Wir kochen Ayahuasca – die Heilung des Kriegers

Feitio Tag 4

Wenn der dritte Tag schon verzerrt war, sollte das wohl dazu dienen, dass am vierten Tag die Auflösung wartete.

 Wie immer fing alles harmlos an.

6:00 Uhr Morgengebete und Meditation mit Yoga

9:00 Frühstück

Danach Daime kochen.

Der Hexer von heute

Ich nutzte die Zeit, um ein paar Fotos zu machen.

Irgendwie hatte sich ein Kochteam organisiert, dass völlig selbstständig arbeitete und den anderen eine große Freiheit erlaubte.

Topfträger

12:00 Mittagsgebet mit Meditation, anschließend Mittagessen.

Das Essen war sehr konstant.

Es gab frisch gepflückten Salat, der direkt auf dem Gelände angebaut wird, und gekochte Manjokwurzeln, eine afrikanische Variante unserer Kartoffel.

Essen!

Die gab es auch zum Frühstück und als Abendessen.

Je nach dem, wer das Essen zubereitete, gab es verschiedene Varianten, und an manchen Tagen waren echt leckere Sachen dabei.

Ansonsten gab es eben ein paar Tage hintereinander „Salat mit Salzkartoffeln“.

Am vierten Tag allerdings wollte sogar Jiva kein Manjok mehr essen….

Nach dem Mittagessen und dem danach stattfindendem Daimekonsum stellte sich wieder eine unwahrscheinliche Unschärfe ein.

Dass soll heißen, dass es unwahrscheinlich ist, dass ich mich scharf an diesen Tag erinnern werde.

Ich will versuchen, die Wirkung von Daime in kleinen Dosen zu beschreiben.

Dabei möchte ich darauf hinweisen, dass es einen erheblichen Unterschied gibt, ob man DMT-haltige Produkte im Rahmen einer spirituellen Zeremonie mit entsprechend erfahrenen Menschen einnimmt, oder als  „Partydroge“ mißbraucht!

Wenn ich in den Urlaub fliegen will, muss ich eben zum Flughafen. Wenn ich ins Einkaufszentrum gehe, habe ich zwar auch Abwechslung, aber eben keinen Flug in ein anderes Land. So ähnlich verhält es sich mit der Intension vor der DMT Einnahme.

Es hat überhaupt nichts vergleichbares von Alkohol, Marihuana oder Morphium.

Im Gegenteil. Wenn Alkohol und Morphium eher betäubend wirken, wirkt Daime sensibilisierend.

In Verbindung mit der fast unberührten Natur bedeutet das, dass sich ein Gefühl von bodenständiger Ruhe einstellt und gleichzeitig ein scharfes Beobachten der Umgebung zulässt.

Die Unterkunft der freiwilligen Helfer

 

Der ewige Kommentator, der irgendwo im Gehirn sitzt, wird nicht mehr als „mein Gedanke“ sondern eher als „ein Gedanke“ wahrgenommen.

Es erfolgt sozusagen eine Differenzierung von den Gedanken und dem, was „ich“ bin.

Daraus resultiert ein interessanter Zustand. Ich kann meine gedankliche Qualität entscheiden. Wenn ich also in der friedvollen Natur bin, kann ich sehr gut die Gedanken zulassen, die friedvoller Natur sind.

Meine Eltern haben mir früher mal zum DMT-Konsum erzählt, dass das wie eine „rosa Brille“ wirke, und deshalb die Menschen abhängig würden, weil sie die schlimme Wirklichkeit nicht mehr sehen.

Das ist völliger Quatsch und bezeugt nur die tragische Unwissenheit, der westlichen Zivilisation und der desaströsen Glaubenssätze, die dort verbreitet werden.

Der Schornstein raucht im Urwald

Ich möchte eher sagen, man erkennt die grundlegende Schönheit in allen Dingen und die Falschheit in allem, was Angst und Beklemmung verursacht.

Ich kenne leider den Urheber nicht, aber sein Werk heißt „The power of now“

Dort heißt es: „Die Angst vor der Illusion ist real!“

DMT-haltige Substanzen entlarven diese Illusion.

Wenn „Gut“ und „Böse“ die zwei Enden eines Fadens sind, so erkennt man mehr und mehr, dass es sich um einen Faden handelt. Ohne Böse gibt es kein Gut, und egal an welcher Stelle des Fadens man sich befindet, gibt es immer eine Gute und eine Böse Seite.

Irgendwann sieht man nur noch den Faden und erkennt seine gesamte Wichtigkeit und Richtigkeit.

Wird Daime höher dosiert, bekommt es ganz andere Qualitäten. Das sollte ich am fünften Tag erfahren.

 

Feitio Tag 5

Ich denke mal, dass ich mir die Beschreibung des Tagesablaufes sparen kann.

Heute war Tag der Zeremonie.

Hier wurden letztens noch Lianen gedroschen

Was ich besonders schön fand war, dass wieder zahlreiche Bewohner von Source Temple dabei waren.

Vielleicht war das der Grund, weshalb die Zeremonie äußerst heftig wurde…

Ich saß etwas abseits, damit ich mich um Jiva kümmern konnte, die ebenfalls teilnehmen durfte. Sie schläft zwar oft, aber wenn sie aufwacht guckt sie immer, ob ich noch da bin. Deshalb habe ich mich entschieden, mich für sie gut sichtbar zu positionieren.

Derjenige, der das Daime ausschenkte, war ein Mensch, mit dem ich mich sehr gut verstehe. Er guckte mich an und fragte: „Willst du was mehr haben?“ ich antwortete: „Bitte verlasse dich auf deine Intuition!“

Er dachte kurz nach, nickte und ich bekam „etwas mehr“…

„Gott segne deine Reise!“

Ich bemerkte recht schnell, dass die Wand zwischen der spirituellen- und der physischen Welt zunehmend dünner wurde. Ich sah den uns umgebenden Wald und spürte, wie mich die Bäume und Sträucher wohlwollend beobachteten. Auch zu Jiva veränderte sich mein Verhältnis grundlegend!

