Tom Sawyer

Wieviele Bücher aus unserer Vergangenheit haben ein Feuer der Sehnsucht in uns entfacht, die gleichzeitig, bedingt durch das Format „Roman“, in ein Einmachglas eingesperrt wurde, wo sie seitdem als unbefriedigte Erinnerung verwahrt wird?
Tom Sawyer von Mark Twain ist eines dieser Bücher für mich.
Die ungewöhnlichen Weisen, auf die Tom versucht, seine Wünsche zu verwirklichen, seine Abenteuer, die Freundschaft zu Huckleberry Finn, der in einer friedlichen Naturverbundenheit lebt, und das alles eingebettet in die fast noch ursprüngliche, natürliche Umgebung des Mississippi, auf dem als größte Innovation Schaufelraddampfer fahren.
Kein Stress, keine Termine, keine Umweltverschmutzung, kein Krach, im Grunde genommen ein Paradies.


Ein Paradies, dass aufgrund des Formates „Roman“ sofort als Fiktion, Phantasie oder Nichtwirklichkeit, vor allem aber als „unerreichbar“ kategorisiert wird.

Ich möchte nicht behaupten, ich hätte Tom Sawyer und seinen Freund Huck gefunden, doch bin ich der Meinung, sehr nah dran gewesen zu sein.
Tom heißt hier Hefferson (gesprochen Jefferson), von Huck habe ich den Namen leider vergessen.

Natalia und João Pedro
Natalia und João Pedro

Kennengelernt habe ich die beiden über Natalia und João Pedro. Diese sind Anfang 20, kommen aus São Paulo, und haben mich abends in São Thomé angesprochen, ob ich wüsste, wo es etwas zu Essen und eine kostenlose Unterkunft gibt. Sie wohnen auf einem Campingplatz, der 6 km weit weg ist, sie haben kein Geld mehr, und laufen wollen sie auch nicht.
Also haben wir Nudeln in meinem Bus gekocht, und für die Nacht habe ich Ihnen mein Zelt zur Verfügung gestellt.
Als Dankeschön sollte ich sie auf ihrem Campingplatz besuchen kommen.

Natalia und João Pedro haben gerade ihre Schule abgeschlossen. Mit dem, was sie gelernt haben, fühlen sich beide nicht in der Lage, einer sinnstiftenden Arbeit nachzugehen. Ebenfalls schrecken sie der Gedanke an korrupte Politiker und eine unattraktive Gesellschaft ab, ein Teil von ihr zu werden zu wollen. Somit reisen sie. Ohne Geld, mit ein paar Klamotten und einem Rucksack, als Teil eines bunten Paralleluniversums.

Natürlich habe ich die beiden auf ihrem Campingplatz besucht, und so eine völlig andere Welt kennengelernt.

Hefferson bei der Führung durch sein Reich
Hefferson bei der Führung durch sein Reich

Hefferson ist 1,75 m groß, kräftig, trägt eine Brille mir schwerem Rahmen und eine praktische 3 mm Frisur. Mehrere fertige und halbfertige Tätowierungen trägt er auf seinem Körper. Ich schätze ihn irgendwo um die 30 Jahre ein. Und er redet…. ständig.

Der Eingang
Der Eingang

Sein Camping sei gar kein Camping, es ist sein Haus, in dem er Gäste empfängt, klärt wer mich auf.
Das „Haus“ ist eine aus Tonziegeln gebaute, unverputzte Hütte, mit einer Feuerstelle und zwei Schlafplätzen. Direkt nebenan, 2 Meter weiter, eine kleine, ausgediente Landkapelle, die nun als Schlafraum für Gäste genutzt wird.

Das Dormitorium - Eine ausgediente Landkapelle
Das Dormitorium – Eine ausgediente Landkapelle

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„Mein Haus ist dein Haus!“ Eröffnet er generös die Unterhaltung. „Du kannst jetzt sagen, dass Du ein Haus in São Thomé hast!“, schob er zum Unterstreichen der Bedeutung hinterher.
Er habe noch ein anderes Haus. Eins mit Kühlschrank, Fernsehen, Bett, und was man sonst so hat, aber ihm gefällt dieses hier besser.
Hier sind Menschen, mit denen man zusammenleben kann. „Wenn ich vor dem Fernseher sitze, bin ich da alleine und mache nichts. Hier gebe ich anderen Menschen ein Zuhause. Ich nehme kein Geld dafür. Mein Lohn ist die Freude meiner Gäste!“

Jiva holt Wasser
Jiva holt Wasser

Es ist Mittag.
Natalia kommt mit Maiskolben vom nahegelegenen Feld und steckt sie, zusammen mit anderem Gemüse in einen Topf. João Pedro kommt etwas später mit einer Tüte voller Limonen und beginnt, Limonade in einem verbeulten Aluminiumtopf zu machen.

 

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„Da ist noch Kaffee… magst du einen?“
Ich trinke einen stark gesüßten Kaffe von der Feuerstelle, währen sich Hefferson eine Zigarette mit reinem Marihuana dreht. „Wenn ich mich zwischen Kaffee und Marihuana entscheiden müsste, würde ich Marihuana wählen!“ erklärt er mir dabei.

Limonen aus der Natur
Limonen aus der Natur

Morgens wird gearbeitet. Feuerholz muss geholt werden, das Trinkwasser kommt aus einem Bach, der einer Quelle entspringt. Essen gibt es aus der Natur oder den Feldern der Nachbarn, die ebenfalls als „Natur“ angesehen werden.
Am Wochenende wird zusätzlich Kuchen gebacken, der dann an einem nahegelegenen Wasserfall verkauft wird. So kommt Geld für Dinge rein, die nicht in der Umgebung wachsen.

