Vergebung

In dem Film „Schindlers Liste“ habe ich eine Szene gesehen, die mich irgendwie berührt hat. Einer der Inhaftierten hat dem Lagerkommandanten gesagt: „Wer wirklich stark ist, der kann vergeben!“ oder zumindest etwas sinngemäßes.
Der Kommandant ging jeden Morgen seinem Frühsport nach, und erschoss einen beliebigen Häftling von seinem Arbeitszimmer aus. Nachdem er nun diesen Satz zu hören bekommen hat, änderte er sein Verhalten.
Anstatt die Häftlinge zu erschießen, zeigte er auf einen und sagte: “ich vergebe dir!“
Das machte er ein, zwei mal, danach holte er sein Gewehr und schoss wieder mit sichtlich größerer Befriedigung.

Was ist das Geheimnis der Vergebung?
Der erste Punkt, den ich erkannt habe ist,  dass Vergebung etwas sehr egoistisches ist. Es ist irrig, zu glauben, Vergebung sei für einen anderen gut.
Wenn mir jemand unrecht tut, und mich so richtig in Rage versetzt, dann habe ich das Adrenalin, die Denkblockade und bin nur noch fähig, mit dem Reptiliengehirn zu denken. Langfristig habe ich den Bluthochdruck oder Herzversagen.
Den anderen juckt mein Ärger recht wenig.
Wenn ich aber dem anderen vergebe, so bin ich all diese Stressfaktoren los und kann in Ruhe mein Leben genießen.

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden ruhen, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“
Dieser Satz ist sollte nur mit einer Art Waffenschein benutzt werden dürfen. Er erweckt den Anschein, dass fromme Menschen in der Opferrolle sind, bzw. umgekehrt, dass das Opfer eines bösen Nachbarn ein frommer Mensch ist. Die Verbindung von Fromm und Opfer ist sehr nützlich für die, die fromme Opfer kontrollieren wollen, die großen Glaubensgemeinschaften.

Mit der Vergebung stellt sich auch der Frieden ein, doch wie genau soll das gehen?
Ein paar Beispiele, wie Vergebung nicht geht:
„Ja… er ist ein Vollidiot, aber er gehört doch zur Familie…“
Hier wird toleriert, also ertragen, aber nicht vergeben.
„Ich finde nicht gut, was du getan hast, aber ich vergebe dir!“
Hier wird ein Großzügigkeitskonto eingerichtet, was zu späterer Kontrolle führen kann. („…und ich war immer so gut zu dir!“)
Auch keine Vergebung….
„Wenn mir einer was schlimmes tut, dann vergebe ich ihm einfach!“
Hört sich für mich mehr nach runterschlucken und verdrängen an.

Ich meine, Vergebung geht anders.
Erst mal muss man erkennen, dass die Ursache für den Zorn nicht im Anderen, sondern in einem selbst liegt.
Wenn ich mich darüber ärgere, wenn andere zu spät kommen, dann liegt das daran, dass ich mich dafür entschieden habe, dass Pünktlichkeit sehr wichtig ist.

Es ist ein Wert in meinem Weltbild. Wer nun unpünktlich ist, entwertet mein Weltbild und wird automatisch als feindlich eingestuft. Oftmals ohne zuvor angehört zu werden.

Ein weiterer Grund ist, dass wir uns selbst Dinge verbieten, die andere einfach tun.
Das ist die Rückseite des Wertesystems. Wer mit der Mittagsruhe zwischen 13 und 15 Uhr groß geworden ist, und peinlich darauf achtet, in dieser Zeit keinen Lärm zu machen, fühlt sich gerne mal von anderen gestört, die keine Rücksicht auf diese Zeit nehmen. Dabei muss man die Mittagsruhe gar nicht mal toll finden, es reicht, wenn man oft genug von den Eltern zur Ruhe gemahnt worden ist.
Dann hat man den doppelten Stress.

