Revolution der kleinen Leute

„Der weise Mann kämpft nicht. Somit kann ihn niemand besiegen.“ Laotse (glaube ich…)

Die Präsidentschaftswahl im Herbst 2018 hat die brasilianische Bevölkerung gespalten.

Der konservative Teil erhofft sich durch den Präsidenten Bolsonario eine Reduzierung der Kriminalität, weniger Drogenprobleme und eine wirtschaftliche Stabilisierung des Landes.

Der andere Teil befürchtet eine Militärdiktatur. Interessanter Weise können beide Recht haben, denn Amerika hat Brasilien noch vor dem Ausgang der Wahl 96 gepanzerte Fahrzeuge zur „Landesverteidigung“ geschenkt.

Aber wer soll Brasilien angreifen?

Nach dem Amtsantritt hat sich Bolsonario erst mal zwölf gepanzerte Limousinen zugelegt, ein Hinweis darauf, wo er seine Gegner vermutet…

Doch in einem kleinen Dorf in den Bergen zwischen São Paulo und Rio de Janeiro spüren die Bewohner die tiefe Wahrheit in den Worten Laotses.

 

Manchmal lernt man Leute kennen, die andere Leute kennen, plötzlich gibt es Querverweise zu Leuten, die man schon kennt, und auf einmal sitzt man inmitten einer Fortbildung für Familienbetriebe in Sachen biologischer Agrarbetrieb.

Ein junger Mann mit Flipchart und Beamer erklärt ein paar Bauern auf der Veranda eines Farmhauses, wie Natur funktioniert. 

Die Präsentation ist humorvoll, er bindet die Zuhörer mit in den Dialog ein und macht kleine Spielchen, um die Mechanismen der Natur zu verdeutlichen.

Nachhilfe für Biobauern

Die Bauern gehören zu einer selbstorganisierten Gruppe von Familienbetrieben, die ausschließlich ökologischen Anbau betreiben.

Sie halten überhaupt nichts von Monsanto, genetisch behandeltem Saatgut und jeglicher Form von Giften auf ihrem Familiengrundstück.

Blumen ziehen Nützlinge an, die Schädlinge bekämpfen

Sie arbeiten hart und der Ertrag hält sich noch in Grenzen. Doch das, was sie vereint ist das Leuchten in ihren Augen, wenn sie ihre Gärten und Beete zeigen und die Pflanzen, die schon erfolgreich gedeihen.

Um ihre Produkte zu verkaufen mussten sie einen eigenen Bio-Markt in Cunha organisieren, weil auch in Brasilien Biozertifikate für den Vertrieb in Supermärkten notwendig sind.

Cove, der brasilianische Kohl

Jeden Donnerstag bauen sie ihre Stände neben der Kirche auf und verkaufen, was sie haben. Sieben Möhren hier, drei an einem anderen Stand, Petersilie, etwas Weißkohl, ein Bisschen Brokkoli und überall Cove, eine Kohlsorte, die in Brasilien sehr beliebt ist.

Im  Vergleich zu einem deutschen Supermarkt ist das Angebot verschwindend gering, doch für die Bauern eine Möglichkeit, zu überleben.

Cintia ist Brasilianerin, hat aber in Holland Marketing studiert. Sie hilft auf freiwilliger Basis bei bürokratischen Hürden.

Einer der Bauern, Pedro, ist Ende Vierzig und hatte noch nie in seinem Leben einen Personalausweis, eine Geburtsurkunde oder eine Meldebestätigung.

Seine Eltern waren Hausmeister, Caseiros, und lebten in einem kleinen Haus auf dem Grundstück ihres Arbeitgebers.

Sie starben, als Pedro fünf Jahre alt war.

Der Besitzer ließ Pedro dort leben, während sich eine Nachbarin um ihn gekümmert hat. Das Land wurde vererbt und verkauft, doch Pedro lebt immer noch im Haus seiner Eltern, ca 15 km von Cunha entfernt. 

Cintia hat ihn auf dem Weg zu den Ämtern begleitet, stellt Businesspläne für die weitere Vermarktung auf und organisiert die heiß begehrten Zertifikate, damit die Produkte auch im Supermarkt verkauft werden können.

Mein Vorschlag, die Bauern mit Hilfe von Freiwilligen aus dem Workaway.org — Programm zu unterstützen, löste Begeisterung aus.

Diese Farm wird von drei Schwestern geführt

Nächste Woche treffen wir uns, um das auszuarbeiten.

Und was ist nun mit der Revolution?

Zum Einen ist mir aufgefallen, dass fast alle großen Revolutionsführer zu früh gestorben sind, um etwas von ihren Bemühungen zu haben. Ebenso geht es mit den Widerstandsbewegungen und deren Vertretern.

Irgendwie heißt es immer „…. hat sein Leben für den Kampf für die Freiheit, Gerechtigkeit u.s.w. gelassen.“

Was im Grunde nichts anderes heißt als: „Wenn du für Freiheit, Gerechtigkeit u.s.w. kämpfst, riskierst du dein Leben.“

Somit halten sich die Nachahmer in Grenzen.

Zum Anderen macht jeder Angriff auf ein System macht das System stärker.

In den 70 er Jahren haben die Polizisten in Deutschland Demonstrationen im kurzärmeligen Hemd und Bundfaltenhose begleitet. Dann haben sie auf der Startbahn West in Frankfurt ein paar blaue Flecken abbekommen und heute laufen sie in Full Turtle Panzerungen herum.

 

Ich halte es für Unsinn, sich auf einen Kampf einzulassen, bei dem der Gegner die Regeln gemacht hat.

„Nimm was du hast, und mache das Beste daraus!“ klingt in meinen Ohren vernünftiger.

Und das ist genau das, was ein paar Familien in Cunha machen. 

Nicht nur im Bereich der Landwirtschaft. Ich habe eine junge Frau kennen gelernt, die die kleinste Schokoladenfabrik in Cunha eröffnet.

Doch davon ein ander mal…

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