Zivilisationsvergiftung

Das Leben in meiner Einsiedelei hat mir einige Klarheit über mein Wesen und die daraus resultierenden Probleme in meiner Vergangenheit verschafft.

Zum Beispiel meine Abneigung gegen Menschenmassen.

Wenn mich Ein Freund in unserer Jugend immer dazu aufforderte, ihn zu einem Wein- oder Straßenfest zu begleiten, suchte ich immer händeringend Ausreden, was mir jedoch nie wirklich geglückt ist.

Also rein ins Gedränge und Geschubste, und schnell zur nächstbesten Fressbude, für „Erdung“ sorgen. Ein Döner erdet sehr gut.

Wenn der Magen voll ist, stellt sich Stabilität ein. Dann schnell ein paar alkoholische Getränke reinkippen, damit der Realitätsfilter nur noch einen wahrnehmbaren Bereich von zwei Metern Radius zulässt, und kurz darauf legte sich die innere Unruhe.

Das Gefühl ist schwer zu beschreiben und vergleichbar, als schwimme man inmitten eines bodenlosen Ozeans. Das Wasser ist aber nicht ruhig, sondern überall schwappen Wellen chaotisch auf und ab, während die Wasseroberfläche übersät ist mit Plastikmüll und Treibgut.

Doch das Schema Essen und Alkohol hat sich bewährt.

Auch später auf dem Jahrmarkt, sowie den Weihnachtsmärkten. Erstmal die „Tour de 3000 Kalorien“. Currywurst mit Pommes rot-weiß, Schaschlik, frittierter Seelachs und obendrauf ein paar Kartoffelpuffer. Anschließend im bayrischen Zelt ne Maß Bier oder ein paar Glühweine mit Schuss, gerne auch heißen Met.

Solange, bis das Krakelen und Hupen der Fahrgeschäfte, das Palaver der anderen Menschen das Schubsen und Rempeln und das Gedudel der Weihnachtsmusik sowie die anderen Millionen äußeren Reize erträglich wurden.

Dann war ich mindestens 30 Euro los und konnte zufrieden nach Hause, eine Tüte rauchen, um den Schmerz der verlorenen Euro zu mildern.

Letzte Woche fragte mich Laura, ob ich mit ihr und ihren drei Kindern nach São Paulo fahren wolle. Der Kleinste, Raphael, ist sechs Jahre alt geworden und die ganze Familie feiert. Zusätzlich ist noch Geburtstag einer alten Freundin von ihr, die ich unbedingt kennen lernen müsse.

Ich habe in der jüngsten Vergangenheit für mich eine neue Philosophie entdeckt. Die radikale Akzeptanz.

Egal, was passiert, was auf dich zukommt, oder weggeht, nimm es an mit Gelassenheit und Gleichmut.

Also fahren wir nach São Paulo!

Betonurwald

Ich übernahm die Hinfahrt und nach ca 2 Stunden gemütlichen Fahrens auf einer der  autobahnartigen Schnellstraßen erreichten wir die Außenbezirke von São Paulo. Noch 60 km bis zum Ziel.

60 Kilometer 3 bis 4 -spurige Straßen, gefüllt mit LKWs, Bussen, Autos und Motorrädern, die hupend durch das Chaos hindurchflitzen.

Dazu das mechanische Gequäke der Navigationsfrau aus Lauras Telefon. Natürlich schwappte die lange Fahrtzeit und die Schwingung der 20 Millionen Einwohnerstadt auch auf die drei Kids auf der Rückbank über, was für weitere Tumulte sorgte.

Genau mein Ding!

Wenn ich eben noch das Bild von einem wogenden Ozean benutzt habe, könnte ich hierfür das gleiche Bild nutzen, nur müsste ich noch ein paar Jetskifahrer und Motorboote einbauen, die durch die Wogen heizen, sowie kreischende und heulende Kinder die in dem Müll rumplantschen.

 Wie ich später erfuhr, erfolgte die Navigation vor 10 Jahren mit Hilfe von Straßenkarten. Dabei hatte die „Straßenkarte“ das Ausmaß dessen, was die Älteren von uns noch als „Telefonbuch“ kennen.

Das relativierte die nervige Quäkstimme aus dem Hendi ein wenig. Mit Straßenkarte hätten wir sicher zwei Tage gebraucht.

Irgendwann zur Mittagszeit hatten wir es geschafft, wir waren am Ziel:

Dem Haus von Raphaels Vater.

Altbewährte Verhaltensmuster meldeten sich.

