dieser Zeit wenige Besucher kommen.
    Am Abend stand ich an meinem VW Bus, als 5 junge Leute an mir vorbeigingen. Ich hörte nur einen Satzfetzen: „Paradiso. Das ist auch ne Pension..“
    Ich guckte aus meinem Bus und sah ein Stuttgarter Kickers Trikot.
    Ein kurzes Gespräch auf deutsch klärte, dass die Fünf noch eine Unterkunft brauchen. Jetzt sind wir Nachbarn ?

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