Einmal, das Respektieren von Regeln, die man aufgezwungen bekommen hat, und gleichzeitig die Unverschämtheit derer, die diese Regeln einfach ignorieren.
Ärger liegt also immer nur an meinem Regelsystem, an meinen Werten oder daran, welche Verhaltensmuster ich irgendwann mal übernommen habe.

Wie gelingt nun Vergebung?
Zunächst könnten wir uns der Möglichkeit öffnen, dass Momente des Ärgers uns die Chance geben, unsere Werte neu zu überdenken.
Kinder, denen gesagt wurde: „Sprich nicht mit fremden Menschen!“ werden als Erwachsene ungeahnte Probleme bekommen, wenn sie diesen Leitspruch nicht irgendwann ablegen.
So ist es auch mit anderen Werten von „früher“.

1. Werte ändern sich
Sobald ich mich nun ärgere, kann ich nachsehen, welcher Wert hier verletzt wurde, und ob dieser Wert noch wertvoll ist. Ich persönlich habe mittlerweile den Verdacht, dass die Mittagsruhe längst ausgestorben ist. Wenn ich aufhöre, dieses tote Pferd zu reiten, ärgere ich mich auch nicht mehr über die anderen, die in dieser Zeit ihrer Beschäftigung nachgehen und Krach machen.

2. Wo mache ich Fehler?
Mit einer anderen Fragestellung kann es gelingen, Verständnis für den anderen zu finden. Wenn man sich über das Zuspätkommen aufregt, kann man sich fragen: „Wann war ich denn mal nicht pünktlich?“ Natürlich ist dann oft der Verkehr, der Bus oder die Bahn schuld. (Die Bahn ist immer schuld!)

Doch wenn das dazu führt, dass man erkennt, dass eine Verspätung ohne eigenes Verschulden und ohne jeglichen Vorsatz gelingt, braucht man dem anderen keine Unverschämtheit oder Respektlosigkeit zu unterstellen.

3. Gleiches Recht für alle
Es gibt Menschen, die bekommen manche Sachen einfach nicht auf die Reihe. Dabei hat man Ihnen schon tausend mal gesagt, dass….

Wir habe hier in de Community eine Frau, die wirklich immer großzügig zu spät kommt. Nennen wir sie mal Eva.
Ich hatte das Vergnügen, Eva einmal begleiten und so studieren zu dürfen.
Die Ursache für das mangelhafte Zeitmanagement ist eine ausgeprägte weibliche Energie, also eine sehr „kurvige Bewegung“ im Vergleich zur schnurgeraden männlichen Energie.
Wir waren mit einer großen Gruppe von Leuten an einem Wasserfall in einem Nationalpark und da Eva in meiner Nähe wohnt, sollte sie mich abends nach Hause fahren.
Alle packten dann ihre Sachen zusammen, und irgendwie brauchte Eva am längsten, sodass wir zum Parkplatz kamen, als alle anderen schon weg waren.
„Ich will nur noch schnell duschen! Die haben hier so tolles warmes Wasser!“ säuselte Eva, als ich schon im Auto saß. „Ok… duschen…. weil die hier warmes Wasser haben… klar doch…“ dachte ich verständnislos. „Hat sie zu Hause kein warmes Wasser?“