Erst mal was essen! Im Supermarkt gegenüber kaufte ich zwei Packungen Schokoladenkekse eine Tüte mit Minisalamis und eine Liter Eistee. Nicht, weil ich es mochte, sondern weil es das kleinste Übel im Angebot war.

Der Vollständigkeit halber muss ich etwas zu meiner derzeitigen Ernährung sagen.

Seit Monaten habe ich keine Getreideprodukte und schon gar kein Fleisch mehr gegessen. Ebenfalls ist mein Alkoholkonsum auf Null herabgefallen.

Dazu gab es in der vergangenen Woche, als wir Ayahuasca gekocht haben, ausschließlich Manjoksuppe mit Salat sowie ein Bisschen Reis.

Ich stopfte meinen Einkauf in mich hinein, doch das erwünschte Gefühl der Erdung stellte sich nicht ein.

Zum Mittagessen machten wir Nudeln mit Tomatensauce, doch auch ein zweiter Teller konnte mir keine innere Ruhe bringen.

Wie war es bei Watzlawik? „Mehr des Selben!“

Wir ließen die Kinder beim Vater und fuhren zur Geburtstagsfeier der Freundin Juliana, die ca eine halbe Stunde Fahrt weiter weg wohnte, und wo wir übernachten sollten.

In meinem Kopf entstand eine vielversprechende Gleichung: Party = Essen + Alkohol.

Beides Rettungsringe, die ich mir in meinem emotional vermüllten Ozean erhoffte.

Es gab haufenweise Weißbrot und drei Aufstriche. Einer aus Kichererbsen, einer aus Möhren und einer aus irgendetwas anderem, sowie 3 Flaschen Bier.

Auf Parties in Brasilien hält sich niemand an seinem „eigenen“ Bier fest, wie in Deutschland. Jeder hat ein Glas (ca. 200 ml), und wer eine Flasche aufmacht, der schenkt sich und den anderen ein. Wenn nichts mehr da ist, ist nichts mehr da.

Dafür gab es Gitarrenmusik am Lagerfeuer im Hintergarten und etwas Marihuana.

Musik im Hinterhof

Leider hat sich mein Organismus in Bezug auf Santa Maria ebenfalls verändert. Das Gras ist selbst bei minimalem Konsum ein direkter Uplink ins Nirwana unter Zurücklassung sämtlicher sozialer Kompetenzen.

Anders Formuliert, zwei mal dran gezogen und ich sitze die nächsten Stunden irgendwo in der Gegend rum und bin für nichts und niemanden ansprechbar.

Jedenfalls für niemandem aus der physischen Welt.

Im Nachhinein wäre das das richtige gewesen, denn ich musste mich auch so in Meditation begeben, nachdem ich ohne spürbaren Erfolg fast die Hälfte des Weißbrotes und des Aufstriches aufgegessen hatte.

Ein paar Worte zur Architektur São Paulos.

Fast jeder noch so kleine Platz ist bewohnbar gemacht. Ist der Abstand zwischen zwei Häusern größer als eine kreuzberger Dönerbude, wird ein Dach drüber gesetzt und eine Wohnung draus gemacht.

Somit sind die Straßen voll von sehr merkwürdig geschnittenen und verschachtelten Wohnungen und Häusern.

São Paulo

Küchen und Bäder sind meist gefliest. Sowohl der Boden als auch die Wände bis zur Decke. In diesem Fall waren es diese gelblich-karamellfarbenen Fliesen, die in Deutschland in der Nachkriegszeit verwendet worden sind.

 

Die Böden der anderen Räume sind ebenfalls gefliest, die Wände verputzt oder einfaches Sichtmauerwerk.

Die Beleuchtung besteht oft aus einer kahlen Energiesparlampe in der Farbtemperatur eisig-weiß mit mindestens 150 Watt.

Auch in Brasilien kommt die Musik aus dem Computer und nur wenige Menschen verfügen über externe Boxen, die einen erträglichen Klang abgeben.

Die Partymusik ist Südamerikanisch mit einem hohen Anteil an Akkordeon, das virtuos schnell gespielt wird.

In den gegebenen Räumlichkeiten hat das ganze den Charme von Free Jazz in einer leeren Waschküche, wobei die Mitten und Bässe herausgefiltert worden sind.

Dazu kommt die lebhafte Unterhaltung von ca 8 Partygästen, die alle durcheinander reden sowie die Geräuschkulisse des Fernsehers, mit dem ein kleines Kind beschäftigt wurde.

Genau mein Ding!

Am nächsten Morgen as ich lustlos das übriggebliebene Weißbrot, dann fuhren wir zurück zum Vater des Geburtstagskindes.

