Neles letzte Reise

Die Überschrift für den folgenden Text war schon klar, als ich vor zwei Jahren Deutschland verlassen habe. Doch ich wusste weder, wann ich sie nutzen, noch wusste ich, was der Inhalt des Textes sein würde.
Ich hatte keine Vorstellungen von meiner Gefühlswelt, wenn ich sie denn mal schreiben würde.
Heute weiß ich es, denn seit dem 13. Februar hat Nele das Rudel verlassen, um ihren eigenen Weg weiter zu gehen.

Ein paar Tage zuvor hatte ich einen merkwürdigen Traum.
Ich erinnere mich, dass ich eine der hochgiftigen Schlange, eine Jacarra, in einer Art Vogelkäfig hatte. Doch die Schlange machte sich lang und dünn und verließ den Käfig durch die Gitterstäbe hindurch.
Danach kroch sie unter eine gelbe Wolldecke, die unter einem Schreibtisch lag.
Irgendwie wusste ich im Traum, dass auch Nele unter dieser Decke lag. Als ich sah, dass die Schlange sich zielstrebig auf Nele unter der Decke zubewegt, wollte ich die beiden trennen, doch ich wachte auf.

Da Luna von einer Klapperschlange gebissen worden ist, haben wir in den letzten Tagen das ganze Gelände am See mit Motorsensen aufgeräumt. Kein Gras mehr, keine Verstecke für Schlangen, alles sauber und ordentlich.
Die Tür des Hauses war somit tagsüber auf, und die Hunde gingen ein und aus, ohne irgendwelche Zwischenfälle.

Während ich im Hauptgebäude von Flor das Aguas arbeitete, wohnte Kleber, der Miteigentümer aus São Paolo am See. Deshalb ließ ich das Haus in meiner Abwesenheit offen, denn er kümmerte sich für gewöhnlich auch um meine Hunde.

Doch als ich am 13. Februar von der Arbeit kam, merkte ich, dass etwas nicht stimmt.
Jiva und Luna begrüßten mich in einer Art, die sie sonst nur zeigten, wenn sie irgendwelchen Unfug gemacht haben. Chiquita, die Schäferhündin, und Nele waren gar nicht zu sehen.
„Die sind vielleicht bei Kleber an der anderen Seite des Sees“ dachte ich mir.
Also ging ich mit Luna und Jiva zur anderen Seite, wobei wir von Chiquita begleitet wurden, die sich zuvor auf dem Sonnendeck des Hauses aufgehalten hatte.

Ein noch qualmendes Lagerfeuer vor der Küche war alles, was ich dort vorfand.
Keine Autos, kein Kleber und vor allem keine Nele!
Somit begann ich die Suche nach ihr, doch ohne Erfolg.
Irgendwie wusste ich da schon, dass ich meinen kleinen Löwen nicht mehr sehen würde.

In dieser Nacht hatte ich wieder einen Traum.
Ich befand mich in einer Plattenbausiedlung in den neuen Bundesländern. Zwischen den Hochhäusern war ein kleiner Park, und über die Wiese flitze Nele. Sie war jung, schnell, und hatte ein Halsband mit einem Glöckchen an.
Ich rief sie, und sie kam freudig zu mir gerannt, dass ich sie auf den Arm nehmen konnte.
Plötzlich stand eine ältere Frau neben mir, die ich nicht kannte. Doch ihr trauriger Gesichtsausdruck erinnerte mich irgendwie an meine Mutter.
„So ein süßer kleiner Hund“ sagte sie. „Ich bin ja jetzt auch schon alt und kann nicht mehr so, da ist das die einzige Freude, die ich noch habe.“
In dem Moment, wo ich zu bedenken geben wollte, dass Nele im Grunde mein Hund ist, und ich nicht beabsichtige, sie herzugeben, wurde ich wach.