Ihr Verhalten ist jederzeit makellos, ich vermag es nur nicht immer zu erkennen.

Der Kommentator in meinem Kopf schlief langsam ein, und es entstand ein meditativer Zustand.

Plötzlich erwuchs eine Präsenz in mir, die ich nur archetypisch beschreiben kann. Ein alter Krieger. 

Ein alter Indianerhäuptling, ein alter Kreuzritter, irgendetwas, was sowohl eine große spirituelle wie kriegerische Erfahrung und Kraft hatte.

In mir entstand ein Gefühl von immenser Kraft und tiefer Ruhe.

„Ok“ dachte ich, „warten wir, bis es los geht!“

Bis dahin waren die Gesänge eher ruhig und „weiblich“. Aber wenn diese Präsenz in mir erwacht, wird es in der Regel interessant.

Doch es kam anders.

Meine eine Hand kraulte Jiva, die andere war auf meine Trommel gelegt, und ich betrachtete die Zeremonie wie ein alter General, der das Schlachtfeld überblickt.

Ich wartete, bis meine Kraft und meine Erfahrung benötigt würden, bis dass die Schlacht meinen Einsatz erfordert.

Doch plötzlich meldete sich etwas in mir. Ich weiß nicht mehr, was es war, aber die Botschaft war eindeutig!

„Entspanne dich! Der Krieg ist vorbei!“

„Was? Was war das?“ ich wollte meinen Gedanken nicht glauben!

„Der Krieg ist vorbei?“

Ich war fassungslos! Oder besser die Präsenz in mir war fassungslos.

„Was? All die Jahre…. einfach vorbei? Von jetzt auf gleich? Wie?… Was ist passiert?“

Ich schaute mich um.

Überall sangen glückliche Menschen und wiegten sich voller Freude zur Musik. Ein älterer Mann neben mir schäkerte mir einem Baby, alles war erfüllt von Frieden und Leichtigkeit und voller Liebe.

„Frieden?“ dachte ich… „das erklärt die ganze Unordnung hier, die Disziplinlosigkeit, das Durcheinander!“

„Wir haben Frieden!“ mir schossen die Tränen in die Augen!

„Wir haben endlich Frieden! Nach so langer Zeit!“ Ich wollte aufspringen und laut rufen „Wir haben endlich Frieden!“, wusste aber gleichzeitig, dass das eher eine allgemeine Irritation auslösen würde. Ich wusste auch nicht, wie lang die Zeit des Krieges war, aber sie muss sehr lang gewesen sein.

„Aber… wieso habe ich das Signal nicht gehört? Wieso hat mir keiner Bescheid gesagt?“

Die Signalmuschel

In diesem Moment blies jemand in eine große Muschel und drei langgezogene, helle Töne erklangen.

„Das Signal! Wir habe tatsächlich Frieden!“

Meine Emotionen überrannten mich nun endgültig.

Ich kam mir fast blöd vor. Alle außer mir wussten scheinbar die ganze Zeit, dass wir Frieden hatten.

Ich saß immer noch in meiner Generalspose auf dem Stuhl, doch ich konnte den Strom der Rührungs- und Freudentränen nicht mehr kontrollieren. Bäche von Tränen liefen über meine Wangen.

Ich verstand plötzlich, wieso sich in der Community alle mit „Bruder“ anreden. Das ist keine Floskel, kein „wir sagen das, weil wir so spirituell sind“. 

Es ist das Resultat der Abwesenheit von Trennung.

Es ist ernst gemeint!

Tausend fragen schossen mir durch den Kopf!

„Wenn jemand im Krieg stirbt, und anschließend wieder-geboren wird, denkt er dann immer noch, er sei im Krieg?“

„Ist das derzeitige Aggressionsniveau in Deutschland deshalb so hoch, weil wir ein ganzes Volk haben, das keinen Friedensvertrag hat?“

„Was macht ein Krieger, wenn kein Krieg mehr ist?“

Nach der Zeremonie gab es wie immer etwas zu essen, und zum ersten Mal in meinem Leben musste ich mein Essen nicht wie sonst verschlingen!

Ich saß unter dem Sternenhimmel, sah die Silhouetten der Palmen vor dem dunklen Blau des Himmels und konnte mit Genuss und voller Friede den Salat und die Manjokwurzeln zu mir nehmen.

Am nächste Morgen erwachte ich völlig entspannt in einer friedlichen Welt.

Meine Wahrnehmung hat sich komplett geändert!

Ich musste an die Romane der Scheibenwelt denken. An den Mann, der sein Leben lang mit einer Ente auf dem Kopf lebt, weil keiner ihm sagt, dass er eine Ente auf dem Kopf hat.

Wieviele dieser Knoten habe ich noch in meinem Kopf?

 

Der Mond ist aufgegangen

 

Die restlichen Tage war ich mehr oder weniger damit beschäftigt,  die Erfahrung der vergangenen Zeremonie irgendwie zu verdauen.

Es gab noch eine Zeremonie, doch die war eher ein integratives Klatschen und Singen.

Selbst das Bad aus einem Gemisch aus Ayahuascatee und Lehm habe ich nur am Rande registriert.

Und wenn ich mir nach dieser Woche meine Timeline auf Facebook ansehe, wie Gutbürger gegen Wutbürger gegen Imigranten kämpfen, kommt mir die sogenannte zivilisierte Gesellschaft äußerst unzivilisiert vor…

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