Gänsejagd

Nachdem meine Tarotkarten in der Vergangenheit immer zuverlässige Tendenzen angezeigt haben, so haben sie mich in den letzten Tagen verwirrt.
Ich werde angegriffen, haben sie gesagt.
Aber wer oder was soll mich angreifen? Hier, am Ende des Nirgendwo?
Die Nachbarn, die ich habe, mögen mich, die Wochenendbesucher fahren mit ihren Geländewagen im Konvoi vorbei, und das war es dann auch.
„Vertraue auf das Gute und rechne mit dem Unerwartbaren“ habe ich mal gehört.
Um es kurz zu machen, bald gibt es Gänsebraten!

Beim Mähen meines Gartens mit der Motorsense habe ich ein paar Löcher in das schützende Plastikgewebe schnitten. Ok, nicht schlimm, mach ich bei Gelegenheit zu.
Meine Hühnchen haben die Löcher gefunden und haben im Garten rumgepickt.
Gut… es ist kein großer Schaden entstanden, und als ich sie fangen wollte, haben sie mir auf ihrer Flucht die Löcher gezeigt. Ein großes Dankeschön an das Federvieh.
Als sie das zweiteMal drin waren, habe ich sie wieder rausgesetzt, und die klugen Tiere haben gelernt, dass der Garten nicht für sie gedacht ist.
Alles war friedlich.

Im Gegensatz dazu die Gänse.
Eine Bekannte sagte mir: „Oh! Du hast Gänse! Wie toll! Die passen prima auf!“
Meine Gänse leiden an einer verschärften Form von Paranoia…
Ich habe nach ca ein einhalb Jahren ihre Sprache gelernt. Ich weiß, wann ein Greifvogel über dem See kreist, ich weiß wann jemand das Grundstück betritt, wann eine Wolke die Sonne verdunkelt, ein Baum ein Blatt verliert, oder die Sonne nach Westen wandert während ein Baum seine Blätter verliert und ein Fisch gegen den Strom schwimmt.
Das alles sind für die Gänse Gründe, um Alarm zu schlagen.

Zwischendurch geben sie im 30 Sekunden Takt noch Laute von sich, als hätte man ihnen ein eiskaltes Fieberthermometer in den Po gesteckt. Darüber scheinen sie selbst wiederum so zu erschrecken, dass sie Großalarm ausrufen!

Weiterhin verfügen sie über ein akustisches GPS, das Gänse Positions System.
Sobald sie mehr als 5 Meter von einander entfernt sind, ruft der Ganter „Seid ihr noch da?!“ und die Gänse antworten „Ja! hier!“
„Seid ihr noch da?!“ und die Gänse antworten „Ja! hier!“
„Seid ihr noch da?!“ und die Gänse antworten „Ja! hier!“
„Seid ihr noch da?!“ und die Gänse antworten „Ja! hier!“
Aufgrund der Lautstärke funktioniert das GPS auch locker über 500 Meter…

Und wenn sie der Meinung sind, dass sie ungenügende Mengen an Maiskörnern erhalten haben, lungern sie vor dem Haus rum, verängstigen die Hunde und kacken alles voll.

Wenn ich dann den Weg entlang gehe und an ihnen vorbei will, legen Sie das Verhalten von pubertierenden Nachkommen des Präkariats an den Tag.
4 Meter Entfernung: „Hey Leute! Da kommt einer!“
3 Meter Entfernung: Positionierung in Keilformation „Wer sind die stärksten? WIR! Wer sind die stärksten? WIR!“
2 Meter Entfernung: „Ey Alter das ist unser Weg!“
1 Meter Entfernung: „Ach! Du willst Ärger, oder was?!“
1/2 Meter Entfernung: „Ey scheiße! Der kommt ja wirklich! Nichts wie weg!!“

Obwohl sie überraschend flott werden, geben sie ein erbärmliches Bild ab, wenn sie über ihre Watschelflossen fallen, auf dem Bauch landen, sich in Panik wieder aufrappeln und weiter rennen.
Nachdem der Ganter mich einmal in die Hose gebissen hat, und ich ihm mit einem Tritt bewiesen habe, dass auch gestutzte Gänse fliegen können, wenn das Gelände nur abschüssig genug ist, verhält er sich etwas ruhiger.