Die Einbauküche - Heffersons Reich
Die Einbauküche – Heffersons Reich

„Mein Haus ist Dein Haus, aber solange ich hier bin, gehört die Feuerstelle mir!“ Hefferson kocht mit großer Leidenschaft für seine Gäste und lässt sich diese innere Befriedigung auch nicht nehmen.
Kurze Zeit später gibt es Nudeln, einen Gemüseeintopf, Reis, Bohnen und natürlich gedünstete Maiskolben, sowie die frisch zubereitete Limonade.

Lecker Limonade
Lecker Limonade

Als Geschirr dient alles, was ein Fassungsvermögen hat. Verbeulte Töpfe, große Kaffeetassen ohne Henkel, die Deckel der verbeulten Töpfe, einfach alles, was funktioniert.
Nach dem Essen ist der offizielle Arbeitstag abgeschlossen.

Mittagessen
Mittagessen

Den Übergang zum „Tagesprogramm Leben“ eröffnet natürlich wieder eine Marihuanazigarette, ein Beck, wie das hier genannt wird.
Leben heißt hier, dass man macht, worauf man gerade Lust hat. Wandern, musizieren, reden, künstlerische Gestaltung, je nach Bedarfslage.
Heute ist es heiß, da steht eine Flußwanderung an.

Das Auenland
Das Auenland

 

Unter dem Schutz der heiligen Marie Johanna geht es dann 200 Meter durch das Gebüsch zum Rio do Peixe, den Fluß der Fische.

Die Strömung ist sanft, das Wasser frisch, doch angenehm im Vergleich zur Mittagshitze.
Eine knappe Stunde folgen wir dem Fluß. Durch kleine Stromschnellen, vorbei an kantigen Granitbtrocken, aufragenden Felsen und einer undurchdringlichen Dschungellandschaft. Manchmal klettern wir die Böschung entlang, dann sind wir wieder mitten im Wasser. Einmal hilft uns die Strömung, dann wieder versperren Felsen den Weg.

Der Einstieg
Der Einstieg

Jiva und die zwei Hunde von Hefferson begleiteten uns.
Ich fühle mich wie in einem Märchen, auf einer aufregenden Expedition oder einfach in einer anderen Dimension. Ich fühlte mich als sei ich in einer Welt, die durch eine lange, unbewusste Sehnsucht erschaffen worden ist.
Nach der halben Stecke wird Rast gemacht. Huckleberry hat ein wasserdicht verpacktes Päckchen dabei und entnimmt ihm Blättchen und Marihuana.
So liegen wir eine Zeit auf den warmen Steinen eines rauschenden Flusses, beschienen von der warmen Nachmittagsonne, und werden umflattert von handgroßen, blauen und weißen Schmetterlingen, die dem Flußverlauf folgen.

Ein kleiner blauer Schmetterling
Ein kleiner blauer Schmetterling

Als es weitergeht ärgere ich mich ein wenig, dass ich mitgeraucht habe. Zum Rumliegen war das Ideal, aber nun, beim Laufen habe ich das Gefühl, als sei meine Welt stark eingeschränkt. Konzentriert und voller Anstrengung komme ich voran. Von Stein zu Stein.

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Verschwunden sind Fluß, Sonne und Schmetterlinge, sie sind nicht mehr Teil der Wahrnehmung. Meine Welt ist auf einen Kreis mit einem Durchmesser von 1 Meter kollabiert. Der Stein, von dem ich komme, der Fleck auf dem ich stehe, und der Platz, auf dem mein nächster Schritt halt findet.

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Irgendwie scheine ich da sensibler zu reagieren, denn die anderen klettern, als sei nichts gewesen.
Irgendwann das Ende der Wanderung. Wieder liegen wir entspannt auf den warmen Felsen des Flusses.
Einfach nur sein. Wie ein Löwe oder ein Leopard, der gerade satt ist und einfach nur rumliegt.
Natalia und ein Mann, den ich nicht näher kennen gelernt habe, sind uns auf dem Rückweg entgegen gekommen und nutzen die Zeit zum Baden.

Alles ist wieder da. Sonne, Fluß, Schmetterlinge, Jiva liegt erschöpft neben mir.
Das war genau die Vorstellung von Leben, die die Geschichte von Tom Sawyer in mir erweckt hat.
Doch nun, wo ich es erlebe, ist es ein zweischneidiges Schwert. Ja, natürlich ist es traumhaft. Doch genau diese Traumhaftigkeit impliziert den Gedanken, dass irgendwann wieder „Echt“, also kein Traum kommt.

Es ist wie ein Sonnenuntergang.
Er ist wunderschön anzusehen und gleichzeitig weiß man, dass er in ein paar Minuten vorbei sein wird. Glücklich ist jener, der den Moment bewusst genießen kann, dessen Freude nicht durch die anstehende Vergänglichkeit getrübt wird.

Hefferson scheint es geschafft zu haben, seinen Traum bestehen zu lassen, zu mindest für die nächste Zeit.

Die Bewohner des Nimmerlamdes
Die Bewohner des Nimmerlamdes

Auch wenn mich seine Welt ein Bisschen an das Nimmerland von Peter Pan erinnert, hat er einen Weg gefunden, ein aus seiner Perspektive sinnvolles Leben zu führen.
Er genießt seine Freiheit und teilt, was er hat mit denen, die es nicht haben.
„Die Leute, die mich finden, tragen keine Masken mehr. Wer hier nicht authentisch ist, dem sage ich, dass es Plätze gibt, die besser für ihn geeignet sind. Wenn DU mit deinen Freunden wieder kommst, sind das auch meine Freunde. Denn du bringst Menschen gleichen Schlages mit. So kommen die Menschen zu mir. Manche bleiben Tage, andere Monate. Jeder wie er will…“

 

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