Vinicius der Bäcker

Irgendwann habe ich eine These aufgestellt: „Wenn jeder beruflich das machen würde, was ihm Freude macht, und das zu Konditionen, die ihm ein Leben ermöglichen, hätten wir nicht nur keine Arbeitslosen, sondern vorwiegend zufriedene Menschen und von allem genug für alle.“
Nun kann man sagen, dass das Modell nicht funktioniert, weil die Rahmenbedingungen so etwas nicht zulassen. Das mag für Deutschland mir Sicherheit zutreffen, aber in Brasilien geht es.

Vinicius ist 26 Jahre alt und ich habe ihn im Source Temple beim Volunteeren kennen gelernt. In der amerikanisch internationalen Community gab es jeden Morgen frisch gebackenes Brot. Der Teig wurde abends vorbereitet, ging über Nacht und wurde morgens gebacken. Es gab nur ein Rezept, nämlich das für ein gelbliches, süßes Weizenbrot. Irgendwann fragte Vinicius, ob er auch mal Teig machen darf, und er durfte. Am nächsten Morgen duftete die Küche und goldbraune Kunstwerke aus verschiedenen Getreidesorten zierten die Backbleche. Seit diesem Tag hat sich die Brotkultur im Source Temple geändert.
Jetzt lebt Vinicius seit 2 Monaten auf einer Insel etwas südlich von São Paulo, und zurecht trägt die Insel den Namen Ilhabela, die schöne Insel. Auf meine Frage, wie er dahin gekommen sei antwortete er: „Ich habe mich entschieden, hier zu leben.“
Vorher hat er auf dem Festland gelebt, dann war er mehrere Monate auf Reisen unterwegs. Über workaway.info hat er an verschiedenen Orten gearbeitet, bis sein Bedarf an Sesshaftigkeit sich gemeldet hat.
Nun lebt er auf einer Insel.
In einer Pension hat er ein Zimmer mit Küche und Bad gemietet. Das kostet pro Monat 800 Realis, ca 270 Euro, was für brasilianische Verhältnisse viel, jedoch durch die Lage gerechtfertigt ist. Der Ofen, mit dem er arbeitet, ist sein Privatbesitz.

Blick aus der Haustür
Blick aus der Haustür

„Schon als Kind habe ich gerne gekocht, aber am liebsten backe ich Brot.“ Erzählt er mir beim Teigkneten. Seit sieben Jahren lebt er von dieser Tätigkeit, wobei er meist auf Bestellung arbeitet. Zu seinen Kunden gehören Privatpersonen, Geschäfte und das örtliche Krankenhaus.
„Ich bin überzeugt, dass wie bei einem Künstler die Emotionen mit in das Produkt einfließen“ erzählt er weiter. „Deshalb konzentriere ich mich beim Backen auf das Gefühl der Liebe. Es ist einfach toll, dieses Gefühl in Brotform an Andere weiter geben zu können.“
Ein Brot verkauft er für 10 Realis, ca 3 Euro, was ein durchschnittlicher Preis für „handgemacht“ ist. 10 Brote macht er pro Tag, womit er den Tageslohn eines Facharbeiters verdient. Allerdings arbeitet er keine 8 Stunden dafür, sondern füllt seinen Ofen zwei Mal. Den Rest des Tages lebt er. Auf einer der schönsten Inseln, die Brasilien zu bieten hat…

Ein Gedanke zu „Vinicius der Bäcker“

  1. Genau das ist es, was wir brauchen! Menschen, die das, was sie tun, mit Liebe und Leidenschaft tun! Ich bin sicher, dass das mit dem bedingungslosen Grundeinkommen auch in Deutschland möglich wäre! Da würden sich auch für Arbeiten, die wir uns manchmal gar ncht vorstellen können, Menschen finden, die es gerne machen, weil sie es freiwillig tun können.

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