Der kleine Kaktus

 

In einer steinigen Wüste lag der Samen eines Kaktus in der heißen Sonne. Kurz bevor er seinen Keim in den sandigen Boden stecken wollte, kam eine Fee vorbei.
Es war eine sehr junge Fee, die gerade erst ihre Ausbildung abgeschlossen hatte. Sie hatte viel von der Welt und ihren Bewohnern gehört, und sie wusste, dass sie den Auftrag und die Möglichkeit hatte, das Leid aller Wesen zu lindern.

So begab sie sich als erstes direkt in die Wüste, denn sie hatte gelernt, dass es dort nur Steine und kein Wasser gibt, und dass die Temperaturen unerträglich heiß sind. „Wenn es einen Ort gibt, an dem Wesen leiden, so ist es mit Sicherheit die Wüste!“ dachte sie sich. „Dort will ich mit meiner Arbeit beginnen!“

So traf sie kurze Zeit später den Samen des Kaktus.
„Hallo kleiner Samen!“ begrüßte ihn die Fee. „Wie geht es dir?“
„Gut!“ erwiderte der Kaktussamen. „Ich werde bald meinen Keim ausstrecken, und ein großer Kaktus werden!“
„Hier willst du leben?“ fragte die Fee verwundert. „In der Wüste? Wo es unerträglich heiß wird und wo es kaum Wasser und nur Steine gibt?“
Der Kaktus war verunsichert.

„Wo soll ich denn sonst leben?“ fragte er die Fee.
Die Fee hatte im Erdkundeunterricht gut aufgepasst und begann sofort, dem Kaktus alles über die Welt zu erzählen.

„Also, es gibt die Arktis, da gibt es nur Eis und Schnee… das ist nichts für dich. Dann gibt es Städte. Da ist alles aus Stein und Maschinen, und es scheint kaum Sonne, weil die Maschinen soviel Wolken machen, und nachts wird es nicht dunkel, weil alles mit künstlichen Sonnen erhellt wird. Das ist auch nichts für dich…
Und dann gibt es noch die Regenwälder…“ die Fee begann zu schwärmen.
„Da gibt es gaaaaanz viele Tiere und groooße Bäume und Wasser im Überfluss. Alles wächst und gedeiht, alles ist lebendig dort. Es gibt für alle genug Nahrung und die Temperaturen sind immer angenehm warm…“

„Da möchte ich leben!“ rief der Kaktus voller Begeisterung.
„Gut! Los geht’s“ sagte die Fee, wirbelte ihren Zauberstab und im nächsten Moment lag der Kaktussamen in einem tropischen Regenwald.
Alles war groß und grün, und es war feucht, und er streckte sofort seinen Keim in die fette Erde und begann zu wachsen.

Schnell verwandelte er sich von einem Samen in einen kleinen Kaktus.
Doch nach kurzer Zeit bemerkte er, dass etwas nicht mit ihm stimmte.
Sein großes, fleischiges Blatt fing an, zu faulen, und kleine Tiere begannen, an ihm herumzunagen.

Auch bekam er nur wenig Sonne, weil alle anderen Pflanzen größer waren, als er.
„Nun, ja“ dachte er sich. „Wenn ich in diesem Reichtum leben will, muss ich halt was dafür tun!“
So bemühte er sich, schneller und stärker zu wachsen, aber er hatte keine Ahnung, wie das gehen sollte.

Während er herumexperimentierte, kam ein Irrlicht vorbei.

