Leistenbruch Teil II

Letzten Freitag war es endlich so weit, der Tag der Operation stand an. Nachdem ich schon einmal operiert werden sollte, aber wegen eines Notfalls wieder heimgeschickt worden bin, war ich gespannt, was diesmal passieren wird.

Um 07:00 war ich in der Aufnahme, zusammen mir meinen Zimmernachbarn vom letzten Mal.
Alle waren wir nüchtern, den es galt ja die „Vor- und nach der OP-Fastenzeit“.
Um 08:30 waren wir in den Betten, 09:00 gab es die Ansprache der Psychologin, und die erste Infusionsflasche wurde bereits gewechselt.
Um es vorweg zu nehmen, ich habe über den Aufenthalt von 24 Stunden über 8 Liter Ringerlösung verabreicht bekommen…
Um 11:30 kam dann eine Pflegerin und begleitete mich in den chirurgischen Trakt des Hauses.
Ich fühlte mich wie beim Urban Exploring….
Verlassenes, altes Krankenhaus…
Über einem Tresen in einem menschenleeren Gang hängt noch das Schild „Chirurgische Aufnahme“, doch alles ist kahl, leer, lediglich in einem kleinen Fach liegen fünf Plastikflaschen mit Ringerlösung.

Ich wurde in einen kleinen Raum mit einem großen Fenster zum Gang geführt.
In der Mitte eine Liege, am Rand Gerätschaften für die Anästhesie sowie ein Defilibrator.
„Nein….“ beruhigte ich meine innere Stimme allgegenwärtiger Besorgnis. „Das ist nicht der OP, das ist der Vorwarteraum…“

Ich wartete knapp 10 Minuten, als einer meiner Zimmernachbarn neben mich gesetzt wurde. Der andere Leistenbruch.
Jemand kam vorbei und wechselte meine Infusion, mein Zimmernachbar wurde wieder rausgeführt.
Ich wartete.
Nach geschätzten 1,5 Stunden wurde ich in den OP Saal geführt.
Ein großer Raum, mächtige Strahler an der Decke, alles verstellbar, sauber, ordentlich.
Ich wartete.
Irgendwann kam der Anästhesist, mit dem ich mein Vorgespräch hatte. Er war klein, aber von der Statur einer dieser Menschen, bei denen alles rund ist. Kopf rund, Oberkörper rund, Bauch rund, Oberarme genauso rund wie die Unterarme und Beine.

Die Ärmel seines blauen OP Hemdchens bedeckten gerade noch den Schulterbereich der Arme, was die Tätowierung auf dem Oberarm erkennen ließ. Ein mittelmäßig gestochener 3D Skorpion.
„Entweder sein Sternzeichen, oder das Giftspritzen ist eine tiefsitzende Leidenschaft“, dachte ich mir.
Hinter ihm betrat der Chirurg den Raum, und ich vermute, dass es sein Vater war. Alles genauso rund wie er, nur etwas älter.
Sein Gesicht war von einer blauen Mundabdeckung verhüllt, sodass ich nur zwei dunkle, klare aber emotionslose Augen sehen konnte.
„Schon wieder so ein Heiler aus der Zunft der Zwergenmechaniker“, meldete sich mein Gehirn.

Das letzte Mal, dass ich das Vergnügen mit einer zwergischen Heilerin hatte, war in Deutschland in der Notaufnahme. Aber sie kam aus der Zunft „Pferdemetzger“.
Ich hatte mir nach einem Rippenbruch die Lunge perforiert, und im Brustkorb, wo eigentlich die Lunge sein sollte, hatte sich Wasser angesammelt. Die Zwergenärztin verpasste mir einen Schlauch, um das Wasser abzusaugen.
Dafür schnitt sie ein Loch in die Rippenmuskulatur, natürlich genau dort, wo der Bruch war, denn da war es am einfachsten, den Schlauch durchzuwürgen.
Dafür musste das Loch mit dem Finger noch solange geweitet werden, bis der Schlauch passte.
Das geschieht, in dem der Finger in das Loch zwischen den gebrochenen Rippen reingesteckt, und, wie beim Holzsägen, rasch hin und her bewegt wird. Solange, bis er ganz drin ist.
Dabei habe ich gelernt, dass
a) Wurstfinger ganz schön dick sein können, und
b) Morphium kein Betäubungsmittel ist.
Es bewirkt nur, dass einem der Schmerz egal ist…
Und nun wurde ich an das vergangene Trauma erinnert.

„Am besten, mir ist gleich alles egal“, dachte ich.
Spinalanästhesie in den Rücken und wieder eine gute Dosis Morphium über meinen Zugang.
Mein OP Hemdchen durfte ich ganz ablegen, dann legte ich mich auf den Rücken, die Arme wurden seitlich ausgestreckt.
Rechts war die Infusion dran, links diese Zeigefingerklemme, die den Herzschlag misst.
Die Arme wurden mit irgendetwas fixiert, was wie eine Bartbinde aussah.
„Wenn das die Kreuzigung ist, brauche ich ja nur entspannt auf die Auferstehung zu warten“ meldete sich ein Gedanke, und ich entschied mich, dass mir ab jetzt wirklich alles egal war.