Er brauchte noch… Weißbrot!

Klar, was sonst braucht man für eine gute Party?

Also fuhren wir zum nächsten Supermarkt. Raus aus dem Wohngebiet, rauf auf die Stadtautobahn, und zum Glück hat der Carrefour eine eigene Ausfahrt, die zugleich Zufahrt zum Parkplatz ist.

Stadtautobahn

45 Minuten sind Gratis, danach wird es stufenweise teuer!

45 Minuten bis eine Stunde umgerechnet 7 Euro!

Weiter habe ich nicht geguckt…

Also rein in den Konsumtempel!

Flackernde Lichter, hetzende und schleichende Menschen mit ausdruckslosen Gesichtern, Musik, die in 10 Sekundenintervallen von Durchsagen unterbrochen wurde, riesige Fernseher zum Anpreisen von Sonderangeboten, schreiend bunte Verpackungen in meterlangen Regalen.

Und das auf einer Fläche von mindestens zwei Fußballfeldern.

Ich versuchte mich, auf meine innere Stille zu konzentrieren und wir gingen direkt in die hauseigene Bäckerei. Durch eine große Glasscheibe kann man beobachten, wie Brote, Kuchen und sonstige Backwaren von kundigen Händen frisch zubereitet werden.

Ein paar Ciabattas geschnappt und weiter!

Aus einem Sonderangebotstisch fischte ich noch schnell eine Plastikdose, da ich Jivas Napf vergessen hatte. 2,99 Realis statt 5,99, also ein Euro statt zwei.

Wir gingen zur Kasse und hatten bis dahin 27 Minuten gebraucht!

Das Brot wurde getrennt bezahlt, dann kam meine Dose.

PIEP! – „5,99 bitte!“

„Die Dose ist im Angebot und kostet 2,99“ antwortete ich.

„Ah, so! Wo habe sie die her?“

Ich guckte die junge Kassiererin verständnislos an. „Von einem Tisch in ihrem Laden.“ antwortete ich ruhig, wusste aber gleichzeitig, dass die Antwort nicht hilfreich sein würde.

„Eher von da“ sie zeigte nach links, „oder eher von da?“ sie zeigte nach rechts.

„Eher von da!“ sagte ich und zeigte auf die Mitte. 

„Ah, so.. einen Moment bitte…“

Schon kam eine junge Frau auf Inlineskates angefahren, ergriff meine Dose und verschwand im Getümmel.

33 Minuten… 

„Bin mal gespannt, wie das weiter geht“ dachte ich.

Die Warterei ließ meine Aufmerksamkeit auf die Restaurants fallen, die sich zwischen den Kassen und dem Ausgang befanden.

„Sushi??!“ Wie lange hatte ich kein Sushi mehr gegessen? „Wasabi! Meine Güte! Endlich mal etwas mit Geschmack“ meine innere Stimme der siebenköpfigen Made schlug Purzelbäume vor Glück!

Aber mittlerweile nur noch 10 Minuten kostenfrei parken… Und von meiner Plastikdose war keine Spur zu sehen.

„Wo sind denn die Toiletten?“ fragte ich ruhig und höflich.

„Die Kollegin ist unterwegs und kommt gleich zurück!“ war die emotionslose Antwort.

„Willkommen in der Zukunft!  KIs sind als als Kassierer tätig“ dachte ich still und wiederholte meine Frage.

„Ah, so… da hinten!“

Als ich wieder kam war meine Plastikdose immer noch nicht aufgetaucht.

Doch dann, wie aus dem Nichts erschien die junge Inlineskaterin mit meiner Dose, programmierte flink die Kasse um, und wir konnten bezahlen und gehen.

Auf dem Parkplatz kam uns Jiva freudig entgegen gesprungen!

Diese Blutsverwandte von Houdini hat sich durch den Fensterspalt gezwängt und mit den Jungs geschäkert, die die Einkaufswagen einsammeln.

Auf den letzten Drücker verließen wir den Parkplatz.

„Lass uns schnell noch Raphaels Großmutter abholen!“ schlug Laura vor. „Klar doch!“ antwortete ich und fragte mich gleichzeitig, ob meine neue Philosophie der radikalen Akzeptanz wirklich so gewinnbringend ist, wie ich sie mir vorgestellt hatte.

Raphaels Großmutter wohnt in einem der vielen Hochhäuser São Paulos, deren Grundschema einer Festung oder einem Gefängnis ähnelt, je nachdem, durch welche Brille man schaut.

Sicherheitsgefühle

Vor der Tür stand ein VW Bus, der Hamburger verkaufte! Endlich was zu essen!