Aber zurück zum Thema. Mein Garten.
Irgendwann hörte ich wieder die mahnenden Worte des Ganters, habe aber nicht genau hören können, worum es geht. Also schaute ich nach, und sah die beiden Gänse meinem Garten sitzen und mit ihren Schnäbeln meine Beete durchwühlen.
Der Ganter saß draußen und schien „Kommt da besser raus!“ zu rufen.

Hunger und Dreistigkeit haben mich schon immer zur Furie werden lassen.
Also bin ich rein, die Gänse wollten durch das Loch im Zaun fliehen, aber in ihrer Panik rannte eine in eine geschlossene Ecke, die andere erwischte ein Loch, durch das zwar der Kopf, aber nicht der Rest des pummeligen Körpers passte.
Ich lernte, dass Mitgefühl durch Unbeholfenheit abgeschaltet werden kann.
Ich packte die beiden am Hals und warf sie aus dem Garten.

Während alle drei Richtung See flohen und dabei unfreiwillig Purzelbäume schlugen, meldete sich bei mir die Reue.
„Vielleicht war ich ein wenig grob? Beim nächsten Mal werde ich netter sein!“ versprach ich mir.

Das nächste Mal dauerte keine 2 Stunden. Wieder saßen die beiden Gänse in meinen Beeten.
Ich schnappte sie mit, erklärte ihnen ruhig, dass ich mein Essen gerne mit Ihnen teile, aber dass es ungünstig ist, die Pflanzen zu fressen, bevor sie ausgewachsen sind. Denn so hat keiner etwas davon.
Dann streichelte ich sie ein wenig setzte sie liebevoll vor die Tür.

Keine weitere Stunde saßen alle drei in den Beeten und ich entschloss mich, meine Kommunikationsstrategie zu ändern. Zufällig hatte ich einen ca 2 Meter langen Bambusstock in der Hand.
Nach dem Treffen mit der ersten Gans hatte ich zwei, jeweils einen Meter lange Bambusstöcke.
Waren ja noch zwei weitere Gänse da, wie passend!

Nun möchte ich den Leser erst mal beruhigen, denn der Bambusstock war morsch, weshalb er auch zerbrochen ist, und Gänse sind nicht nur robust, sie sind auch gut gefedert.

Währen die erste Gans wieder in im Zaun hing, wo kein Loch war, jagte ich die anderen beiden bis ans untere Ende des Gartens.
Innerlich musste ich lachen, denn die Situation hatte etwas comikhaftes, als eine der Gänse mit dem Kopf durch das Loch flüchtete, durch dass der pummelige Körper nicht passte, und ich ihr so den Hintern versohlen konnte.
Dann warf ich alle drei wieder aus dem Garten.

Seit dem hat das ewige Gegakse aufgehört und das Leben am See ist ruhiger geworden. Mein Garten, in dem der ganze Salat aufgefressen und der Rest zertrampelt ist, bleibt unangetastet und die Übeltäter legen Wert darauf, dass sich zwischen Ihnen und mir stets der See befindet.

Wenn ich Ihnen die Maiskörner am Futterplatz hinwerfe, kommen sie vorsichtig und leise, ohne den sonst üblichen akustischen Terror zu verursachen.

Wenn Reue bedeutet, dass man durch Einsicht zu einem höheren Bewusstsein gelangt, so gelange ich gerade zu der Erkenntnis, dass es Wesen gibt, die Liebe und Güte als Schwäche interpretieren.
Ich erinnere mich an die Berufsschullehrer in meiner Vergangenheit, die liebevoll und hilfsbereit den Schülern Fähigkeiten vermitteln wollten, dass diese in der Lage sein sollten, künftig einen Job auszuüben. Dafür wurde ihnen Verachtung und Hohn genau dieser Schüler entgegengebracht.

Und gerade diese Kombination aus Dummheit und Arroganz ist es, deren Vormarsch ich aus der Ferne beobachten kann.
Muss ein toleranter Mensch Intoleranz tolerieren? Nein!
Es gibt für alles Grenzen und wenn wir nicht bewusst sagen: „Hier ist Schluss!“, dann werden uns die Gänse solange den Salat wegfressen, bis wir lernen, unsere Grenzen klar und deutlich mitzuteilen.

 

 

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