Ein blauer Sichtschutz wurde aufgebaut, während meine Beine zunehmend an Gefühl verloren, und ich versank in einem halbwachen Dämmerzustand.
Schließlich merkte ich, wie eine Liege reingefahren wurde. Ich wurde rübergehoben und durch die leeren Gänge in das Zimmer zurück gebracht.
Der Dämmerzustand hielt noch etwas an, aber geschlafen habe ich in dieser Nacht nicht viel.

In Brasilien ist es wohl üblich, dass man immer in Begleitung von Angehörigen ins Krankenhaus geht, und diese dann auch dort bleiben, bis man es wieder verlässt.
Somit waren wir drei Männer und drei Frauen in einem Dreibettzimmer mit drei Betten, einer Couch und einem Sessel.
Wir Patienten durften in den Betten schlafen, die Damen schliefen im Sessel, auf der Couch und irgendwo anders, was ich wegen eines Paravents nicht sehen konnte.

Genau um Mitternacht war unsere Fastenzeit abgelaufen, und es gab was zu Essen und zu Trinken.
Pro Person gab es vier TUC Kekse und einen viertel Plastikbecher mit stark gesüßtem Tee.
„Vorsicht! Der ist heiß!“ warnte die Pflegerin.
Ich empfing den Becher, bemerkte, dass „lauwarm“ eine passendere Beschreibung der Temperatur war, und trank ihn aus.

Ungläubige Blicke starrten mich an. Die Pflegerin, meine Zimmernachbarn, deren Angehörige.
„Wie kannst du das so trinken?“
„Der kommt aus Deutschland“ klärte meine Freundin auf. „Im Winter fallen die Temperaturen bis auf 10 Grad unter Null grad, da ist man es gewohnt, heiße Getränke zu sich zu nehmen.“
Bei „10 Grad unter Null“ wandelten sich die Blicke von Ungläubigkeit in völliges Unverständnis.

Im Innern musste ich etwas grinsen, denn die gleiche Reaktion zeigte meine Freundin ungefähr zwei Wochen vorher, als ich ihr beim Frühstück erklärte, wieso mein Kaffe schon leer ist, während sie sich noch nicht getraut hat, die Tasse anzufassen…

Dem anderen Leistenbruch ginge es danach nicht so gut, ständig kam eine Pflegerin und kümmerte sich um ihn, bis er schließlich aufstand, um sich im Bad zu übergeben.
Seine Angehörige putze das Bad umgehend, und alles wurde wieder ruhig.

Kurz nach Sonnenaufgang kündigte der Geruch von frischen Brötchen das Frühstück an.
Es dauerte nicht lange, dann würden wir versorgt.
Jeder bekam einen Plastikbecher, der zu einem Viertel mit stark gesüßtem Kaffee gefüllt war, und ein Weizenbrötchen mit Butter.
„Ich will aber vegan und ohne raffinierten Zucker!“ plärrte die Stimme des „alles auf die Spitze treibens“ in meinem Kopf. „Und glutenfrei!“

Die Krankenhauspsychologin hielt ihre Abschiedsrede und wies auf die Bewertungsbögen hin, die wir bitte noch ausfüllen sollten, bevor wir gehen.

Ich kringelte mich innerlich vor lachen und musste mich echt zusammenreißen, um beim Ausfüllen einen beherrschten und kooperativen Eindruck zu machen.
Deutschland lässt grüßen.

Vor allem aber die Frage nach der Zufriedenheit mit dem Essen stupste bei mir wieder eine Dominobahn der Denkprozesse an.
Mal ehrlich…
ich habe eine qualifizierte akademische Dienstleistung inclusive Rundumbetreuung über 24 Stunden mit über 8 Litern Ringerlösung, Morphium und sonstigen Medikamenten, sauberer Bettwäsche in einer tadellosen Infrastruktur bekommen.
Obendrauf die liebenswürdige Geste, dass genau um Mitternacht Kekse und Tee gereicht wurde, und am Morgen gab es noch einen Schluck Kaffee und ein Butterbrötchen.

Für all das habe keinen Cent, keinen Pfennig und keinen Realis bezahlt!
Als Krönung zum Abschluss bekomme ich noch die Chance, rumzumeckern.

Wenn ich wieder gesund bin, möchte ich mich noch mal mit der Psychologin treffen, um etwas mehr über die interne Kostenstruktur des Krankenhauses zu erfahren.

Wenn ein Blogartikel hier bestimmt nicht das Gesundheitssystem in Deutschland verbessern kann, gelingt es aber vielleicht die Wahrnehmung der Pflegeberufe zu verändern, und eventuell ein Modell vorzustellen, wie Patienten, Pflegekräfte und Angehörige im verständnisvollen Umgang miteinander zum Wohle aller handeln können.

Ah, ja… und bei mir…
Nach drei Tagen mit immer wieder etwas Fieber ist jetzt am Vierten alles ok. Keine Entzündung, keine Schmerzen.
Ein wenig schwach, aber alles gut!

Nachtrag am fünften Tag: bin wieder unterwegs 😊

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.