Das Schweigen der Hühner

„Lege dir Hühner zu, dann hast du immer frische Eier“ war der ursprüngliche Plan.

Jetzt habe ich einen übermütigen deutschen Schäferhühnerhund, gefräßige Nachbarn und ein  Huhn, dass vorübergehend in der Küche wohnt.

Alles begann mit 6 Hühnern und dem Hahn Hermano.

Nach dem Einzug der Hühner hat sich einiges getan.

Die Schäferhündin Chiquita entpuppte sich schnell in ihrer Eigenschaft als Hütehund und war eine wertvolle Hilfe, die Hühner aus dem Wald zu holen, oder abends in den Stall zu bringen.

Das einzige Sorgenkind war das weiße Huhn Helene, das eine Fußkrankheit hat, und irgendwie ständig Teile der Zehen verliert.

Sie wurde als letzte in der Hierarchie ständig von den anderen geärgert.

Aber sonst war alles friedlich, das System stabilisierte sich schnell und ich bekam mehr Eier, als ich essen konnte.

Wenn die hermetische Lehre sagt, dass alles polarisiert ist, war das sozusagen die Sommerzeit.

Doch der Herbst kam schnell. Chiquita brachte abends die Hühner in den Stall, als Brownie, eine sehr hübsche, alte Glucke meinte, sie wolle noch nicht ins Bett.

Sie rannte spontan in Richtung See, und Chiquita hatte plötzlich diese Gesichtsausdruck, der sagte: „Oh, ja! Lass uns fangen spielen!“

Da man bekanntlich beim Spielen am leichtesten lernt, hat Chiquita jetzt Wahrscheinlichkeitsrechnung gelernt.

Wenn ein Hund mit 30 kg auf ein Huhn mit 0,5 kg springt, liegt die Wahrscheinlichkeit für das Überleben des Huhnes bei 1:60…

Interessant war dabei der verwirrte und fast schon schuldbewusste Gesichtsausdruck von Chiquita, die mich anguckte als wollte sie fragen: „Guck mal, Irgendwas stimmt nicht… ich glaube ich hab’s kaputt gemacht…“

Ich war der Überzeugung, dass diese Erfahrung für Sie gereicht hat. Sie lebt ja auch prima mit den Gänsen zusammen.

Am nächsten Tag ließ ich die Hühner wieder frei und arbeitete auf der anderen Seite des Sees. Die Hunde waren wie immer dabei. Als ich zur Mittagspause zum Wohnhaus zurückkehren wollte merkte ich, dass Chiquita nicht da war.

Sie war schon am Haus… wie am Tag zuvor schaute sie mich mit so einem merkwürdigen Blick und angedeuteter Demutshaltung an…

Ich suchte die Hühner und Viktoria, die mutigste und zutraulichste von allen fehlte…

Meine Vermutung ist, dass Chiquita sicher gehen wollte, dass ihre Wahrscheinlichkeitsrechnung reproduzierbar ist.

Somit führte ich einen Schichtbetrieb ein. Tagsüber waren die Hühner frei, und Chiquita blieb im oberen, offenen Teil des Hauses, solange ich sie nicht im Blick hatte. Nachts kamen die Hühner in den Stall, und Chiquita dürfte sich frei bewegen.

Nach zwei Tagen führte ich Huhn und Hund wieder zusammen und konnte feststellen, dass Chiquita ihr Interesse fast vollständig verloren hatte. Leider arbeitet sie seit dem auch nicht mehr als Hütehund.

Übrig waren nun noch Hermano, Schwarz-weiß, die schwarzen Zwillinge Hanni und Nanni und Helene.

Vor ein paar Nächten gab es lautes Geschrei aus dem Stall. Helene hatte es irgendwie geschafft, durch ein Loch in der Wand zu klettern und sich dann in dem Hasendraht zu verfangen, der das Loch von außen verschloss. Dort hing sie nun und schrie um Hilfe.

Helene wohnt in der Küche

Während ich sie befreite, entdeckte ich einen alten Freund der in die Baumkronen flüchtete. Das Opossum, die südamerikanische Beutelratte, in Brasilien unter dem Namen Gamba bekannt.

War er der Grund für Helenes ungewöhnliches Verhalten?

Ich nahm Helene erst mal zur Erholung mit in die Küche.

Und die anderen Hühner? Hermano schlief völlig entspannt auf seinem Ast…. von Verteidigung keine Spur.

Am folgenden Abend war das Wetter sehr trübe, und als ich die Hühner um 16:00 in den Stall brachte, fast schon dunkel.

Eine von Hanni und Nanni fehlte…

Tagsüber habe ich sie noch zu zweit gesehen, nun war eine allein.

„Von mir aus,“ dachte ich, „wenn sie lieber mit dem Opossum spielen will…“

Gegen 19:30 gab es dann einen gänsehautverursachenden Schrei, und die zweite Hälfte von Hanni und Nanni kam nicht zum Frühstück…

Da waren es nur noch vier.

Da ich im Haus sowieso gerade einige Mitbewohner der Gattung Nagetier habe, und selbstgebastelten Fallen bisher versagten, beschloss ich Geld in die Sicherheit zu investieren!

Sollte für Beutelratten reichen

Die Falle für das Opossum wurde auf dem Dach des Stalles installiert und mit einem angebrochenen Ei bestückt. Die Ratten in meiner Holzwerkstatt bekamen Trauben.

Der nächste Morgen war Enttäuschung und Überraschung zugleich.

Die Falle für das Opossum war unangetastet. Eine Falle für die Ratten war ausgelöst, doch es gab weder eine Ratte noch eine Traube, die zweite Falle war noch scharf, doch die Traube fehlte.

Dafür lief ein schwarzes Huhn vor dem Stall umher und ich  fragte mich, wie Hanni da rausgekommen ist. 

Es war aber nicht Hanni, es war Nanni, die dann doch mal wieder zum Frühstück vorbeischauen wollte…

Somit habe ich wieder 5 Federtiere und offensichtlich hochintelligente Nagernachbarn.

Vor längerer Zeit hatte ich mal einen Traum. Ich stand mit ein paar Freunden am Stadtrand und wir schauten zu, wie der Mond aufging.

Plötzlich flog der Mond in einer ungewöhnlichen Bahn am Himmel herum, wie eine fliegende Untertasse.

Aufgeregt drehte ich mich zu meinen Freunden um und fragte: „Habt ihr das gesehen? Was ist denn da los?!“

Doch ich erhielt keine Antwort. Sie standen schweigend da, und ich hatte das Gefühl, dass sie mir damit sagen wollten: „Manchmal musst du selber entscheiden, was deine Wirklichkeit ist.“

Und wenn ich Nanni frage, wo sie zwei Tage lang gewesen ist, erhalte ich das selbe Schweigen…

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