Horse spirit

Als ich 14 Jahre alt war, habe ich meine Herbstferien auf einem Reiterhof verbracht. Dort habe ich die Grundregeln des Reitens und der Pferdepflege gelernt.
Das Ziel war, nüchtern gesagt, die sachgemäße Nutzung und
Wartung eines Pferdes.
Bei der Arbeit in einem Tierheim kommen aber ganz andere Aspekte hinzu…

Eines der Pferde, die ihr Leben lang, vor einer Kutsche angespannt, in der Stadt herumstehen und auf Touristen warten, war Pegasus.

Diese Tiere sind das, was man im dunkelsten Sinne unter Nutztieren versteht.
Wenn sich genug Interessenten einfinden gibt es eine Rundfahrt von ein paar Kilometern durch die Stadt.
Das einzige, was das Pferd in seinem Leben sieht sind Asphalt, Beton und Autos, sowie ein paar Menschen, die zu faul zum Laufen sind.
Hauptsächlich stehen sie und warten. Sie warten darauf, bewegt zu werden, oder darauf, dass diese Tortur endlich ein Ende hat.

Ist das Pferd dann zu alt für diese Arbeit, wird es irgendwo hingestellt. Wie ein altes Auto, dass es nicht mehr bis zum Schrottplatz geschafft hat und nun am Straßenrand verrottet.
In Brasilien kümmert es keinen, wenn ein freilaufendes Pferd auf dem Grünstreifen einer Hauptverkehrsstraße grast, und noch weniger, wo es Wasser herbekommt.

Eines dieser Pferde, Pegasus, hatten wir im Santuario de Pachamama aufnehmen können. Zusammen mit anderen Pferden, die zum Teil ebenfalls aus erbärmlichen Haltungen kamen, konnte es frisches Gras fressen, Wasser aus dem Fluß trinken und auf natürlichem Boden laufen.

Lorival, ein Angestellter des Santuarios, schneidet jeden Morgen ein großes Bündel eines speziellen Grases, schiebt es durch einen Häcksler, und schleppt die Schnitzel dann in Säcken auf die Koppel. Dies ist eine Art Nahrungsergänzung für die Pferde, die sonst nur das „normale“ Gras fressen, dass hier wächst.

Pferdeidylle

Doch für alles gibt es eine Zeit, so so kam auch für Pegasus die Zeit, diese Welt wieder zu verlassen.

Eines Nachmittags stand Lorival vor meiner Tür. „Kannst du mir helfen, das Pferd aufzuheben? Es ist umgefallen!“

„Klar doch“ dachte ich, und wir zogen das abgemagerte Tier am Hals und am Schweif wieder hoch, dass es stehen konnte.
Allerdings stellten wir dabei fest, daß eines der Hinterbeine eine Verletzung hatte, und das Bein insgesamt sehr schwach war.

Ana Gaia und Pegasus

Am folgen Tag mussten wir das Pferd erneut hinstellen, aber es funktionierte nicht. Das Bein konnte das Gewicht des Körpers nicht mehr tragen.
Immer wieder versuchte Pegasus, aufzustehen, doch er fiel kraftlos zurück und schlug mit dem Kopf auf den Boden.
Aus einem großem Mehlsack, gefüllt mit Gras und Erde, machten wir ihm ein Kopfkissen.

Der Verband wurde erneuert, als wir neues Material hatten…

Wir ließen Pegasus über nacht im Stall liegen, in der Hoffnung, die Wunde am Bein würde heilen und er sich erholen.

Der folgende Tag war ein Auf und Ab an Emotionen. Als ich morgends den Stall betrat, war Pegasus äußerst kraftlos.
Dazu ist er in der Nacht bei seinen Aufstehversuchen vom Kopfkissen gerutscht, so daß er nun zusätzlich kleinere Verletzungen am Kopf hatte.

Ein neuer Verband sieht besser aus

 

Und auch das Knie wurde versorgt

Auch war eines seiner Knie nun aufgescheuert.
Wir behandelten seine Wunden, reichten Gras und Wasser und im Laufe des folgenden Stunden erholte er sich zusehends.
Doch er schaffte es einfach nicht, aufzustehen.

Wasser aus dem Wasserfall und frisches Gras

In der folgenden Nacht hat Pegasus diese Welt verlassen.

Nun ist es in Brasilien auf dem Land üblich, verstorbene Tiere einfach dort liegen zu lassen, wo sie verendet sind. Ich konnte das zwei mal beobachten.
Das versorgt Aasfresser mit Futter, ermöglicht dem Interessierten, der jeden Tag mit seinem Hunden spazieren geht, einen Einblick über die einzelnen Stadien der Verwesung, doch vor allem erspart es dem Besitzer viel Arbeit.

Es liegt auf der Hand, dass man das auf einem Grundstück mit über hundert Hunden nicht machen kann.

„Und was machst du so im Tierheim?“
„Löcher für Pferde…“

Also hoben wir zu dritt eine entsprechend große Grube aus und übergaben Pegasus an Mutter Erde.

Mögest du im Tod den Frieden finden, der dir im Leben nicht gegönnt war.

 

Dieses Pferd hat sein ganzes Leben in Sklaverei verbracht. Ich wünsche mir zutiefst, daß er noch die Erfahrung machen konnte, dass es Menschen gibt, die dem Leben grundsätzlich mit Respekt begegnen. Daß es Menschen gibt, die Tiere als ihre Mitbewohner ansehen, mit denen sie sich ihren Wohnraum auf der Erde teilen.

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