„Was machst du da?“ fragte es den kleinen Kaktus.
„Ich bemühe mich, groß und stark zu werden, wie die anderen Pflanzen hier! Sonst verfaulen meine Blätter und die Tiere fressen mich auf.“
„Du hast zu viel Wasser in den Blättern!“ sagte das Irrlicht. „Das ist der Grund, weshalb du faulst. Du musst es gehen lassen!“

„Und wie lasse ich das Wasser gehen?“fragte der Kaktus verwundert.
„Mach es wie die großen Bäume. Morgens, wenn du aufwachst, konzentrierst du dich und sagst dir: „ich öffne meine Poren und lasse all mein Wasser gehen!“ Wenn du das lange genug übst, und es richtig machst, wirst du merken, dass du immer weniger faulst.“

Der Kaktus bedankte sich für den Rat und begann, jeden Tag zu üben.
Doch er hat noch ein anderes Problem. Immer, wenn es viel regnete, wurde der Boden schlammig, und seine kurzen Wurzeln fanden kaum noch halt.

Da kam ein anderes Irrlicht vorbei, dass ihm den Rat gab, er solle sich ebenfalls auf da Wachstum seiner Wurzeln konzentrieren.
„Ich öffne all meine Poren und lasse mein Wasser gehen. Meine Wurzeln sind groß und stark und geben mir Halt in der Erde!“ sagte er sich jeden Morgen.
Aber irgendwie bekam er zu wenig Licht, weil alle andern Pflanzen größer waren als er.
Wieder erhielt er den Rat eines Irrlichtes.

„Ich öffne all meine Poren und lasse mein Wasser gehen. Meine Wurzeln sind groß und stark und geben mir Halt in der Erde! Ich öffne mich dem Licht der Sonne und nehme seine Energie in mich auf!“ So erweiterte er seine Übung, doch nur mit mäßigem Erfolg.

Die Tiere knabberten weiter an ihm und auch das Faulen der Blätter ließ nicht nach.
Deshalb wiederholte er die Übung vom Morgen, am Abend, und schließlich auch am Mittag.

Bis eines Tages ein weiteres Irrlicht vorbei kam.
„Was macht denn ein Kaktus hier im Wald?“ frage es verwundert.
„Ich lebe hier!“ antwortete der Kaktus.

„Wieso? Du bist ein Kaktus!“
„Hier gibt es gaaaaanz viele Tiere und große Bäume und Wasser im Überfluss. Alles wächst und gedeiht, alles ist lebendig. Es gibt für alle genug Nahrung und die Temperaturen sind immer angenehm warm…“ schwärmte er, ohne zu merken, dass er nur die Worte der Fee wiederholte, die er gehört hatte, als er noch ein Samen war.

„Das ist richtig,“ sagte das Irrlicht, aber der Boden hier hat viel zu viel Eisen für dich. Du musst auf deine Ernährung achten, wenn du hier leben willst.“
Somit achtete der kleine Kaktus auf seine Ernährung, und er wurde zunehmen erschöpfter und schwächer.

Irgendwann war sein Leid so groß dass es einen mächtigen Waldgeist anzog.
„Du arbeitest zu hart an dir!“ diagnostizierte der Waldgeist nach einem kurzen Gespräch. „Du bist erschöpft, weil du keine Zeit zum Ausruhen hast.“
„Und was soll ich machen?“ fragte der kleine Kaktus müde.
„Du musst lernen, richtig zu atmen! Wenn dein Atem tief und ruhig ist, entspannst du deinen Körper, und dann hast du wieder Kraft. Das ist wissenschaftlich bewiesen.“

„Wann soll ich das denn noch machen?“ fragte der Kaktus verzweifelt.
„Morgens, mittags und abends arbeite ich daran, groß und stark zu werden.“
„Bitte die Eulen, dich vor Sonnenaufgang zu wecken, dann hast du mehr Zeit, und abends, direkt vor dem Schlafengehen, machst du es nochmal.“

So ließ sich der kleine Kaktus von den Eulen wecken, um zu atmen, danach machte er seine Stärkungsübungen morgens, mittags und abends und kurz vor dem Einschlafen atmete er noch mal.
Aber alles half nichts. Die Blätter faulten und er wurde müder und müder, bis er schließlich völlig erschöpf war und die Lust am Leben verlor.