Am zweiten Tag hatten wir eine Ajahuascazeremonie, der ich mit gemischten Gefühlen entgegen sah.
Ich fühlte keine wirkliche Trauer, da mein Kopf damit beschäftigt war, einen Schuldigen für Neles Verschwinden zu suchen.
Ich stellte mir sehr detailliert vor, was ich mit den Typen mache, die Nele entführt haben, oder was ich mit Kleber machen würde, wenn er wieder auftaucht und mir mitteilt, dass er Nele für „Urlaub“ mit nach São Paolo genommen hat, wie er es schon mal mit Chiquita gemacht hat, ohne mir etwas zu sagen.
Die Qualität dieser Phantasien reicht aus, um jemanden für den Rest seines Lebens in eine psychiatrische Anstalt zu stecken, weshalb ich hier auch nicht weiter darauf eigenen möchte.

Mit so einem Mindset in eine Ajahuascazeremonie zu gehen ist schon recht gewagt. Zum anderen aber erhoffte ich mir auch, irgendeinen Sinn in Neles Verschwinden erkennen zu können.

Die Zeremonie war eine mittlere Enttäuschung. Zwar schraubte wieder irgendetwas gewaltig in meinem Kopf herum, aber ich bekam weder eine Antwort, noch fühlte ich mich erleichtert. Das einzige, was sich allerdings verstärkte, war das Gefühl, dass alles im Leben seine Richtigkeit hat.

Doch das war in diesem Moment keine große Hilfe.
Die Gewaltphantasien blieben weiterhin in meinem Kopf, doch ich bemerkte ebenfalls, dass mich ihre Umsetzung in der Realität nicht befriedigen würde.
Selbst die grausamste Strafe für den Schuldigen, wer immer das auch sein mochte, hätte meine Wut nicht lindern können.

Ja. Es war keine Trauer, es war Wut. Wut auf die Schlange, auf Kleber, auf die Entführer, auf das Leben, auf Gott und das Universum.
Eben auf jeden, der hätte schuldig sein können, mir so etwas anzutun.

Am dritten Tag arbeitete ich wieder ein Bisschen im Flor das Aguas, aber unkonzentriert und „neben der Spur“.
Um 19 Uhr nahm ich an der Abendmeditation teil. 20 Minuten stille Meditation, dann Musik.
Schon beim ersten Lied merkte ich, dass das Ajahuasca noch latent aktiv war.
Ich wurde von einer Welle seelischen Schmerzes überrollt, den ich nicht in der Lage bin, auszudrücken.
Ich heulte wie ein Schloßhund, während sich meine Hände in die Oberschenkel krallten, damit ich auf meinem Platz sitzen bleiben konnte, und ich atmete wie ein Kraftsportler, der versucht, sich vor dem Wettkampf mit Sauerstoff vollzupumpen.

Das Atmen zeigte Wirkung und ich erinnerte mich an das Rebirth breathing, oder die Pranaatmung, die ich im Source Temple gelernt hatte.
So suchte ich mir nach der Meditation ruhigen Ort, und machte weiter.
Hinsetzen und bewusst atmen.
Sofort stieg der Schmerz wieder in mir auf. Ich wollte Schreien, aufspringen und irgendetwas zertrümmern, der Welt zeigen, wie schlecht es mir geht, doch ich erkannte im gleichen Moment, dass die physische Aktivität den seelischen Schmerz nicht lindert. Sie würde nur ablenken.
Auch wenn es sich besser anfühlte, der Schmerz würde unwahrgenommen weiter bestehen bleiben.
Emotion ist „energy in motion“ und seelische Energie kann nicht mit physischer Energie ausgeglichen werden. Auch würden der Gebrauch von Alkohol oder anderen sedativen Substanzen nur dazu führen, dass der Körper erschöpft, und der Schmerz vergessen würde. Aber eben nicht gelöst wird.

So blieb ich sitzen, konzentrierte mich auf den Schmerz, was nicht schwer war, denn er war unermesslich stark, und auf das Atmen.
Ein, aus, ein, aus, tief, schnell und ohne Pause.
Nach sehr kurzer Zeit merkte ich, wie mein Körper von dieser Energie durchflutet wurde, die typisch für diese Atemübung ist.