Wie lange hatte ich kein Fleisch mehr gegessen?

Hamburger werden in Südamerika grundsätzlich in Plastiktüten serviert, was sogar aufgebackene Brötchen in Sekunden fade um matschig macht, während der knackfrische Salat direkt gedünstet wird.

Lecker ist anders…

Weiter zum Hochhaus.

Drei Meter hohe Zaunanlage, Stacheldraht, Stahltore für Tiefgarage und Fußweg, dahinter ein höher gelegener Pförtnerraum mit verspiegelten Scheiben.

„Es fehlen Schießscharten…“ dachte ich mir leise.

Nachdem uns der Pförtner Einlass gewährt hat, durchquerten wir eine peinlichst genau gepflegte Rasenfläche und betraten den Empfang eines der beiden dort befindlichen Hochhäuser.

Braune Sofas mit Plastikbezug und niedrige Tische mit Illustrierten sowie eine leblose Topfpflanze und zwei Aufzüge.

Alles war steril und sowohl leb- wie lieblos.

Wir fuhren in den vierten Stock.

Die Wohnung bestand aus einer Perlenschnur von kleinen Durchgangszimmern, die wiederum von kurzen Fluren verbunden wurden. Von den Fluren gingen das Bad und WC ab.

Die Fenster waren mit Stahlgitter des Modells „Alcatraz“ verschlossen.

„Im fünften Stock Gitterfenster? Können eure Einbrecher so hoch springen?“ scherzte ich.

„Die sind da, damit keiner rausspringt, um sich das Leben zu nehmen.“ war die lakonische Antwort.

„DAS ist Psychoterror!“ dachte ich mir. „Man baut Wohnhäuser, die so steril, beengt und unlebendig sind, dass man zwangsläufig depressiv wird, und dann vergittert man die Fenster! Ein diabolisches Meisterwerk!“

Nach einem kurzen Smalltalk brachten wir die Großmutter zum Kindergeburtstag.

Hei war der Trubel groß! 

Natürlich war auch die Familie von Raphaels Vater da, mit Opa, Oma, Geschwistern und deren Kindern.

Raphael freute sich über seine Geschenke, die fast ausschließlich aus Plastikrobotern bestanden, die über einen minderwertige Lautsprecher übersteuerte Lasergeräusche und irgendwelche Sprachfetzen von sich gaben.

Ich brauchte was zu essen!

In der Küche standen drei große Metalltabletts. Alle drei waren versehen mit Sandwichtoastbrot, das mit Thunfischpaste bestrichen war.

Die Qualität ähnelte den Sandwiches, die man an Autobahntankstellen in diesen dreieckigen Plastikschachteln kaufen kann, nur fehlte der Salat, und der Geschmack nach etwas anderem als Fisch.

„Ey! Deutscher! Willst du ein Bier?“ Endlich eine vernünftige Lösung zum Umgang mit diesen faden Thunfischsandwiches. „Ja, bitte!“ ich bekam ein Glas, trank noch ein zweites, dann war das Bier alle.

Ich beschloss, mit Jiva spazieren zu gehen. Einmal um den Block.

Und was war da, keine 20 Meter von der Party entfernt?

Ein Straßengrill!

Ich bestellte sofort einem Fleischspieß und ein Bier und quatschte ein wenig mit den Gästen, die schon zugegen waren.

Das Fleisch war so, dass ich Jiva die Hälfte abgab, obwohl ich ihr für die Zukunft hochwertige Nahrung versprochen hatte. Auch das Bier half nicht wirklich weiter. 

Also zurück zur Party.

Die erdende Schwere, die ich in meinem Magen ersehnte, verdichtete sich allmählich zu einem Klumpen…

Jemand kam mit einem Tablett mit Kroketten! Welch eine Freude!

Während ich mit einem freundlichen „Dankeschön“ eine Krokette mit Daumen und Zeigefinger aus der Mitte des Tabletts ergriff, schnappte ich noch zwei weitere, durch die Hand verdeckt, mit dem Ringfinger und dem kleinen Finger.

Ich steckte die erste Krokette in den Mund und hörte noch mit einem halben Ohr „Bacalhau!“… „Kabeljau!“

Es waren keine Kroketten, es war frittierter Fischmatsch.

Meine neue Philosophie stellte mich auf die Probe…

Der Klumpen in meinem Magen verdichtete sich.

Endlich wurde der Geburtstagskuchen angeschnitten.

Kind im Glück

Ein Kunstwerk aus Sahne und Zucker, das von zwei Schichten Tortenboden zusammengehalten war.

