Leistenbruch in Brasilien

Es ist eine Weile her, dass ich mir einen Leistenbruch zugezogen habe. Grundsätzlich nicht schlimm, aber ein wenig nervig, wenn eine Darmschlinge immer wieder durch die Bauchmuskulatur nach vorne heraustritt. Gerade beim längeren Stehen oder Laufen muss ich das Ding immer wieder zurückdrücken, da sonst mehr und mehr Darm aus der Beckenregion herausrutscht.
Schließlich war es an der Zeit, mich um eine Operation zu kümmern und so das Gesundheitssystem in Brasilien kennen zu lernen.

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, sich medizinisch versorgen zu lassen. Die eine ähnelt unserem Privatsystem, man geht zum Arzt, und bezahlt ihn dann.
Die andere Möglichkeit ist das kirchliche Gesundheitssystem, dass grundsätzlich kostenfrei ist.
In jeder Stadt gibt es ein Santa Casa, ein heiliges Haus, dass diese kostenfreie medizinische Versorgung anbietet. Leider variiert das Angebot der Leistungen von Ort zu Ort.

Hier in Cunha gibt es z.B. keine Zahnmedizin und keine Neurologie. Dafür muss man nach Guaratingueta, einer Stadt 50 km weiter nördlich.
Aber es gibt eine Chirurgie, und das ist in meinem Fall sehr gut.

Die Bewertung der beiden Systeme geht bei den Brasilianern weit auseinander. Die Leute, die Geld haben, halten von der öffentlichen Versorgung nicht viel, und gehen zu den Privatanbietern. Die, die kein Geld haben, nutzen das öffentliche System, meckern aber rum, es sei nicht gut genug.
Lange Wartezeiten, mangelhafte Versorgung, fast wie in Deutschland.

Ich bin froh, dass ich überhaupt die Möglichkeit habe, ohne viel Bürokratie behandelt zu werden.
Reisepass und Geburtsurkunde werden für die Anmeldung benötigt, das ist alles.

 

Cunha hat den Riesen Vorteil, dass es eine Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern ist, d.h. das Krankenhaus ist gut besucht, aber nicht so hoffnungslos überlaufen, wie es in São Paolo der Fall ist. Behandlungen gibt es immer nur an bestimmten Tagen, an denen die Fachärzte anwesend sind, da diese sonst in anderen Krankenhäusern tätig sind.

Allen Befürchtungen Dritter zum Trotz bekam in innerhalb einer Woche ein Vorgespräch mit dem Anästhesisten und drei Tage später den OP Termin.

Montag morgen, 07:00 Blutabnahme, Röntgen und dann um 10:00 ab aufs Zimmer.
Meine beiden Nachbarn waren schon da, inclusive familiärer Begleitung, die Atmosphäre war locker.

Eine Krankenpflegerin kam vorbei, um den Blutdruck zu messen, eine Ordensschwester bot eine vereinfachte Form des Abendmahls an.
Sie erzählte mir, dass das Haus seinen Ursprung in Deutschland hat, einer Stadt namens Stuttlingen. Habe ich noch nie gehört, ich weiß auch nicht, ob sie es richtig ausgesprochen hat, aber sie sei schon mal da gewesen, bevor sie für sechs Jahre nach Afrika gegangen ist.

Die technische Ausstattung ist deutsch, Siemens ist stark vertreten. Meine frühere Vermieterin aus Cunha erzählte mir, dass vor ein paar Jahren das Krankenhaus neu ausgestattet worden ist. Allerdings fehlte es an Schulungen, so dass die meisten Geräte nicht im vollen Umfang genutzt würden.

Schließlich drückte uns eine Schwester braune OP Hemdchen und Einwegrasierer in die Hand. Alles ausziehen, Hemd an, und die zu operierende Stelle komplett rasieren.
Ich war natürlich dementsprechend vorbereitet und konnte mich entspannen, während meine Zimmernachbarn nacheinander im Bad verschwanden.

Dann würde uns eine Infusion angehängt, und die Hauspsychologin betrat das Zimmer.
Ein kurzes Willkommen, danach ein paar Sätze zum Allgemeinen Ablauf.

Für die OP ist es wichtig, nüchtern zu sein, also weder zu essen, noch zu trinken. Wen einen trockenen Mund hat, kann auf einem feuchten Tuch rumkauen, aber getrunken wird nichts, dafür gibt es die Infusion.
Durch das Fasten seien einige Leute etwas grantig, denen sei gesagt, dass sie hier eine kostenfrei medizinische Versorgung bekommen und es wesentlich sinnvoller ist, seinen Groll in Dankbarkeit an Gott zu wandeln.

Da alle eine Spinalanästhesie bekommen, d.h. eine Spritze ins Rückenmark, werden die Betten nach der OP absolut flach sein, die Nutzung von Kopfkissen ist verboten. Es besteht die Gefahr, dass durch das Nadelloch im Wirbelkanal Gehirnflüssigkeit austreten kann, was zum Austrocknen des Gehirnes führt.

Das sei mit Kopfschmerzen verbunden, und es soll keiner leiden müssen.
Genau diese Erfahrung hatte ich schon mal in Deutschland gemacht, und es ist echt nicht schön…

Während die Psychologin zum Ende der Rede ansetzte, betraten zwei Verwaltungsangestellte das Zimmer und unterbrachen sie.

In Guaratingueta gäbe es einen größeren Chirurgischen Notfall bei dem unser Arzt mithelfen muss. Wir würden von der Infusion befreit werden, dann könnten wir uns wieder anziehen, und am Donnerstag um 07:00 wiederkommen.

Irgendwie belustigt verließ ich 20 Minuten später mit meinen Zimmernachbarn das Santa Casa. Das ist Brasilien. In einem Land, in dem alles passieren kann, hat auch irgendwie jeder Verständnis für alles.

Bin mal gespannt, wie es am Donnerstag weiter geht…

 

 

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