Ich konzentrierte mich mehr auf dem Schmerz und auf das Ausatmen und loslassen.
Um den Schmerz zu verstärken erinnerte ich mich an die schönen Momente mit Nele. Die Bilder, wie sie freudig mit klaren Augen und einem leichten Lächeln über eine Wiese in Uruguay lief. Wie sie in Momenten, wo es mir nicht gut ging, in mein Bett gesprungen kam, und mein Gesicht abschlabberte.
An all die Sachen die sie in Südamerika überlebt hat, obwohl sie doch so ein kleiner Hund war. Wie sie immer beim Autofahren neugierig aus dem Fenster guckte, um bloß alles mitzubekommen.

Seit dem weiß ich, was der Satz „es zerreißt mir das Herz“ ausdrücken soll. Ich hatte das Bedürfnis, mir den Brustkorb aufzureißen, damit der Schmerz entweichen kann, und wusste im selben Moment, dass das nicht geht.
Also ausatmen und loslassen….

Urplötzlich änderte sich meine Gefühlswelt und Erleichterung stellte sich ein. Es war, wie der sprichwörtliche Stein, der vom Herzen fällt.
Mein Atem war nicht mehr bewusst gepresst, sondern floss tief, entspannt und ruhig.
Ich rief mir wieder das Bild von Nele auf der Wiese ins Bewusstsein, doch es löste keinen Schmerz mehr aus. Ich fühlte plötzlich ihre Freude, mit der sie über die Wiese lief.
Innerhalb weniger Minuten veränderte sich meine Gefühlswelt von „ich mache alles kaputt und schlage alle tot!“ in „ich freue mich über die glücklichen Momente mir ihr“.
Und diese Veränderung ist nachhaltig.

Jetzt, in dem Moment, in dem ich schreibe, fühle ich wieder etwas Trauer aufsteigen, doch es ist mehr die Traurigkeit darüber, dass ich ihr künftig keine glücklichen Momente mehr verschaffen kann.
Es sind Gedanken einer Zukunft, die nicht existiert.

Doch ich erkenne dadurch, wie wichtig es ist, jenen Lebewesen glückliche Momente zu verschaffen, die hier und jetzt bei mir sind.
Jiva, Luna, Chiquita, meiner Freundin, ihren Kindern, den Leuten aus der Community, meinen Nachbarn, den Menschen in Cunha und natürlich all meine Freunden, die in Deutschland oder sonstwo in der Welt leben.

Und ich erkenne, dass eine Strafe, Rache oder Gewalt nur der Versuch ist, einem anderen Menschen zu zeigen, wie stark man sich verletzt fühlt.
Doch sie helfen nicht, sich wirklich besser zu fühlen. Es lenkt nur in dem Moment ab, in dem der Schmerz Auftritt.
Erlösung geschieht nur, wenn man den Schmerz von so tief unten wie möglich in das Bewusstsein holt, und ihn wahrnimmt. So, wie er ist.

Somit hat mich zwar mein kleiner Löwe verlassen, doch das Abschiedsgeschenk, das Nele zurückgelassen hat, werde ich für den Rest meines Lebens in tiefer Dankbarkeit achten und ehren.
Wie lautete noch der Satz aus meiner Schulzeit?
„Liebe deinen Nächsten, so lange er noch warm ist…“

 

 

 

Ein Gedanke zu „Neles letzte Reise“

  1. Dieser Tag würde kommen, so dachte ich als ihr vor zwei Jahren aufgebrochen seid. Seither habe ich in deinen Posts immer nach Nele gesucht und war jedes Mal froh sie zu finden.
    Ich kann fühlen, was es bedeutet sie vermissen zu müssen – ich bewundere dich für deinen Weg mit seelischem Schmerz umzugehen.

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