Wann hatte ich doch gleich das letzte Mal Milchprodukte zu mir genommen?

Dunkel erinnerte ich mich an die geschmacksneutralen Käsewürfel von gestern Abend, doch davor?

Dazu gab es „Dolce de leite“, ein mit Zucker eingedicktes Konzentrat aus Kondensmilch, das oft mit Schokolade umhüllt als Praline, oder im 500 ml Glas als Brotaufstrich angeboten wird.

Zu meiner emotionalen Unruhe kam nun noch körperliches Unwohlsein.

Auf der anderen Straßenseite befand sich eine Kneipe. Der Fernseher übertrug in plärrender Lautstärke ein Fußballspiel, das von den drei angetrunkenen Gästen noch lauter kommentiert wurde. Nebenbei wurden im selben Moment aktuelle politische Themen diskutiert.

Ich bestellte ein Bier und bekam eine Literflasche in Thermoverpackung, ähnlich einem Sektkühler.

Bier muss in Brasilien kalt sein.

Dabei gibt es zwei Arten von Kalt. 

Für den durchschnittlichen Brasilianer sind 15 Grad Celsius so kalt, dass er mit Wollmütze rumläuft. 

Und dennoch trinkt er bei 15 Grad Außentemperatur Bier, dessen Temperatur vom Kühlschrank mit -2,5 Grad angegeben wird. Gerade so kalt, dass keine Eisstückchen drin rumschwimmen.

Natürlich in einer Termoverpackung, damit es nicht warm wird.

Der stetig gewachsene Klumpen in meinem Magen wurde jetzt schockgefrostet.

Wie war der Spruch, den ich auf Facebook gelesen habe?

„Manchmal halte ich es wie Alice im Wunderland. Ich esse und trinke alles, was ich bekommen kann, in der Hoffnung, meine Lage zu verbessern.“

Irgendwann in der Nacht fuhren wir zu Julianas Haus zurück.

Der Morgen war geprägt von Magenkrämpfen.

Juliana bereitete eine Zeremonie für ihren Frauenkreis vor. Sie sagte mir, dass ich gerne im Wohnzimmer bleiben könne, wenn ich mich nicht wohlfühle. Die Zeremonie hält sie in der extra dafür umgebauten Garage ab.

Doch der Geruch der Räucherstäbchen, sowie der Gedanke an rumwuselnde, trommelnde Frauen, die wahrscheinlich ihre Menstruation feiern, bewog mich dazu, mich diskret ins Auto zurück zu ziehen.

Der Klumpen in meinem Magen war über Nacht in Form eines Ziegelsteines in den Darm weiter gewandert, und dort zum Stehen gekommen. Die Bauchspeicheldrüse produzierte literweise Säure, und die Galle unterstützte sie mit vollem Einsatz.

Wie gut, dass ich im Auto lag.

So konnte ich einfach die Fahrertür öffnen und die Überproduktion unter dem Auto entsorgen, ohne mich viel bewegen zu müssen.

Aufgrund meines Zustandes entschlossen wir uns, diese Nacht noch bei Juliana zu verbringen und am Montagmorgen früh um 5:00 Uhr abzureisen.

Vor Sonnenaufgang ist São Paulo richtig ruhig.

Der Verkehr nahm erst zu, als wir auf der Schnellstraße waren, die die Randbezirke durchquert.

Laura fuhr die gesamte Strecke zurück, während ich mehr tot als lebendig auf dem Beifahrersitz saß.

Um 09:00 Uhr setzte sie mich im Haus am See ab, und ich legte mich direkt ins Bett, in dem ich noch die nächsten drei Tage verbringen sollte.

Und was ist nun mit der Philosophie der radikalen Akzeptanz?

Ich bin mir sicher, dass ich mir sehr nachhaltig bewiesen habe, dass es an der Zeit ist, weitere liebgewonnene Verhaltensmuster abzulegen, da sie offenbar wertlos geworden sind.

Und offensichtlich haben alle Begleitumstände dazu beigetragen, mir diese Erfahrung zu ermöglichen. Wieso also etwas ablehnen?

Das Resultat is ein weiterer, vielleicht nicht ganz sauberer, aber zweifelsfrei effektiver Schlussstrich in meinem Leben.

Ich werde mich ernsthafter um meine vegane Ernährung kümmern und auf künftigen Ausflügen immer etwas eigenes zu essen und mein eigenes Wasser dabei haben.

Weiterhin werde ich die Meditation der inneren Stille verbessern.

São Paulo! Ich komme wieder!

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