20 Minuten später kam sie wieder, packte ihre Sachen ins Auto, wobei das feuchte Handtuch besonders sorgfältig verstaut wurde. Dann setzte sie sich auf den Fahrersitz und… holte eine Creme raus, um sich die Füße einzucremen. Dabei lächelte sie mich mit so einem „hätte ich fast vergessen“ Blick an.
Schließlich fuhren wir los und kamen bis zur Ausfahrt des Parkplatzes.
„Guck mal! Da ist ein Zitronenbaum! Mit Zitronen! Hilft du mir schnell, welche zu pflücken?“ „klar doch… immer gerne…“
Weitere 10 Minuten später ging die Fahrt mit zwei Tüten voller Zitronen weiter.
Nach ungefähr vier Kilometern hielt sie vor einem kleinen, alleinstehenden Haus an. „Hier wohnt eine Bekannte. Der will ich nur schnell Hallo sagen…“
Letztendlich brauchten wir für die 12 km lange Strecke glatte 1,5 Stunden.
Eva gehört zu der Art von Menschen, die irgendwie jedem Gedanken nachlaufen, der ihnen gerade in den Kopf kommt. Dabei geht der Fokus auf das, was sie eigentlich tun wollen, verloren.
Aber so, wie sie sich nicht auf eine Sache konzentrieren kann, kann ich persönlich nicht mehrere Dinge gleichzeitig machen, bzw schnell zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und her wechseln.
Ich mag es überhaupt nicht, wenn ich Auto fahre, und ein Gespräch aufgezwungen bekomme. Am besten noch, wenn dabei Musik läuft ….
Oder wenn ich koche, und nebenbei den Terminkalender für nächste Woche absprechen soll.
Ich kann und will das nicht mehr.

Doch mit dieser Entscheidung gestehe ich mir ein Recht zu. Das Recht, mich so zu verhalten, wie ich es für mich als gut empfinde.
Und in dem Moment, in dem ich mir ein Recht zugestehe, muss ich es auch allen anderen zugestehen.
In dem Moment, in dem ich mir eine Meinung erlaube, muss ich auch allen anderen erlauben, eine Meinung zu haben, auch wenn diese vielleicht anders als meine ist.
Und wenn ich anderen eine eigene Meinung erlaube, kann ich mich ja schlecht darüber ärgern, wenn sie dann auch eine haben…

4. Selbserkenntnis
Vergebung findet also erst mal bei jedem selbst statt, und da gibt es in der Regel eine Menge zu tun. Je mehr uns andere Menschen aufregen, umso voller ist unser Keller, den wir aufräumen können.
In dem Moment, in dem wir uns entschließen, diesen Keller von unbewussten und verdrängten Dingen zu säubern, in diesem Moment fangen wir an, selbstbestimmt zu leben.

Wir entscheiden bewusst, nach welchen Werten wir leben wollen, und was nicht mehr dienlich ist. Wir konfrontieren uns mit unseren vermeintlichen Schwächen und erkennen dadurch im Umkehrschluss unsere Stärken.

Doch die Voraussetzung dazu ist, dass wir uns gnadenlos so anerkennen, wie wir sind, und jedes Urteil über uns als Urteil eines fremdem Wertesystems durchschauen.

Bin ich faul, nur weil seit Jahren der teure Crosstrainer ungenutzt in meinem Keller steht?
Oder war es nicht eher so, dass ich damals unbedingt bei einer Modeerscheinung mitmachen wollte, obwohl es mir grundsätzlich nicht wichtig war?
Ist es mir wichtig, eine Baggerseefigur zu haben, um andere zu beeindrucken, oder will ich mich selbst wohlfühlen? Oder fühle ich mich nur wohl, wenn ich denke, dass mich andere nicht kritisieren können?

Alles, was aus dem Dunkel des Unbewussten an das Licht des Bewusstseins kommt, kann aufgelöst werden, in dem wir sagen: „Ja, so war ich einmal. Die Entscheidung, so zu sein, habe ich eimal getroffen. Jetzt kann ich sie überdenken und mich neu entscheiden!“

Wenn es uns gelingt, uns selbst so anzunehmen, wie wir sind, gelingt es ebenfalls, andere Menschen anzuerkennen. Wenn wir uns zugestehen, dass wir schwach sind, können wir auch anderen Schwäche zugestehen und mit Verständnis reagieren.
Wer seine Unvollkommenheit anerkennt und sich selbst vergeben kann, vergibt automatisch allen anderen.

 

 

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