In diesem Moment kam die Fee vorbei und erkannte das Elend des kleinen Kaktus.
„Was ist denn mit dir los?“ fragte sie überrascht. „Gefällt es dir hier nicht?“
Der Kaktus sah sie traurig an. „Um ehrlich zu sein gefällt es mir gar nicht. Ich wüsche mir manchmal, ich hätte meine Wüste nie verlassen.“
„Aber du hast doch hier alles, was du brauchst.“ wunderte sich die Fee.
„Ja. Doch alles ist viel zu viel. Ich habe das Gefühl, ich gehöre gar nicht hier her.“
Auch die Fee hatte in der Zwischenzeit dazu gelernt und sie bekam den Verdacht, dass es vielleicht keine echte Hilfe war, den Kaktus hier in den Regenwald zu setzen.

„Weißt du was?“ fragte sie plötzlich. „Ich bringe dich in deine Wüste zurück, und dann gucken wir, wie es dir dort geht.“
Der Kaktus sah sie erschreckt an. „Aber dort gibt es nur Steine und kaum Wasser und die Temperaturen sind unerträglich heiß!“ wiederholte er die Worte der Fee, ohne es zu bemerken.
Die Fee bekam einen Schreck! Wie sollte sie ihn zurück in die Wüste zaubern, wenn er sich das nicht wünscht!

Doch plötzlich sah er die Fee mit leerem Blick an. „Ob ich hier verfaule und aufgefressen werde, oder ob ich in der Wüste vertrockne, ist mir mittlerweile völlig egal. Das einzige, was ich mir momentan wünsche ist, einmal im prallen Licht der Sonne zu stehen.“

„Diesen Wunsch kann ich dir erfüllen“ sagte die Fee und war glücklich, dass sie einen Grund hatte, den Kaktus zurück zu schicken. Sie wirbelte kurz mit ihrem Zauberstab, und im nächsten Moment stand der kleine Kaktus in der Wüste, aus der er gekommen war.

Er genoß die trockene Hitze des Tages und stellte fest, dass die kalten Nächte ihn auf eine Weise erfrischen, die er nie für möglich gehalten hätte.
Seine kurzen Wurzeln waren ideal, um zwischen Sand und Steinen halt zu finden, und das wenige Wasser reichte ihm völlig aus, da er viel davon in seinen fleischigen Blättern sammeln konnte und nur wenig brauchte.

Die faulen Stellen seiner Blätter trockneten und wurden immer härter.
So wuchs er zwar langsam aber völlig ohne Mühe zu einem stattlichen Kaktus heran.
Die Wunden der Vergangenheit vernarbten mehr und mehr und machten ihn noch widerstandsfähiger, als er ohnehin schon war.

Und ab und zu, wenn ein durstiges Tier vorbei kam, gestattete er ihm sogar, ein paar Bissen von seinem saftigen, fleischigen Blättern zu fressen.

Hin und wieder erzählte er den Kräutern und Flechten in seiner Nachbarschaft von seinem Abenteuern in der Welt, in der es alles im Überfluss gibt, doch wo auch genau dieser Überfluss all jenen schwer zu schaffen macht, die dort leben.

Wenn es seinen Nachbarn schlecht ging, zeigte er Verständnis und half er ihnen mit den Übungen, die er im Regenwald gelernt hatte.

So wurde er nicht nur mit Leichtigkeit sehr alt, er wurde auch als einer der weisesten Bewohner der Wüste von allen verehrt.
Manchmal fragte ihn eine junge Pflanze, ob er damals, als er noch ein Samen war, nicht lieber gleich in der Wüste hätte bleiben sollen.

Darauf antwortete er mit zufriedenem Lächeln: „Nein. Denn dann wäre ich nicht geworden, was ich heute bin, ich hätte nie gelernt, was ich heute weiß und hätte wahrscheinlich nie meinen richtigen Platz im Leben gefunden.“

 

 

 

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